Das Demonstrieren sind die Armenier gewohnt. Mancher Beobachter sagt da einfach: «Armenier demonstrieren, weil Armenier demonstrieren.» Dieses Mal ist aber vieles anders. Zwei bemerkenswerte Dinge haben die Proteste, ob in der Hauptstadt Jerewan oder in der Provinz, zutage gefördert. Nach nur kurzer Zeit haben die Demonstranten den ehemaligen Präsidenten Sersch Sargsjan von seinem Ministerpräsidenten-Posten verjagt. Dieser hatte es sich angemasst, seine Herrschaft auf unbegrenzte Zeit zu verlängern. Nicht einmal eine Woche hatte Sargsjan sich als Premier gehalten – und musste bei seinem Rücktritt eingestehen: «Nikol hatte recht, ich war im Unrecht.»

Diesem Nikol – dem einstigen Journalisten und jetzigen Protestanführer Nikol Paschinjan – fliegen die Herzen der Demonstranten zu. Sie wollen ihn an der Macht sehen und mit ihm als Ministerpräsidenten ein neues Armenien. Er war der einzige Kandidat für das Amt nach Sargsjans Rücktritt. Ein «Kandidat des Volkes», wie er selbst sagte. Auch das war eine Überraschung: Die regierende Republikanische Partei Armeniens (RPA) hatte nach den Protesten niemanden für den Posten vorgeschlagen. Doch die herrschende Elite zeigte ihre Macht mit anderen Mitteln. Nach stundenlangen Reden im Parlament sägte sie Paschinjan ab – und trug dazu bei, dass das Land nun lahmgelegt ist. Mit ohrenbetäubenden Hupkonzerten, Siegesrufen und einer Entschlossenheit, erst dann vom Protest mit Strassenblockaden und Streiks abzukehren, wenn die RPA ihre Macht abgegeben hat.

Die Demonstranten wollen das System zerstört sehen

Den Demonstranten geht es in erster Linie nicht darum, Paschinjan auf den Stuhl des Premiers zu hieven. Nicht um diese Personalie. Es geht um ein ganzes System, das sie zerstört sehen wollen – die typischen Probleme eines postsowjetischen Landes mit Oligarchen, Seilschaften, Korruption. Wie sie da fröhlich durch die Strassen tanzen, in ihrem kleinen, armen Land voller schwieriger Nachbarn, erwecken die Armenier den Eindruck, dieser Erneuerungsprozess sei auf dem Höhepunkt angekommen. Der Generalstreik aber ist erst der Anfang einer politischen Bewährungsprobe im Land. Der Druck darf nicht ausarten, will Armenien tatsächlich mit «samtenen» Mitteln Reformen erzwingen. Dabei baut auch «Volksheld» Paschinjan auf Europa und Russland zugleich. Auch das ist durchaus bemerkenswert.

Von der EU, mit der Armenien seit Ende vergangenen Jahres eine vertiefte Partnerschaft pflegt, erhofft man sich wirtschaftliche Entwicklungsperspektiven, auf Russland ist das Land sicherheitspolitisch angewiesen. In Gjumri, der zweitgrössten Stadt Armeniens, sind 3000 russische Soldaten stationiert – als Garantie im Streit mit Aserbaidschan um das umstrittene Bergkarabach. Anders als in der Ukraine lebt in Armenien keine grosse russische Minderheit, bei der Moskau auf die Idee käme, sie «retten» zu wollen. Deshalb verhält sich der Kreml erstaunlich ruhig.

Mindestens eine Woche dürfte der Ausnahmezustand in Armenien anhalten, dann steht die erneute Wahl eines Premiers an. Ein Schwebezustand, unterlegt mit armenischen Musikklängen.

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