Fünf Stunden lang sollen sie miteinander gesprochen haben. Am Ende bekamen die amerikanischen Fernsehzuschauer, die am Sonntagabend aufblieben, um sich das mit Spannung erwartete TV-Interview des «ABC»-Journalisten George Stephanopoulos mit dem im Mai 2017 entlassenen FBI-Direktor James Comey anzuschauen, aber nur einen Bruchteil dieses Gesprächs zu sehen – 40 Minuten vielleicht, unterbrochen durch Werbespots, Rückblenden in den Wahlkampf 2016 und unnötigen Kommentaren von weiteren «ABC»-Journalisten. Und dennoch reichten diese 40 Minuten aus, um das Bild, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit von Comey gemacht hat, zu zementieren. Der grossgewachsene 57-Jährige wirkte teilweise arrogant, selbstbezogen, klatschsüchtig, volkstümlich und ausgesprochen provokativ. Eine Mischung, mit der er sich in Washington wohl keine neuen Freunde machen wird. Andererseits: Comey scheint kein Mann zu sein, der nach neuen Freunden sucht.

Am stärksten hängen blieben sicherlich die klaren, deutlichen Worte, die der ehemalige Direktor der mächtigen Bundespolizei über seinen alten Chef fand. Comey nannte Trump einen «notorischen Serienlügner», und einen Mann, der Frauen behandle wie ein «Stück Fleisch». Trump, sagte Comey, sei «ungeeignet», das Amt des Präsidenten auszuüben – und zwar nicht, weil er geistig nicht auf der Höhe sei. Ganz im Gegenteil, findet Comey, Trump sei überdurchschnittlich intelligent. Er verfüge aber nicht über das notwendige Wertgerüst. «Er ist moralisch ungeeignet für das Amt des Präsidenten.» Comey verglich Trump deshalb auch mit einem Mafiaboss – weil er als ehemaliger New Yorker Staatsanwalt einen gewissen Erfahrungsschatz mit dieser Spezies Mann gesammelt habe.

Trumps Bitte an Comey

Geradezu atemberaubend war aber auch, was Comey über die Episode ausplauderte, die ihn, den ehemaligen FBI-Direktor, zu einem wichtigen Zeugen von Sonderermittler Robert Mueller machen – ein Treffen im Oval Office des Weissen Hauses zwischen dem FBI-Direktor und dem Präsidenten im Februar 2017. Damals soll der Präsident ihn darum gebeten haben, die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den entlassenen Nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn einzustellen. Comey habe diese Aussage als Aufforderung und Befehl verstanden, sagte er dem Fernsehsender «ABC». Dies sei sicherlich ein Beleg dafür, der Präsident habe die Arbeit der Justiz behindern wollen – eine Straftat. Flynn half dies alles nicht. Er gab im Dezember 2017 vor Gericht zu, FBI-Agenten angelogen zu haben.

Andererseits wies Comey darauf hin, dass ein Staatsanwalt über zusätzliche Beweismittel verfügen müsste. Auch deutete der ehemalige FBI-Direktor an, dass russische Regierungskreise sehr wohl belastendes Material über Trump verfügten und ihn auf diese Art und Weise gefügig machten. «Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages den amtierenden Präsidenten in diesen Worten beschreiben würde.»

Comey schert sich nicht darum, neutral zu sein

Kritiker von Comey werden sich an diesen Einschätzungen reiben – weil er dabei mehrere unsichtbare Grenzen überschreitet und sich keine Mühe mehr gibt, neutral zu wirken. Interessant daran ist, dass der FBI-Direktor George Stephanopoulos anvertraute, dass er Präsident Barack Obama nie unterstützt habe – wiewohl ihn dieser zum FBI-Direktor ernannt hatte – und er 2016 nicht an der Präsidentenwahl teilgenommen habe. Andererseits räumte er auch ein, dass seine langjährige Gattin und wohl sämtliche seiner fünf Kinder – vier Töchter und ein Sohn – im Wahlkampf 2016 Hillary Clinton unterstützt hätten.

Patrice, seine Gattin, mit der er seit drei Jahrzehnten verheiratet ist, habe ihm im Wahlkampf aber versichert: «Schau, ich weiss, was du machst. Ich verstehe, dass du versuchst, die Institutionen zu beschützen.» Und auf genau diese Begründung griff Comey zurück, um seinen wohl umstrittensten Entscheid zu begründen – seine späte Intervention in das Ringen um das Weisse Haus, wenige Tage vor dem Wahltag 2016. Er hätte es vorgezogen, sagte Comey, wenn er im Oktober nicht hätte ankündigen müssen, dass er die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wieder aufgenommen habe. «Aber ich hatte keine andere Wahl», denn wenn er die neue Untersuchung kaschiert hätte, hätte diese «katastrophale» Folgen haben können, insbesondere dann, wenn Clinton die Wahl gewonnen hätte. «Sie wäre eine illegitime Präsidentin gewesen.»

Dass es nicht soweit gekommen ist, dafür trägt auch James Comey eine gewisse Verantwortung – weil er sich im entscheidenden Moment auf Meinungsumfragen abgestützt hat. Auch deshalb fällt es vielen Amerikanern schwer, dem Mann, dessen neues Buch im Original «Eine übergeordnete Loyalität» heisst, nun Glauben zu schenken.