Deutschland 1, England 0: Das ist für einmal keine Meldung von der Fussball-WM in Brasilien. Vielmehr gewinnt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gerade ein langes Spiel gegen den britischen Premier David Cameron.

Die beiden haben sich seit den Europawahlen Ende Mai in einem öffentlichen Ballwechsel gemessen, weil sie sich über den künftigen Präsidenten der EU-Kommission nicht einig sind.

Merkel will den Kandidaten des Parlaments, den christlich-sozialen Luxemburger Jean-Claude Juncker, an die Spitze der Kommission setzen. Cameron widersetzt sich, weil Juncker für ihn ein Euroturbo ist.

Nun scheint Merkel die Oberhand zu gewinnen. Kommende Woche treffen sich die 28 Staats- und Regierungschefs der EU-Länder, um ihren Kandidaten zu küren. Derzeit sieht es ganz danach aus, dass es dabei zu einer Kampfabstimmung kommen wird. Massgebend ist, dass 15 der Staats- und Regierungschefs, die 62 Prozent der EU-Bürger vertreten, für Juncker stimmen.

Nur Ungarn hilft den Briten

Cameron dürfte das Kräftemessen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verlieren. Nur Ungarn wehrt sich mit ihm zusammen gegen Juncker. Die Premiers aus den Niederlanden und Schweden hingegen haben ihren Widerstand weitgehend aufgegeben. Cameron denkt aber nicht daran, klein beizugeben: Er werde es auf eine Abstimmung ankommen lassen, liess sein Umfeld diese Woche in der britischen Presse verlauten.

Diplomaten versuchen derzeit fieberhaft, bis zum Ende des Spiels das Fairplay zu garantieren. Die Staats- und Regierungschefs treffen sich am kommenden Donnerstag und Freitag. Zunächst nehmen sie an einer Gedenkfeier zum Beginn des Ersten Weltkriegs in Ypern teil.

Von 1914 bis 1918 lagen sich in dem westbelgischen Städtchen deutsche und englische Soldaten in Schützengräben gegenüber. Sollten nun die deutsche Kanzlerin und der britische Premier ausgerechnet beim offiziellen Abendessen in dieser historisch belasteten Ortschaft aneinandergeraten, würde der Anlass in einem Kommunikationsdesaster enden, spekulierte die britische Presse. Darum sollen Gespräche über Juncker erst am Freitag beim offiziellen Arbeitstreffen des Gipfels in Brüssel stattfinden.

Die Frage ist, welche Zugeständnisse die Briten erhalten. Cameron hat sich unter dem Druck der EU-Kritiker in seiner Heimat weit aus dem Fenster gelehnt, um Juncker zu bekämpfen. Journalisten belagerten das Haus des Luxemburgers pausenlos. Nachdem Junckers alter Vater sogar als Nazi verunglimpft worden war, musste er unter Tränen richtigstellen, er sei im Zweiten Weltkrieg zum Dienst in der Wehrmacht gezwungen worden.

Wird Juncker nun trotz dieser hart geführten Kampagne Chef der EU-Kommission, ist das für Cameron auch eine bittere innenpolitische Niederlage.

Spekulationen über Zugeständnisse

Da die Briten voraussichtlich 2017 über einen Austritt aus der EU abstimmen werden, dürfte Merkel versuchen, Cameron mit Zugeständnissen das Gesicht einigermassen wahren zu lassen. Das Feld der Möglichkeiten ist dabei weit offen: Die Rede ist von einer Unterteilung der 28-köpfigen Kommission in Super- und normale Kommissare.

Möglich ist auch, dass Grossbritannien die wichtige Binnenmarktsdirektion erhält. Das sind aber alles Spekulationen; besonders grössere Umgestaltungen der Kommission sind wenig wahrscheinlich. Ziemlich deutlich zeichnet sich hingegen ab, welche Zugeständnisse Merkel anderen Ländern gemacht hat, damit diese Juncker unterstützen: Die EU könnte die Schuldenregeln lockern, damit Staaten wie Italien und Frankreich ihre Volkswirtschaften mit höheren Staatsausgaben ankurbeln können.

Die deutsche Kanzlerin kann sich somit darauf freuen, Ende nächster Woche wieder als lächelnde und siegreiche Mutter Europas aufzutreten. Nur ein Problem hat sie noch nicht gelöst: Der deutsche Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, Martin Schulz, wurde Zweiter bei den Wahlen und reklamiert nun den Posten des Vizepräsidenten für sich. Eigentlich wollte ihn Merkel dabei unterstützen. Auf einmal heisst es nun aber, Juncker würde lieber Merkels Parteifreundin Ursula von der Leyen neben sich sehen.