Es war einmal eine freundlich lächelnde Kandidatin, die gab sich betont staatstragend und liess im Land Plakate mit ihrem Konterfei und der Aufschrift «La France apaisée» aufhängen – «das befriedete Frankreich». Am Mittwochabend endete dieses Märchen brutal. Das TV-Streitgespräch der beiden Präsidentschaftsfinalisten, ein alle fünf Jahre geübtes Ritual der französischen Politik, hatte kaum begonnen, als Marine Le Pen zum Angriff überging.

«Lügnerisch, heuchlerisch, arrogant»

Ihr Gegenüber Emmanuel Macron nannte sie einen «kalten, zynischen Banker» und «Erben Hollandes», also des so unpopulären französischen Staatschefs. Und das war nur der Anfang. Macron kusche vor der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, giftete die Präsidentin des Front National; er schliesse gegenüber den Islamisten die Augen und unterhalte ein Offshore-Bankkonto. Persönlich sei er «lügnerisch», «heuchlerisch» und «arrogant».

Es war nur allzu offensichtlich, dass Le Pen den in den Umfragen führenden Rivalen aus der Reserve locken wollte. Sie schaffte es halbwegs: Der wahlpolitisch unerfahrene Politnovize gab hart zurück, bezeichnete Le Pen als «Erbin der Rechtsextremen» und bald auch als «Lügnerin», «Bastlerin», ja «Parasitin» jenes Systems, das sie angreife. Le Pen profitiere vom Elend der armen Wähler, sie wolle einen «Bürgerkrieg nach Frankreich holen» und gebe «Dummheiten» von sich, fügte er an.

Die Regionalzeitung «La Charente Libre» nannte das zweistündige, äusserst gehässige Duell einen «Faustkampf», und der Kommentator Christophe Barbier meinte: «Dieses Streitgespräch war nicht auf der Höhe einer Präsidialdebatte.» François Mitterrand, Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy hätten sich zwar in ihren TV-Duellen auch nichts geschenkt; nie aber sei es so gewalttätig zu und her gegangen wie bei Le Pen vs. Macron. Im Nachhinein wird auch verständlich, warum sich Chirac 2002 einem TV-Duell mit Marines Vater Jean-Marie Le Pen verweigert hatte.

Auf der Strecke blieben die Argumente, Fakten und Sachthemen. Pariser Medien zählten in der Debatte 19 verdrehte Tatsachen, wenn nicht Lügen. Die meisten gingen auf das Konto Le Pens. So etwa, wenn sie den früheren Wirtschaftsminister für Entscheide vor seinem Mandatsbeginn verantwortlich machte, oder wenn sie den «Ecu» als frühere EU-Einheitswährung wie den Euro hinstellte.

Auch Macron nahm es mit der Wahrheit nicht immer genau. Aber er wirkte trotzdem bedeutend seriöser und besser informiert. Das zahlte sich aus: In einer Umfrage bezeichneten ihn 63 Prozent der befragten Franzosen als Sieger des TV-Duells; nur 34 Prozent sprachen den Sieg Le Pen zu.

Das ist für Macron das Wesentliche. Vor dem zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag bleibt er mit einem Stimmenverhältnis von rund 60 zu 40 vor Le Pen. Dennoch geht er auch nicht als strahlender Sieger aus dem so unpräsidialen Schlagabtausch hervor.

Sichtlich bemüht, sich nicht unterkriegen zu lassen, erwies er sich als wenig souverän, auf jeden Fall als unfähig, den Sturmangriff der Gegnerin in Ruhe zu parieren. Dabei hatte schon der Präzedenzfall von 2007 gezeigt, dass selbst eine gewiefte Angreiferin wie Ségolène Royal am Schluss als Verliererin dasteht, wenn sich ihr Gegenüber – damals Sarkozy – in perfekter Selbstkontrolle zurücknimmt und eine präsidiale Aura gibt.

Gefragt sind Rhetoriker

Le Pen verfolgte offensichtlich die Strategie des Kandidaten und späteren US-Präsidenten Donald Trump, den Gegner per aggressivem Dauerbeschuss zu destabilisieren. Doch Frankreich ist nicht die USA: In den Pariser TV-Duellen werden die Kandidaten vor allem darauf getestet, ob sie «präsidiabel» sind, also für die hohe Funktion des Staatschef geeignet.

Gefragt sind nicht billige Maulhelden, sondern schlagfertige Rhetoriker. Sie sollen gewiss auch ein bühnenreifes Spektakel bieten, aber nicht mit Boxhandschuhen, sondern mit scharfer Zunge und intelligenten Voten antreten, die zugleich auch Auskunft über das Wahlprogramm bieten.

Macrons und Le Pens Schlagabtausch wirkte in keiner Hinsicht erhellend, auch nicht in zentralen Fragen wie dem EU-Kurs. Klar wurde nur, wie tief der Graben zwischen den sozialliberalen Proeuropäern und globalisierungskritischen EU-Gegnern geworden ist – und wie die politische Kultur dazwischen aufgerieben wird.

Die TV-Debatte in voller Länge können Sie hier nachschauen: 

Die grosse TV-Debatte vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich

Die grosse TV-Debatte vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich