Hintergrund

Amerika, Land der Waffen

Keystone

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Während der Waffenbesitz pro Haushalt in den USA seit Jahrzehnten abnimmt, steigt die politische Macht der Waffenlobby NRA.

Im Nachgang des Amoklaufs in Newtown diskutieren die USA und die Welt das kontroverse Thema «Amerika und Waffen». Präsident Barack Obama versprach nach dem Massaker in einer emotionalen Rede «bedeutsame Massnahmen», um weitere Tragödien zu vermeiden. Doch strengere Waffengesetze zu erlassen, bedeutet in Amerika politischen Selbstmord. Denn Amerika ist – wie Michael Moores maliziöser Kinofilm «Bowling for Columbine» (2002) oder Kyle Cassidys genialer Fotoband «Armed America» (2007) dokumentieren – eine waffenverrückte Nation.

Die USA sind das Land mit dem höchsten privaten Waffenbesitz weltweit. 89 von 100 Amerikanern besitzen eine Waffe – das sind 270 Mio. Waffen für 304 Mio. Einwohner.

Eine schwindende Minderheit

Die Statistik trügt aber: Denn drei Viertel der Waffennarren besitzen mehrere Schiessgeräte. Überraschenderweise hat der Waffenbesitz pro Haushalt in den USA nämlich in den letzten vier Jahrzehnten deutlich abgenommen. Die Waffenbesitzer sind heute eine schwindende Minderheit. In jedem zweiten Haushalt gab es 1973 Waffen; 2010 nur noch in jedem dritten. Besonders bei den Männern nahm der Waffenbesitz deutlich ab. Bei den Frauen blieb der Anteil hingegen stabil bei rund 10 Prozent.

Der Rückgang erklärt sich mit demografischen und gesellschaftlichen Faktoren: Vor allem ältere, weisse Männer auf dem Land besitzen Schusswaffen. Die Jugend interessiert sich hingegen immer weniger für Waffen, es gibt an High-Schools immer weniger Schiessklubs und auch in Summercamps wird nur noch selten das Gewehrschiessen geübt. Auch das Interesse an der Jagd nimmt landesweit ab.

Trotzdem ist die Macht der Waffenlobby, angeführt von der 1871 gegründeten National Rifle Association (NRA), ungebrochen. In 49 von 50 Staaten gibt es ein Gesetz, das es Waffenbesitzern erlaubt, ausserhalb ihres Zuhauses versteckt eine Waffe zu tragen. (Einzig in Illinois ist dies verboten). Ein landesweites Verbot von halb automatischen Waffen trat unter Bill Clinton 1994 in Kraft; wurde aber unter George W. Bush 2004 nicht verlängert.

Die Geschichte von Waffenkontrollgesetzen in den USA ist deshalb schnell erzählt. 1934 und 1938 wurde in zwei Gesetzen der Privatbesitz von automatischen Waffen (Maschinengewehren) verboten. Der «Gun Control Act» von 1968 entstand im Sog der Politmorde an John F. Kennedy, an Robert F. Kennedy und Martin Luther King, Bill Clintons «Brady Act» (1993) im Nachgang zum Attentat auf Ronald Reagan 1981. Doch gleichzeitig, so dokumentiert Adam Winkler in seinem klugen Buch «Gunfight» (2011), gelang es der NRA in den Reagan-Jahren, eine neue Interpretation des Zweiten Verfassungszusatzes durchzusetzen: 1791 hatten die Gründerväter damit den Amerikanern das Recht geben wollen, bewaffnete Milizen zu bilden, um die Nation gemeinsam zu verteidigen. Erst unter Reagan gelang es der NRA, daraus ein Recht des Individuums, eine Waffe zu tragen, abzuleiten.

Entlang der Parteilinien

Nach dem Amoklauf in Aurora gab es im Sommer 2012 in Amerika eine Pew-Studie, wonach 47 Prozent der Befragten angaben, Waffenkontrolle sei wichtiger als Waffenbesitz; 46 Prozent hielten hingegen das Recht auf Waffenbesitz für wichtiger. Die Spaltung Amerikas verläuft genau entlang der Parteigrenzen: Während 71 Prozent der Demokraten strengere Waffengesetze befürworten, beharren 71 Prozent der Republikaner auf dem Recht, eine Waffe zu tragen.

In der zweiten Amtszeit könnte Präsident Barack Obama theoretisch einen neuen Anlauf zu strengeren Gesetzen wagen. Wichtiger wird aber der Umstand sein, dass Obama in den nächsten vier Jahren mehrere Oberste Richter wird ernennen können. Vielleicht wird dann der Supreme Court in der Zukunft gegen die Macht der Waffenlobby angehen können.

Buchtipp: Adam Winkler, Gunfight: The Battle over the Right to Bear Arms in America (New York: W.W. Norton, 2011).

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