Saudi Arabien

Als hätte er seine Ermordung geahnt – das schreibt Jamal Khashoggi in seiner letzten Kolumne

Jamal Khashoggi Ende September an einer Konferenz in London.

Jamal Khashoggi Ende September an einer Konferenz in London.

Die Washington Post publiziert die letzte Kolumne von Jamal Khashoggi, dessen Verschwinden Saudi-Arabien in immer grösseren Erklärungsnotstand bringt.

Jamal Khashoggi wusste, dass ihm der saudische Kronprinz nach dem Leben trachtete. «Raus hier, solange es noch geht, bevor es zu spät ist», schrieb der saudische Journalist und Regimekritiker, nachdem er im September letzten Jahres überstürzt sein Heimatland verlassen musste. Khashoggi, der dieser Tage sechzig Jahre alt geworden wäre, sprach seither mit seinen Freunden immer wieder über die Möglichkeit, von den Gefolgsleuten von Mohammed bin Salman, alias «MBS», entführt oder ermordet zu werden. «Zuletzt eine Woche vor seinem Verschwinden, seiner mutmasslichen Ermordung im saudischen Generalkonsulat von Istanbul am Dienstag vorletzter Woche, verriet er seinem in Doha lebenden Berufskollegen David Hearst.

«Angst hatte Jamal nicht», betont der britische Journalist. Vielleicht hatte er eine Vorahnung. Khashoggi hielt es jedenfalls für dringlich, einen Grundsatzbeitrag über die Bedeutung der freien Presse für die arabische Welt zu schreiben. «Was die arabische Welt am meisten braucht, ist Meinungsfreiheit», lautet der Titel seiner Kolumne, die die zuständige Redaktorin der «Washington Post», Karen Attiah, zwei Tage vor dem Verschwinden Khashoggis erhielt.

Trauer auf der Redaktion

Sie habe mit der Veröffentlichung bis zur Rückkehr des prominenten Saudis warten wollen. Jetzt müsse sie akzeptieren, «dass es seine letzte Kolumne war». «Diese zeigt perfekt seinen Einsatz und seine Leidenschaft für die Freiheit in der arabischen Welt, für die er anscheinend sein Leben gegeben hat», bringt die Redaktorin ihre Wut und Trauer über das Verschwinden, den mutmasslichen Tod Khashoggis, der für die «Washington Post» nun feststeht, zum Ausdruck.

In seinem letzten Beitrag kritisierte der Journalist die Inhaftierung des bekannten ägyptischen Publizisten Saleh al-Shehi «wegen angeblicher Kommentare gegen das saudische Establishment», welche von der internationalen Staatengemeinschaft «ohne eine Gegenreaktion» hingenommen worden sei. «Die arabischen Regierungen», empört sich Khashoggi, «haben freie Hand, die Medien unter wachsenden Druck weiter zum Schweigen zu bringen».

Dass der saudische Journalist nach seinem mysteriösen «Verschwinden» einen wohl präzedenzlosen Sturm der Entrüstung der gesamten internationalen Staatengemeinschaft ausgelöst hat, wird ihm nicht mehr helfen, ihn nicht lebendig machen. Der Druck auf die in Riad vermuteten Drahtzieher dieses politischen Auftragsmordes wird aber immer gewaltig. Kein Tag, keine Stunde vergehen, in denen nicht neue Einzelheiten über die grauenvollen Ereignisse im saudischen Generalkonsulat von Istanbul ans Licht kommen.

Ob Khashoggi während des Verhörs tatsächlich die Finger abgeschnitten, er anschliessend enthauptet und seine Leiche später zerteilt wurde, wie dies die regierungstreue türkische Tageszeitung «Yeni Safak» berichtet, ist noch nicht bewiesen. Als «Beweisstück» gilt eine Audiodatei, deren Übermittlung auch US-Präsident Donald Trump fordert. Nachdem US-Aussenminister Mike Pompeo Trump über seine Gespräche in Riad und Istanbul informiert hatte, sagte er zu Reportern: «Wir nehmen die Sache sehr ernst.»

Trump selber versprach: «Bis zum Wochenende soll Klarheit herrschen.» Tatsächlich rechnet kaum jemand damit, dass die Saudis bis dahin ihre angeblich vorbereitete Erklärung für das Verschwinden Khashoggis liefern werden.

Die Liste derjenigen, die ihre Teilnahme an der nächsten Woche in Riad beginnenden Investitionskonferenz absagen, wird immer länger. Nach IWF-Chefin Christine Lagarde liess gestern – als bislang ranghöchster Politiker – auch der französische Finanzminister Bruno Le Maire den Saudis ausrichten, dass «die Voraussetzungen» für eine Reise nach Riad derzeit «nicht gut sind». Auch der CEO der Schweizer Grossbank Credit Suisse Tidjane Thiam bleibt der Investorenkonferenz fern. ABB-Chef Ulrich Spiesshofer beobachtet noch die Lage.

In Riad soll man indes über eine Verschiebung der Veranstaltung nachdenken. Den illustren Gästen des Königshauses bliebe dann zumindest ein sicherlich unangenehmer Fototermin oder Handschlag mit dem des Auftragsmordes verdächtigten saudischen Kronprinzen erspart. Sogar die amerikanischen Geheimdienste, meldete gestern die «New York Times», seien «zunehmend von der Schuld von MBS» überzeugt. Die «Indizienbeweise» seien erdrückend.

Nahost-Experte Gysling: «Ich gehe davon, dass Khashoggi tot ist»

Nahost-Experte Gysling: «Ich gehe davon, dass Khashoggi tot ist»

Er wollte seine Papiere im Konsulat abholen und ist seither verschwunden: Der saudische Journalist und Regimekritiker Jamal Khashoggi musste in Istanbul vermutlich wegen seiner Kritik an Saudiarabien einen qualvollen Tod sterben. Warum der weltweite Aufschrei darüber auch sein Gutes haben könnte und weitere Einschätzungen von Nahost-Experte Erich Gysling.

Meistgesehen

Artboard 1