Analyse

Amerikas schwarze Bürger sind gefangen in einem Teufelskreis, aus dem sie selber kaum je rausfinden

Einer von drei schwarzen US-Bürgern landet irgendwann im Leben hinter Gittern. Schuld daran ist u.a. Ex-Präsident Richard Nixon.

Einer von drei schwarzen US-Bürgern landet irgendwann im Leben hinter Gittern. Schuld daran ist u.a. Ex-Präsident Richard Nixon.

Analyse zur hohen Kriminalitätsrate unter Afroamerikanern – und zum strukturellen Rassismus in den USA.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Schwarze Amerikaner machen nur 13 Prozent der US-Bevölkerung, aber 40 Prozent der Gefängnisinsassen aus. Jedes zweite Tötungsdelikt wird von einem Schwarzen verübt und deutlich mehr Weisse werden von Schwarzen überfallen als umgekehrt. Die Zahlen lassen sich nicht wegreden – aber sie lassen sich erklären. Eine der Ursachen für das schlechte Abschneiden der Schwarzen in fast allen Kriminalstatistiken der USA ist der «strukturelle Rassismus». Der Begriff hält fest, dass nicht nur Individuen wie Sie oder ich rassistisch sein können, sondern dass auch ganze Gesellschaftssysteme auf Grundpfeilern aufgebaut sind, die Minderheiten benachteiligen.

Wenn also «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel mit Blick auf die breit abgestützten Massenproteste gegen Polizeigewalt in den USA fragt: «Wo sind die strukturellen Rassisten?», dann zielt die Frage am eigentlichen Problem vorbei. Der strukturelle Rassismus wird eben genau nicht von Personen getragen, sondern von Institutionen wie Banken oder Schulen. Wie struktureller Rassismus funktioniert, beschreibt die Soziologin Tricia Rose folgendermassen: Der amerikanische Rassismus ist auch nach der Abschaffung der Sklaverei 1865 und selbst nach der Abschaffung rassengetrennter Schulen, Busse und Strände 1964 nicht verschwunden. Viele Schwarze sind bis heute in einem Teufelskreis gefangen.

Und der geht so: Jahrzehntelang verweigerten Banken schwarzen Amerikanern Immobilienkredite. Das wirkt bis heute nach: Schwarze Familien kamen kaum zu attraktivem Bauland und haben heute im Schnitt ein zehnmal kleineres Vermögen als weisse. Sie waren gezwungen, in ärmere Gegenden zu ziehen.

Der Wohnort wiederum hat direkte Auswirkungen auf die Schulbildung. Schulen werden in den USA fast zur Hälfte über die Steuern der lokalen Bevölkerung finanziert. In den oft armen Schwarzen-Vierteln fehlt entsprechend das Geld für gute Lehrer. Förderklassen sind rar. «They’re throwing me in a class with a bad name» («Sie schicken mich auf eine Problemschule»), singt der Afroamerikaner Michael Jackson in seinem Song «They Don’t Really Care About Us» («Wir sind ihnen egal») noch 1995. Spezialfächer wie Sexualkunde, die lange als Sache der Familie angeschaut wurde, finden in solchen Schulen nicht statt. Das Ergebnis: Teenager-Schwangerschaften sind bei schwarzen Frauen mehr als doppelt so häufig wie bei weissen. Damit einher gehen oft zerrüttete Familienverhältnisse.

Am härtesten aber lastet das Justizsystem auf den Schultern der schwarzen US-Bevölkerung. 1972 erklärte der damalige Präsident Richard Nixon den Drogen in Amerika offiziell den Krieg. Die neuen Anti-Drogengesetze führten zu einer Verdreifachung (!) der Gefängnisinsassen. Heute sitzt etwa die Hälfte aller Sträflinge in den USA wegen Drogendelikten. Jeder zweite von ihnen (46 Prozent) ist schwarz. Das liegt auch daran, dass der Besitz und Handel von Crack (einer unter Schwarzen verbreiteten Droge auf Kokainbasis) viel härter bestraft wird als der Besitz und Handel von Kokain, das vor allem von Weissen konsumiert wird. John Ehrlichman, ein ehemaliger Berater Nixons, sagte 2016, die Drogengesetze seien damals spezifisch dazu verfasst worden, um härter gegen Schwarze vorgehen zu können.

Bis heute also leidet die schwarze Bevölkerung unter einem System, das ihr – sozusagen von Gesetzes wegen – schlechtere Karten in die Hände gibt – und zwar auch schlechtere Karten als etwa den asiatischstämmigen Amerikanern, die deutlich weniger von Politkampagnen wie Nixons «Krieg den Drogen» betroffen waren.

Diese Strukturen zu verändern, das braucht Zeit. Feststellen aber lässt sich immerhin: Michael Jackson hätte heute weniger recht als noch 1995, als sein berühmter Song erschienen ist: Die Schwarzen sind den Weissen nicht mehr egal. Auch das zeigen die Massenproteste in Amerika überdeutlich.

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