Mecklenburg-Vorpommern

Angela Merkel droht im CDU-Land ein wuchtiger Denkzettel

Ein AfD-Anhänger an einer Wahlkampfveranstaltung in Schwerin - die Partei hofft auf 20 Prozent der Stimmen.

Ein AfD-Anhänger an einer Wahlkampfveranstaltung in Schwerin - die Partei hofft auf 20 Prozent der Stimmen.

Im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, in dem Merkels CDU sonst wuchtig abräumt, wildern jetzt AfD-Kandidaten.

Die senfgelbe Farbe seines Anzugs korrespondiert mit den Fensterrahmen des Baumarktes und dem gelben Stuhl, auf dem Frank Schenk nun schon seit über 50 Minuten sitzt und über die Alternative für Deutschland (AfD), kostenlose Kita-Plätze und das klassische Modell einer Familie, die vielen Flüchtlinge und den Mangel an deutschem Schlager im öffentlichen Rundfunk redet. Das mit den Farben ist natürlich purer Zufall.

Dass wir uns zum Gespräch vor diesem türkischen Kebab-Laden neben einem Supermarkt und einem Kundenparkplatz treffen, das hat ganz praktische Gründe. Schenks Frau sitzt nebenan beim Frisör, und wie lässt sich die Wartezeit sinnvoller totschlagen als mit einem Gespräch über Politik. Und doch ist dieser uncharmante Ort in Tribsees ganz zufällig auch Sinnbild für die Geschichte von Frank Schenk und jener Region in Mecklenburg-Vorpommern, die zu den strukturschwächsten Deutschlands gehört.

Frank Schenk kandidiert bei den Landtagswahlen am Sonntag auf der Liste der AfD im Kreis Vorpommern Rügen. Sein Konkurrent auf der Liste ist ein politisches Schwergewicht im Bundesland, Harry Glawe, der CDU-Wirtschaftsminister. Aber eigentlich ist Schenk so etwas wie der direkte Gegenspieler der mächtigsten Frau der Welt. Frank Schenk wagt es, für die AfD im Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu wildern. Die Region ist oder nun vielleicht war politisch tiefschwarz, Merkel wird hier seit je wuchtig im Amt bestätigt, zuletzt 2013 mit über 56 Prozent der Stimmen. «In Vorpommern kann die CDU einen Besenstiel aufstellen, selbst der wird gewählt», lautet hier in der Region eine Redewendung.

«Hilfs-Nazis» und Populisten

Die Sache mit dem Döner-Imbiss ist deshalb symbolisch für so vieles, weil sie für die Schwierigkeiten der Region und das Bemühen Schenks um Abgrenzung steht. Als AfD-Politiker sieht sich Schenk dem Verdacht ausgesetzt, er sei ein Fremdenfeind. «Wir sitzen hier beim Türken», betont er mehrmals. «Würde ein Fremdenfeind beim Türken seinen Kaffee trinken?» Ein paar Sätze später erklärt Schenk fast entschuldigend, weshalb er für das Treffen einen Imbiss-Laden vorgeschlagen hat: «Es hat sonst nichts, weil die Jungen fortziehen.»

Rechtspopulisten, «Hilfs-Nazis», Rechtsextremisten – die AfD hat keinen guten Ruf, das haben sich die Gemässigten in der Partei freilich auch selbst zuzuschreiben, weil manche sich zu wenig klar von Fremdenfeinden distanzieren wollen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es laut NDR-Recherchen Überlappungen zwischen AfD und der rechtsextremen NPD, die hier, als letzte Bastion, noch im Landtag vertreten ist. Die Taktik, sich Konservativen, Merkel-Kritikern oder eben auch Xenophoben aus der NPD anzubieten, geht auf. Die AfD wird am Sonntag wuchtig in den Schweriner Landtag einziehen.

