Tunesien

Armee der Arbeitslosen bedroht die letzte Hoffnung des Arabischen Frühlings

In Kasserine an der Grenze zu Algerien lieferten sich junge Leute schwere Strassenschlachten mit der Polizei.

In Kasserine an der Grenze zu Algerien lieferten sich junge Leute schwere Strassenschlachten mit der Polizei.

Regierung verhängt nach schweren sozialen Unruhen ein Ausgehverbot

«Wir kommen uns vor, als seien wir zurück in den Jahren 2010 und 2011», schrieb die Zeitung «Al-Shorouk». Seit Tagen wird die verarmte und vernachlässigte Zentralregion Tunesiens von heftigen Protesten junger Arbeitsloser erschüttert, die sich mittlerweile zu den schwersten sozialen Unruhen seit dem Arabischen Frühling vor fünf Jahren ausweiten.

Damals kam hier der Volksaufstand gegen die Diktatur von Zine el-Abidine Ben Ali ins Rollen, als sich in dem staubigen Städtchen Sidi Bouzid der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Verzweiflung selbst angezündete.

Jetzt demonstrieren wieder Tausende junger Leute – diesmal gegen die demokratisch gewählte Regierung in Tunis. In der 80000-Einwohnerstadt Kasserine nahe der Grenze zu Algerien errichteten sie Strassensperren aus brennenden Autoreifen und lieferten sich schwere Schlachten mit der Polizei. Bisher forderten die Tumulte zwei Tote und über 400 Verletzte. «Wir haben genug von den leeren Versprechungen», skandierten die Arbeitslosen.

Die Führung reagierte alarmiert und verhängte gestern Freitag für unbestimmte Zeit eine Ausgangssperre über das gesamte Land, die von 20 Uhr bis 5 Uhr gilt. Denn auch an der Küste und in der Hauptstadt brodelt es. Dort randalierten in den ärmeren Vorstädten Banden von Jugendlichen. Polizeiautos wurden angezündet, zwei Kaufhäuser geplündert und eine Bankfiliale gestürmt.

Tourismus ist am Boden

Premierminister Habib Essid verkürzte seine Europareise und berief das Kabinett für heute Samstag zu einer Krisensitzung ein. «Wir haben keinen Zauberstab, der die Probleme über Nacht löst», sagte er vor seinem Rückflug aus Davos, wo er am WEF teilgenommen hatte.

Präsident Beji Caid Essebsi räumte ein, seine Regierung habe eine sehr schwierige Lage geerbt. «700000 Menschen sind arbeitslos, 250000 davon junge Leute mit Hochschulexamen», sagte er.

Aber nach den beiden Terrormassakern mit 60 Toten vor dem Bardo-Museum in Tunis und am Mittelmeerstrand von Sousse liegt auch die Tourismusindustrie am Boden.

Die Reisebranche war Motor und Rückgrat der Volkswirtschaft. 400000 Menschen lebten in guten Zeiten vom Fremdenverkehr. Weitere zwei Millionen profitierten indirekt als Fahrer, Handwerker, Ladenbesitzer oder Landwirte, das ist die Hälfte aller tunesischen Arbeitnehmer. In den guten Jahren trug das Urlaubsgeschäft 19 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei.

Doch nach den Attentaten 2015 blieben mit einem Schlag zwei Millionen Besucher weg – mit über 30 Prozent der schlimmste Einbruch in der Geschichte des nordafrikanischen Landes.

Demokratie erfolgreich eingeführt

Auch sieht es nicht danach aus, dass Tunesien der Terrorgefahr künftig besser Herr werden kann. 3000 Tunesier kämpfen an der Seite des «Islamischen Kalifates», das grösste Ausländerkontingent aller arabischen Staaten. Mehr als 12000 junge Verführte wurden bisher an der Ausreise nach Syrien und Irak gehindert.

Trotzdem gelang es Tunesien als einziger Nation der arabischen Volksaufstände, nicht aus der post-revolutionären Bahn zu fliegen und sämtliche demokratische Institutionen erfolgreich zu etablieren – Verfassung, Parlament, Präsident und Regierung.

Gründe dafür sind die starke Zivilgesellschaft und die mächtigen Gewerkschaften, die das Land zusammenhielten, die politischen Kontrahenten des säkularen und islamistischen Lagers zu Kompromissen zwangen und dafür im Oktober 2015 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

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