Corona-Virus

Angela Merkel: «Experten sagen, dass bis zu 70 Prozent infiziert werden»

Die Bundeskanzlerin bei der Pressekonferenz zur Corona-Epidemie.

Die Bundeskanzlerin bei der Pressekonferenz zur Corona-Epidemie.

Die Zahl klingt bedrohlich. Erst recht, wenn man daraus die Anzahl Schwererkrankten und die Todesfälle ableitet. Das zeigt, warum dringend weitere Massnahmen ergriffen werden müssen, um die Ausbreitung zu verlangsamen.

Als Angela Merkel diese Woche vor die Presse trat, um über die Corona-Epidemie zu informieren, brannte sich eine Aussage in das Gedächtnis vieler Deutscher ein.

Es klang bedrohlich, als die Kanzlerin das Wort ergriff, um deutlich zu machen, dass das dicke Ende erst noch kommen wird: «Wenn das Virus da ist und noch keine Immunität der Bevölkerung gegenüber diesem Virus vorliegt, keine Impfmöglichkeiten existieren, auch noch keine Therapiemöglichkeiten», meinte Merkel, «dass dann ein hoher Prozentsatz – Experten sagen 60 bis 70 Prozent  – der Bevölkerung infiziert werden.»

Bei Einer Bevölkerung von 82 Millionen Menschen wären das bis zu 57 Millionen Infizierte. Geht man von einer Sterblichkeitsrate von 1 Prozent aus, was Experten für realistisch halten, so würde das bis zu 570 000 Todesfällen bedeuten.

Für die Schweiz könnte das 60000 Todesfälle bedeuten

Dieselbe Rechnung lässt sich natürlich auch für die Schweiz machen. Bei einer Bevölkerung von gut 8 Millionen käme das Land auf 6 Millionen Infizierten, was 60000 Todesfälle bedeuten könnte. Selbst wenn die Sterberate nur halb so hoch wäre, was Experten derzeit hoffen, so entspräche das noch immer 30'000 Toten.

Doch Sorgen machen nicht nur Todesfälle, sondern auch die Überlastung des Gesundheitssystems. Wenn man davon ausgeht, dass von den 6 Millionen Infizierten 20 Prozent schwer erkranken, so wären das 1,2 Millionen Fälle. Wenn auch nur die Hälfte davon hospitalisiert werden muss, so wären das noch immer 600'000 Patienten.

Alle Massnahmen, die dazu beitragen, dass das Virus sich langsamer verbreitet und sich die Erkrankungen zeitlich möglichst verteilen, helfen, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu retten.

Schuld ist die hohe Ansteckungsgefahr

Merkel, die Physikerin, stützte sich bei ihrer Aussage, wie sie deutlich machte, auf die Einschätzungen von Experten. Die Bundesregierung greift auf die Analysen des Robert Koch Instituts (RKI) zurück, ein dem Bund angegliedertes Institut auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention.

Die von Merkel genannte Zahl von 60 bis 70 Prozent möglicher Infizierter äusserte beispielsweise Virologe Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, schon Tage früher. Doch wenn die Regierungschefin zu einer solchen Einschätzung kommt, mag das in den Ohren mancher Menschen noch bedrohlicher klingen.

Doch wie kommen die Experten in Deutschland auf diese horrende Zahl? Die Biologin Susanne Glasmacher vom Robert Koch Institut verweist auf die hohe Ansteckungsgefahr des Corona-Virus. «Man geht davon aus, dass ein Erkrankter etwa drei Menschen ansteckt. Um die Epidemie einzudämmen und das Corona-Virus in den Griff zu bekommen», so Glasmacher weiter, «muss die Zahl jener, die angesteckt werden, unter eins fallen.»

Der Faktor drei bei der Ansteckung durch das Corona-Virus sei dann durchbrochen, wenn etwa zwei Drittel der Bevölkerung mit dem Virus infiziert sind oder waren. «Ein Drittel der Bevölkerung ist in diesem Fall weniger als der Faktor eins.»

Die Biologin betont allerdings: «Entscheidend ist, dass bei dieser Berechnung der Zeitraum im Auge behalten wird. Diese 60 bis 70 Prozent beziehen sich auf einen Zeitraum von vermutlich mehreren Jahren.» Zudem stimme diese Berechnung auch nur dann, wenn nicht vorher ein Impfstoff gegen das Corona-Virus entwickelt werden könne.

Wie lange die Epidemie noch anhalten wird, sei kaum abschätzbar. «Wir wissen noch nicht, ob das Virus eine Saisonalität zeigt und auch nicht, ob die ergriffenen Massnahmen Wirkung zeigen werden.»

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