Kubakrise

Als die USA die Schweiz um einen Gefallen baten

Emil Stadelhofer, der Schweizer Mann in Havanna, besass ausgezeichnete Kontakte zu Fidel Castro.Getty

Emil Stadelhofer, der Schweizer Mann in Havanna, besass ausgezeichnete Kontakte zu Fidel Castro.Getty

Die Schweizer Diplomatie spielte 1962 während der Kubakrise eine wichtige, wenn auch kaum bekannte Vermittlungsrolle – auch dank Edouard Brunner brach in der Nacht auf den 23. Oktober 1962 kein Krieg aus.

Vor 50 Jahren hielt die Kubakrise die Welt in Atem: Als die USA am 14.Oktober 1962 auf Kuba insgeheim installierte Abschussrampen für sowjetische Atomraketen entdeckten, die Washington erreichen könnten, drohte während der berühmten «Dreizehn Tage» ein dritter Weltkrieg. Ein nuklearer Weltkrieg. Während der «gefährlichsten Krise im Kalten Krieg», so die spätere Einschätzung von John F. Kennedys Hofhistoriker Arthur M. Schlesinger, jr., spielte auch die kleine, neutrale Schweiz eine wichtige, wenn auch in der Geschichtsschreibung fast komplett vernachlässigte Rolle.

Die helvetische Diplomatienahm während der Kubakrise von 1962 eine brisante Schlüsselstellung ein: Seit dem 4. Januar 1961 vertrat die Schweizer Botschaft in Havanna nämlich die diplomatischen Interessen der USA gegenüber dem kommunistischen Kuba – sie tut dies bis heute.

Heikle Vermittlungsaktion

Am Montag, 22. Oktober 1962, kurz bevor Präsident John F. Kennedy Amerika und die Welt über die sowjetischen Atomraketen auf Fidel Castros Insel informierte und die Kubakrise damit in die gefährlichste Woche im Kalten Krieg überging, vertraute Kennedys Aussenminister Dean Rusk dem Schweizer Botschafter in Washington, August R. Lindt, im persönlichen Gespräch an: «Die Lage ist so ernst, dass auch Ihr Land in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.» Dean Rusk bat den Schweizer Diplomaten, wie ein Telegramm an die Schweizer Botschaft in Havanna mit dem Vermerk «streng geheim» vom 23. Oktober 1962 festhält, um eine heikle, höchst vertrauliche Vermittlungsaktion.

Emil Stadelhofer, der Schweizer Botschafter auf Kuba, besass ausgezeichnete Kontakte zum Revolutionsführer Fidel Castro. Rusk wünschte, Stadelhofer solle Kontakt mit Castro aufnehmen und ihm signalisieren, dass mit den USA über alles verhandelt werden könnte, vorausgesetzt Kuba löse die Allianz mit Moskau auf und beherberge keine sowjetischen Militärbasen auf seinem Boden.

August Lindt gewann im Gespräch mit Rusk den Eindruck, dass die Kennedy-Regierung Verhandlungen mit einem von Moskau unabhängigen kommunistischen Kuba für möglich halte. Gleichzeitig warnte das Schweizer Aussenministerium Botschafter Stadelhofer vor einer «auffälligen Initiative» und meldete seine «erheblichen Vorbehalte» gegenüber Rusks Idee an: «Wir möchten unbedingt den Eindruck einer unangebrachten und überhasteten Demarche, die zu Missverständnissen Anlass geben könnte, vermeiden.»

