Hartmut Schauerte kennt Angela Merkel gut. Von 2005 bis 2009 war er Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und damit Teil von Angela Merkels erster Grosser Koalition mit der SPD. Doch heute, sagt der 73-Jährige, werde er gegen eine Neuauflage des Regierungsbündnisses mit den Sozialdemokraten stimmen.

Nach einem Zögern setzt er zur leisen Kritik an. Am Koalitionsvertrag. An der Vergabe der Ministerien, bei der sich die SPD drei Mega-Ministerien krallen konnte, darunter das Finanzministerium. Am schwachen Abschneiden der CDU bei den Bundestagswahlen. Merkel habe «die Notwendigkeit» erkannt, den Prozess zur Suche einer Nachfolgerin anzustossen, verweist er etwas verklausuliert auf die am Sonntag vorgestellte Liste der neuen CDU-Minister. Die Auswahl ist jünger, weiblicher. Ein Zeichen einer personellen Erneuerung. Mit dem Merkel-Kritiker Jens Spahn soll zudem einer aus dem konservativen Lager als neuer Gesundheitsminister ins Kabinett eingebunden werden.

«Profil eines abgefahrenen Reifens»

Kritische Voten wie von Hartmut Schauerte waren beim gestrigen Parteitag der CDU in Berlin öfter zu hören – kein Wunder, geriet die Partei zuletzt stark in die Kritik, auch aus den eigenen Reihen. «Die CDU hat das Profil eines abgefahrenen Reifens», sagte ein älterer Delegierter aus Baden-Württemberg. Dass Merkel der Ehe für alle den Weg bereitete, widerspreche den Vorstellungen der Konservativen in der Partei, meinte ein anderer. Die Schwäche der CDU «lässt mich nicht mehr ruhig schlafen», rief jemand in den Saal hinein. Doch Merkel hat die Partei noch einmal hinter sich gebracht, auch wenn die Zeit der Unantastbarkeit in der Partei vorüber zu sein scheint. Von den fast 1000 Delegierten stimmten lediglich 27 gegen die Neuauflage der Grossen Koalition. Auch die Wahl der vormaligen Ministerpräsidentin des Saarlands, Annegret Kramp-Karrenbauer, zur neuen CDU-Generalsekretärin ist ein Erfolg für Merkel. Die 55-jährige Merkel-Vertraute wurde mit 98,9 Prozent der Stimmen in das für die künftige Ausrichtung der Partei so wichtige Amt gehievt.

«Die kommen jetzt ins Prüflabor»

Entscheidend für die Geschlossenheit der Partei war weniger Merkels gestrige Rede, obschon die 63-Jährige auch auf ihre Kritiker eingegangen war. Zur Besänftigung beigetragen hat indes vor allem Merkels Zusammenstellung des künftigen Kabinetts. Merkel signalisiert mit der personellen Erneuerung des Kabinetts, aber auch mit der neuen Generalsekretärin, dass sie bereit ist, die Partei auf die Zeit nach ihrem Abgang vorzubereiten. Für dieses Signal mussten altgediente Merkel-Getreue wie Ex-Innenminister Thomas de Maizière weichen, die Wahl des erst 37-jährigen Jens Spahn zum neuen Gesundheitsminister soll ein Zeichen an die Konservativen in den Reihen der CDU sein, dass auch ihre Anliegen gehört werden. Spahns Einbindung in die künftige Bundesregierung ist durchaus geschickt. Sie besänftigt einen Teil ihrer Kritiker, als Gesundheitsminister wird der Hoffnungsträger der Konservativen indes kaum zum neuen Star des Kabinetts aufsteigen, vielmehr könnte er durch die Kabinettsdisziplin gezähmt werden. Zu vermuten ist ohnehin, dass Merkel eher darauf setzt, von der auf ihrer politischen Linie liegenden Annegret Kramp-Karrenbauer dereinst beerbt zu werden.

Auch der ehemalige Staatssekretär Hartmut Schauerte, seit mehr als 50 Jahren bei der CDU, ist von Kramp-Karrenbauer angetan. «In den nächsten vier Jahren wird die Nachfolge von Frau Merkel entschieden.» Annegret Kramp-Karrenbauer sei eine mögliche Nachfolgerin. Aber auch Jens Spahn könne in der CDU eine wichtige Rolle einnehmen: «Herr Spahn und Frau Kramp-Karrenbauer kommen jetzt ins Prüflabor.»