Armut

Argentinien hofft – und hungert: Jeder Zehnte ist auf Lebensmittelhilfe angewiesen

44 Millionen Menschen leben in Argentinien. Jeder Dritte lebt in Armut. (Bild: Keystone)

44 Millionen Menschen leben in Argentinien. Jeder Dritte lebt in Armut. (Bild: Keystone)

Die Corona-Krise steigert die Angst vor einem Wirtschafts-Crash. Besonders hart könnte er Argentinien treffen, das jetzt schon am Boden ist. Eine Reportage.

Das gelbe Haus ist ein auffälliger Farbtupfer mitten im Armenviertel San Pablo in einem Vorort der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Es ist kurz vor neun Uhr morgens. Vor der Tür versammeln sich zahlreiche Kinder. In wenigen Minuten können sie rein an den Frühstückstisch. Über dem Eingang steht in grossen Buchstaben geschrieben: «Lechería».

«Milchladen»: So nennt sich die Organisation, die hier für jene sorgt, die sonst nicht durchkommen würden. Vor über 30 Jahren, als alles anfing, war die Lechería ein einfaches Holzhäuschen, wo die Kinder der armen Familien jeden Tag ein Glas Milch bekamen. Heute ist im grossen Haus ein Esssaal, eine Bibliothek, Unterrichtsräumen und eine Werkstatt untergebracht. 280 Kinder werden hier täglich versorgt: mit Mahlzeiten und Unterricht.

San Pablo ist ein schwieriges Pflaster, Gewalt gehört zur Normalität. Die Menschen leben auf engstem Raum in kleinen, unverputzten Behausungen mit Blechdächern, die kaum vor Kälte und Nässe schützen. Strassen und Gassen sind schmutzig und nachts dunkel. Schüsse in der Nacht sind nicht selten. Das Schlimmste von all dem: San Pablo ist keine Ausnahme. Elendsviertel gibt es viele in Argentinien.

Jeder zehnte Argentinier kriegt den Bauch nicht voll

Die Armut ist hier ein Dauerthema. Aber in den letzten Monaten hat sich die Lage stark verschlechtert. Argentinien steckt tief in der Krise. Die Schulden des Landes belaufen sich auf mehr als 300 Milliarden Dollar. Jeder dritte der 44 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze, jeder zehnte in extremer Armut. Diese Menschen kriegen kaum genug zu essen. Die Preise in den Supermärkten steigen dennoch weiter. Mittlerweile sieht man selbst in der Hauptstadt Buenos Aires Menschen, die auf dreckigen Matratzen auf der Strasse schlafen.

Unter der schweren Krise leiden aber nicht nur die untersten Gesellschaftsschichten. Auch Familien aus der Mittelklasse kommen kaum noch durch. Die Zahl der Argentinier, die ihr Land fluchtartig verlassen, steigt an.

Alleine schaffts Argentinien nicht mehr aus der Krise

Seit Dezember regiert der Mitte-Links-Politiker Alberto Fernández das riesige Land. Er hat der Armut den Kampf angesagt, mit dem Programm «Plan gegen den Hunger». Seit Januar werden Lebensmittelkarten an sozial schwache Familien verteilt. Damit können sie für einen festgelegten Betrag jede Woche Nahrungsmittel in den Supermärkten einkaufen.

Laut der argentinischen Regierung konnten bereits 1,4 Millionen solcher Karten an bedürftige Menschen abgegeben werden. Bis Ende März sollen alle bedürftigen Familien in Argentinien eine erhalten.

Das Schlimmste ist damit abgewendet. Doch Argentinien steht trotz allem kurz vor einem wirtschaftlichen Crash. Die Inflation ist mit rund 55 Prozent eine der höchsten weltweit. Ein aktueller Bericht der Internationalen Währungsfonds hält fest, dass das Land die Krise aus eigener Kraft nicht überwinden werden kann: Die Schuldenlast ist schlicht zu gross.

Genauso schwierig ist die Situation für Organisationen wie die Lechería, denen langsam aber sicher die finanziellen Mittel für ihre Hilfeleistungen ausgehen. Am Nachmittag wird es noch einmal laut im gelben Haus in San Pablo.

Bevor die Kinder nach Hause gehen, gibt es ein Zvieri für alle. Der Esssaal füllt sich wieder, nachmittags manchmal mit über 150 Kindern. Je nach Wochentag wird ihnen Obst, ein Sandwich mit Käse und Schinken oder Milchreis aufgetischt. Dann schliesst die Lechería ihre Tore, aber nur bis zum nächsten Morgen – vorläufig.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1