AfD-Mann Frank Schenk hat, seit er denken kann, die CDU gewählt, immer auch Angela Merkel. Die Entwicklung der letzten Jahre aber hat ihm Sorgen bereitet. Da waren die über eine Million Flüchtlinge, die Merkel ins Land gelassen hat, was Schenk nicht gut findet. Aber eigentlich geht es ihm weniger um die Flüchtlinge, von denen es in Mecklenburg-Vorpommern ohnehin nur ungefähr 11'000 gibt, was bei einer Bevölkerung von 1,6 Millionen etwa einem halben Prozent der Bevölkerung entspricht.

Was den 55-jährigen Briefträger in die Politik und eher zufällig zur AfD getrieben hat, ist vor allem das Gefühl, von den Regierenden nicht mehr gehört zu werden. Die Region droht wirtschaftlich abgehängt zu werden. Im Küstenstreifen prosperiert die Wirtschaft besser, da legt Mecklenburg-Vorpommern insgesamt seit Jahren zu, dort profitieren die Menschen von der Metropol-Region Hamburg, vom Tourismus und von der Windenergie-Branche. Vorpommern ist dagegen viel agrarischer geprägt, die Löhne sind tiefer, die Jungen ziehen fort.

Der wütende Bürgermeister

25 Kilometer weiter östlich von Tribsees gelegen ist das kleine Städtchen Grimmen mit seinen 10 000 Einwohnern. Zur Wendezeit waren es mal 14 000, viele sind fortgezogen, die Bevölkerung wird immer älter. Benno Rüster ist kein Mann, der mit dem Schicksal hadert. Seine Kleinstadt hat der CDU-Bürgermeister auf Vordermann gebracht, der Rathausplatz ist hübsch geschmückt, das Café gut besucht, die Hausfassaden herausgeputzt. In der Gemeinde nennen ihn die meisten respektvoll beim Vornamen, mit Jungen, die sich im Umfeld der NPD zu tummeln beginnen, sucht der höchste Mann in der Gemeinde persönlich das Gespräch. Wäre Rüster in den Augen der CDU-Spitze nicht so furchtbar renitent, sie würden ihm im Konrad-Adenauer-Haus von Berlin vermutlich ein Denkmal setzen. Rüster wurde bei der letzten Bürgermeisterwahl 2014 mit 85 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt, so glasklar hat das keiner aus seiner Partei geschafft. Doch ein Gratulationsschreiben der Kanzlerin hat Rüster nicht erhalten, zu kritisch geht er mit der Kanzlerin und seiner Partei ins Gericht.

Auch jetzt kann der 55-Jährige seine Wut auf die Politik seiner Parteifreunde nicht verbergen. Es klingt vieles ähnlich zu dem, was auch AfD-Mann Frank Schenk sagt. Die Menschen in seiner Region, sagt er, fühlen sich von den Politikern nicht mehr verstanden. «Die Menschen sind von Frau Merkel wahnsinnig enttäuscht. Die Stimmung gegen Merkel ist gekippt. In der Flüchtlingskrise hat sie die Ängste der Bürger einfach ignoriert, und alle, die ihrer Meinung nicht folgen, werden als Nazis verunglimpft», sagt Rüsters, hörbar in Aufregung. Eine Klatsche für seine Partei ausgerechnet in Merkels Wahlkreis, Rüster hält das für möglich. «Kommt es so weit, dann ist Unruhe in der CDU vorprogrammiert.» Eine Unruhe, die dringend notwendig sei, fügt der Bürgermeister hinzu: «Die Politiker wissen doch gar nicht mehr, wie die Leute hier leben. Die Politik hat sich zu weit von den Menschen entfernt.»

«Bei Merkel ist die Luft draussen»

Die Kluft zwischen der Politik und den Bürgern, die ist gewachsen. So empfinden es viele Menschen in Grimmen. Im Café vor dem Rathaus sitzt ein älterer Mann, seinen Namen nennen will er nicht. Stets hat er für die CDU und Merkel votiert, jetzt ist Schluss damit. «Die CDU braucht einen Denkzettel», sagt er. Viele äussern sich ähnlich.

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