Wichtiger Beitrag zum Weltfrieden

Während die Zentrale in Bern skeptisch blieb, hatte ein junger, ambitionierter Schweizer Diplomat bereits dank seinem aktiven Einschreiten einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zum Weltfrieden geleistet. Edouard Brunner, der damalige Sekretär auf der Schweizer Botschaft in Washington und spätere Schweizer Stardiplomat und Staatssekretär, hatte im Auftrag von Dean Rusk von seinem Privathaus aus in Washington eine direkte Linie zu Stadelhofer in Havanna eingerichtet. Rusk hatte Lindt offenbar am 22.Oktober auch darum gebeten, Castro eine persönliche Nachricht zu übermitteln. (Im offiziellen Schweizer Protokoll wurde dies allerdings verschwiegen). Die US-Luftwaffe werde in der folgenden Nacht Aufklärungsflüge über Kuba durchführen und zu fotografischen Zwecken auch den Himmel erleuchten. Die USA würden aber Kuba nicht militärisch angreifen. Brunner übermittelte Stadelhofer die Nachricht und bestätigte eine Stunde später: «Botschaft übermittelt und vom Adressaten gut aufgenommen: kein kubanisches Feuer zu befürchten.» Lindt informierte sofort Rusk – dank dem «Schweizer Kanal» wussten sowohl die US-Regierung als auch die nervösen Revolutionäre von Castro, dass in der Nacht auf den 23. Oktober 1962 kein Krieg ausbrechen würde. Diese dramatische Episode enthüllte Edouard Brunner erst 2001 in seinen Memoiren «Lambris dorés et coulisses».

Der Bundesratund das offizielle Bern agierten im Unterschied zu den aktiven Schweizer Diplomaten in Washington und Havanna äusserst träge. Zwei Bundesräte, darunter Aussenminister Friedrich Traugott Wahlen, fehlten an der Krisensitzung des Bundesrats vom 23. Oktober. Sie weilten an einer Efta-Tagung in Oslo und entschieden, nicht nach Bern zurückzukehren. Ausserdem brach die Verbindung Bern–Havanna wie schon während der Schweinebuchtinvasion im April 1961 just in dem Moment für zwei Tage zusammen, als die Kubakrise eskalierte. Gute Dienste der offiziellen Schweiz waren in der gefährlichsten Woche im Kalten Krieg deshalb unmöglich.

Castro verhinderte IKRK-Mission

Dafür wurde am 26. Oktober 1962 IKRK-Präsident Léopold Boissier aktiv: In einem Telegramm bot er UNO-Generalsekretär Sithu U Thant seine Hilfe an, in der Kubakrise zu vermitteln. Der UNO-Chef schlug daraufhin der Sowjetunion vor, die amerikanische Blockade Kubas könnte von Kontrollinspektionen sowjetischer Schiffe durch das IKRK ersetzt werden. Die Sowjetunion erklärte sich am 29. Oktober tatsächlich dazu bereit, dass das IKRK die Fracht sowjetischer Schiffe mit Kurs auf Kuba kontrollieren dürfe. Allerdings machte Moskau klar, dass Fidel Castro eine derartige Inspektion in kubanischen Häfen erlauben müsste. Die Kennedy-Regierung war ebenfalls damit einverstanden, sofern alle IKRK-Inspektoren Schweizer wären.

Die Schweizer Regierungverfolgte die mögliche Involvierung des IKRK in die Kubakrise äusserst skeptisch und wollte, vor dem Hintergrund des amerikanischen Schutzmachtmandats auf Kuba, nicht in die Kubakrise verstrickt werden, auch nicht mit ihren traditionellen Guten Diensten. Fidel Castro verweigerte letztlich in direkten Gesprächen mit UNO-Generalsekretär U Thant die angedachte ungewöhnliche IKRK-Mission.

Der frühere IKRK-Präsident und alt Botschafter Paul Rüegger reiste vorsorglich am 6. November 1962 trotzdem nach New York und diskutierte mit U Thant die Details einer allfälligen IKRK-Inspektion sowjetischer Schiffe. Schliesslich kontrollierte die US-Luftwaffe den Abtransport der sowjetischen Atomraketen aber auf offener See und die Dienste des IKRK wurden nicht länger benötigt. Rüegger reiste am 9. November wieder in die Schweiz zurück.

Die «Rüegger-Mission» erzürnte den damaligen NZZ-Chefredaktor und FDP-Nationalrat Willy Bretscher derart, dass er in einem Leitartikel den Plan als «unsinnig» bezeichnete und vor einer politischen Involvierung des humanitären IKRK warnte.

Castro erklärte sich aberin den Gesprächen mit U Thant immerhin dazu bereit, dass die Schweiz die Leiche des US-Piloten Major Rudolph G. Anderson, der am 27. Oktober 1962 über Kuba abgeschossen worden war, aus Kuba in die USA überführen durfte. Am 4. November 1962 wurde der Sarg mit Andersons Leichnam auf dem Flughafen von Havanna dem Schweizer Botschafter Stadelhofer übergeben und mit einer von der UNO gecharterten Panam-Maschine unter Schweizer Flagge nach Miami geflogen. Von dort wurde der Sarg mit Kennedys Präsidentenflugzeug nach Washington weitertransportiert und Andersons Familie übergeben.

