Mexiko

«Als könnte es einen vernünftigen Grund für Frauenmord geben»

Angehörige und Aktivistinnen vor dem Gericht. Rechts vorne mit schwarzer Kapuze und rotem Schal steht Sultan Gültepe, die Schwester der getöteten Ayten Adigüzel.

Angehörige und Aktivistinnen vor dem Gericht. Rechts vorne mit schwarzer Kapuze und rotem Schal steht Sultan Gültepe, die Schwester der getöteten Ayten Adigüzel.

In der Türkei mahnen freiwillige Prozessbeobachterinnen Richter zu mehr Gerechtigkeit in den Urteilen bei Morden gegen Frauen.

Im Café «Zum Gericht» gegenüber vom Justizpalast im Istanbuler Stadtteil Bakirköy herrscht Hochbetrieb. Wer es in der Türkei mit der Justiz zu tun hat, muss Geduld mitbringen – die Gerichte sind überlastet, die Verhandlungen verzögern sich oft um Stunden. Zwischen den Anwälten, Zeugen und Angehörigen, die im Café die Zeit totschlagen, sitzen an einem hinteren Tisch zwei Frauen – die eine jünger und rothaarig, die andere älter mit grauem Pferdeschwanz und bunter Strickjacke. Bei Tee mit Zitrone warten sie an diesem regnerischen Vormittag darauf, dass die 14. Schwurgerichtskammer ihren Rückstand aufholt und den Mordfall Ayten Adigüzel aufruft.

Zeit müsse man dafür schon haben, sagt die jüngere Frau – sie heisst Duygu Bayburt und ist Pilotin bei Turkish Airlines. Wegen ihrer ungewöhnlichen Arbeitszeiten habe sie manchmal werktags frei, erzählt sie; diese Freizeit nutze sie, um als Beobachterin an Prozessen gegen mutmassliche Frauenmörder teilzunehmen. «Ich habe mich immer aufgeregt, wenn ich von den vielen Frauenmorden gehört oder gelesen habe, ich wollte etwas dagegen tun», erzählt die sie. «Bei der Frauenplattform habe ich gelernt, was ich persönlich dagegen tun kann, und nun komme ich als Beobachterin zu solchen Prozessen und habe schon das Gefühl, dass ich etwas bewege.»

Dem eigenen Ehemann schutzlos ausgeliefert

Von der Plattform «Wir stoppen die Frauenmorde» spricht Duygu – einer Bewegung, in der sich tausende Frauen in der ganzen Türkei zusammengetan haben, um der Gewalt gegen Frauen entgegenzutreten. 474 Frauen in der Türkei wurden nach Zählung der Vereinigung im vergangenen Jahr von ihren Ehemännern oder Partnern getötet – darunter vermutlich auch die Hausfrau und Mutter Ayten Adigüzel, deren Ehemann dafür heute vor Gericht steht. «Ein relativ typischer Fall», sagt Oya Ucar, die ältere der beiden Frauen im Café. «Ayten ist wie viele andere Frauen lange von ihrem Mann bedroht worden, und wie viele andere hat sie keinen Schutz bekommen.»

Prozessbeobachterinnen Oya Ucar (links) und Duygu Bayburt warten im Café „Zum Gericht“ auf den Verhandlungsbeginn.

Prozessbeobachterinnen Oya Ucar (links) und Duygu Bayburt warten im Café „Zum Gericht“ auf den Verhandlungsbeginn.

Dabei habe die Türkei durchaus die notwendigen Gesetze zum Schutz der Frauen, sagen die beiden Aktivistinnen. «Unser Problem ist, dass diese Bestimmungen von den Behörden nicht ausreichend angewandt werden.» Daran seien nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft schuld, sondern auch die Gerichte, die Frauenmörder zu nachsichtig behandeln. Einen viel zu weiten Ermessensspielraum haben die Richter demnach bei der Strafzumessung. Strafnachlässe gibt es für angeblichen Affekt, für Reue und oft sogar für gute Führung, wenn der Täter in Anzug und Krawatte vor Gericht erscheint. Nicht selten kommen Frauenmörder dadurch mit wenigen Jahren Haft davon – nicht gerade abschreckend, beklagt die Frauenplattform. Ihre Prozessbeobachterinnen wollen Öffentlichkeit herstellen und die Richter unter Druck setzen, das Strafrecht voll auszuschöpfen.

Am frühen Nachmittag ist es endlich soweit. Die Beobachterinnen eilen über die Strasse ins Gericht. Vor dem Saal umarmen sie die Angehörigen der getöteten Frau, dann geht es los. Der angeklagte Ehemann wird von Gefängniswärtern vorgeführt, er trägt tatsächlich Anzug und weisses Hemd. Seine Frau habe sich während eines Ehestreites selbst erschossen, gibt er an. Das Gericht hört ein paar Zeugen an und vertagt die Verhandlung.

Draussen auf der Strasse packen Duygu und Oya lila Pappschilder aus und stellen sich mit der Mutter und den Schwestern der getöteten Frau vor das Gerichtsgebäude: «Du bist nicht alleine», steht auf den Plakaten. Eine Schwester der Toten, Sultan Gültepe, wendet sich an die anwesenden Pressevertreter. «Ich beschwöre alle Amtsträger: Bitte macht dem doch ein Ende!», appelliert sie in die Mikrofone.

Um die Gerechtigkeit für Frauen ist es schlecht bestellt

Duygu und Oya verabschieden sich von der Familie. Eine Cousine umarmt sie beide. «Ich danke Euch, dass ihr da seid und den Fall an die Öffentlichkeit bringt», sagt sie. «Wenn der Mord an Ayten nicht durch die Frauenplattform publik gemacht worden wäre, dann wäre er ganz sicher vertuscht worden.»

Prozessbeobachterin Oya Ucar seufzt. Sicher sei ihr Einsatz wichtig, sagt sie, aber das zeige doch gerade, wie schlimm es um die Gerechtigkeit für Frauen in der Türkei bestellt sei. «Die Gesetze sind eindeutig, man muss sie nur anwenden. Aber wenn die Gesetze nur angewandt werden, weil wir Druck machen, dann stimmt etwas nicht.»

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