Am 6. November 1962 bat auch der sowjetische Botschafter auf Kuba seinen Schweizer Kollegen um einen Gefallen. Anastas Mikoyan, Chruschtschows rechte Hand, wollte auf seinem Rückweg von Kuba über New York nach Moskau fünf sowjetische Raketenspezialisten mitnehmen, die sich im Nachgang der gescheiterten Raketenstationierung immer noch auf der Karibikinsel befanden. Diese sowjetischen Techniker besassen aber keine diplomatischen Reisepässe. Botschafter Stadelhofer sollte den Sowjets die Zusicherung der Kennedy-Regierung für ihre Einreiseerlaubnis in die USA geben. Die Schweiz holte sich beim US-Aussenministerium das grüne Licht dafür und leitete Namen und Passnummern der sowjetischen Raketenspezialisten an Washington weiter. Die sowjetischen Techniker konnten nun problemlos nach Moskau zurückreisen.

Insgesamt leistetedie Schweiz während der gefährlichsten Ost-West-Konfrontation im Kalten Krieg also wertvolle Dienste. Insbesondere die «Briefträger»-Funktion zu Beginn der Krise, als der junge Schweizer Diplomat Edouard Brunner am 22. Oktober 1962 eine wichtige Mitteilung von Kennedys Aussenminister Dean Rusk via den Schweizer Botschafter in Havanna direkt an das Castro-Regime ausrichtete, ist ein perfektes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, während einer gefährlichen Krise die Kommunikation zwischen zwei Feinden aufrechtzuerhalten, die nicht länger miteinander reden. Die Schweizer Diplomatie trug wesentlich dazu bei, dass in der Nacht auf den 23. Oktober 1962 die kubanischen Streitkräfte nicht auf US-Aufklärungsflugzeuge schossen, welche die Insel überflogen.

Vier Tage später verlor ein sowjetischer Soldat auf Kuba die Nerven und verwechselte ein U2-Spionageflugzeug mit einem Kampfjet. Das amerikanische Flugzeug wurde abgeschossen – sein Pilot, Major Anderson, starb. Anderson war der einzige Tote der Kubakrise. Die Schweiz leistete erneut einen wertvollen Dienst, als sie ein paar Tage später Andersons Leiche aus Kuba in die USA transportierte.

Die Schutzmacht der USA auf Kuba bewies ihre Nützlichkeit – die sie später auch im Iran unter Beweis stellen würde. Während der iranischen Geiselkrise von 1979/80 war der «Schweizer Kanal» die wichtigste Kommunikationslinie zwischen Teheran und Washington. Auch dort übernahm die Schweiz wieder eine heikle Mission. Als iranische Streitkräfte im April 1980 eine militärische Befreiungsaktion der Carter-Regierung vereitelten, war es erneut die Schweiz, welche die Leichenfragmente der dabei getöteten US-Soldaten aus dem Iran in die USA zurückschaffte. Edouard Brunner, der heimliche Held der Kubakrise von 1962, spielte während der iranischen Geiselkrise erneut die Hauptrolle.

Die internationale Grosswetterlage hatte sich aber zwischen 1962 und 1979/80 stark verändert. Während der Bundesrat sich während der Kubakrise äusserst passiv verhielt und sich stark gegen eine politische Vermittlungsaktion des IKRK sträubte, hatte sich die helvetische Diplomatie von 1972 bis 1975 im sogenannten «Helsinki-Prozess» als aktiver und nützlicher Vermittler zwischen West und Ost erwiesen – erneut mit Eduoard Brunner an den Schalthebeln der Macht – und sich so den Respekt der Supermächte verdient. Es war die Geburtsstunde der aktiven Neutralitätspolitik und des «Goldenen Zeitalters» der Schweizer Aussenpolitik im 20. Jahrhundert.

«50 Jahre Kubakrise» E-Dossier,
Diplomatische Dokumente der Schweiz, www.dodis.ch

Thomas Fischer, «Die guten Dienste des IKRK und der Schweiz in der Kuba-Krise 1962» (ETH Zürich, 2000).

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