Im November 1983 führte ein Manöver der Nato in Moskau zu Hysterie und Kriegsangst. Die Sowjets befürchteten, die USA würden unter dem Deckmantel der Militärübung einen überraschenden atomaren Erstschlag durchführen. Für kurze Zeit befand sich die Welt am Rande eines Atomkriegs. Ein falscher Alarm, ein Missverständnis hätte katastrophale Konsequenzen gehabt.

Die geheime Nato-Stabsübung «Able Archer» ist erst 1988 durch den KGB-Offizier Oleg Gordijewski publik gemacht worden. Seither gelten die Novembertage 1983 neben der Kubakrise von 1962 als heikelster Moment der Ost-West-Konfrontation. Der damalige stellvertretende CIA-Direktor Robert Gates schrieb später in seinen Memoiren: «Able Archer war eine der gefährlichsten Episoden im Kalten Krieg.» Und ergänzte: «Das Furchteinflössendste an der Krise ist, dass wir womöglich an der Schwelle zum Atomkrieg standen, es aber gar nicht wussten.»

Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren Anfang der 1980er-Jahre so frostig wie kaum je zuvor. Ronald Reagan betitelte die Sowjetunion im März 1983 als «Imperium des Bösen», worauf Sowjetführer Juri Andropow den amerikanischen Präsidenten als «geisteskrank» und einen «Lügner» bezeichnete und ihn wiederholt mit Hitler verglich.

Es tobte aber mehr als nur ein Krieg der Worte. Andropow hatte bereits 1980, damals noch als KGB-Chef, eine umfangreiche Geheimdienstaktion ausgelöst und ein Frühwarnsystem aufgebaut, um Anzeichen eines westlichen atomaren Erstschlags gegen die Sowjetunion aufzuspüren. Mit dem Codenamen «RJaN» (Abkürzung für «nuklearer Überraschungsschlag») begann die grösste Auslandspionage-Aktion in der Geschichte der östlichen Geheimdienste.

1983 war eines der gefährlichsten Jahre im Kalten Krieg: Durch die umstrittene Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen in Westdeutschland verkürzte sich ab November 1983 aus sowjetischer Sicht die Vorwarnzeit vor einem atomaren Raketenangriff der USA auf knapp sechs Minuten. Zudem lancierte Reagan im März 1983 die Strategic Defense Initiative (SDI), einen von den Medien «Star Wars» genannten Plan eines weltraumbasierten Raketenschilds. Für die Sowjets tat sich daher ein «Fenster der Verwundbarkeit» auf und die strategische Unterlegenheit führte zu realen Ängsten. Am 1. September 1983 demonstrierte der versehentliche sowjetische Abschuss eines koreanischen Linienflugzeugs (KAL 007), bei dem alle 269 Insassen ums Leben kamen, wie nervös die sowjetischen Militärs waren.

Die Kriegshysteriein Moskau beruhte auf den historischen Erfahrungen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. 1941 hatte Hitler die UdSSR überraschend angegriffen. 40 Jahre später befürchteten die politisch-militärischen Führer in Moskau ein «atomares Barbarossa». Im Juni 1983 warnte Andropow US-Botschafter Averell Harriman, dass die USA und die Sowjetunion «sich auf eine rote Linie zubewegten». Der Sowjetführer erwähnte laut dem erst im Mai 2013 publik gewordenen Gesprächsprotokoll viermal die Angst, dass eine Fehlkalkulation einen Atomkrieg auslösen könnte. Fünf Monate später sollte seine Prophezeiung beinahe wahr werden – Andropow siechte allerdings ab September 1983 todkrank in einem Moskauer Spitalbett vor sich hin, was die Paranoia unter der sowjetischen Führung verstärkte.

Vor diesem Hintergrund löste das alljährliche Nato-Herbstmanöver «Autumn Forge 83» in Moskau Hysterie aus. An der Übung waren 40 000 US- und Nato-Truppen in Westeuropa beteiligt, darunter auch 19 000 US-Streitkräfte, die mittels Lufttransport zusammen mit 1500 Tonnen Fracht aus den USA eingeflogen wurden («Reforger 83»). Den Abschluss und Höhepunkt bildete die geheime Kommandostabsübung «Able Archer» («Versierter Bogenschütze»). Die Nato übte damit den Übergang von konventioneller zu atomarer Kriegführung.

Anders alsbei früheren Nato-Übungen reagierten die sowjetischen Generäle auf die Provokation: Sie verlegten das Kommandozentrum ihres Generalstabs vorsorglich in einen Untergrundbunker. Ein Dutzend nuklear bewaffneter Bomber wurden zudem in Osteuropa auf die Startbahnen beordert und bereitgehalten. Rund 70 mobile SS-20-Raketen wurden in die vorgesehenen Abschusspositionen verlegt. Mit Atomraketen ausgestattete U-Boote der sowjetischen Nordflotte tauchten unter das Eis, um vom Westen weniger leicht entdeckt zu werden. Historiker sind sich bis heute uneins, ob dies alles reine Routinemassnahmen darstellte oder ob daraus eine Angst der militärischen Führung vor einem bevorstehenden Grossangriff abgeleitet werden kann.

Am 5. November 1983 sandte die KGB-Zentrale in Moskau einen Alarm, ein sogenanntes «Blitz»-Dokument, an alle ihre Agenten in Westeuropa. Besorgt machte der KGB – allerdings irrtümlich, wie sich später herausstellen sollte – seine Aussenposten darauf aufmerksam, dass Truppenteile der US-Streitkräfte in Europa für den Krieg mobilisiert worden seien. Für den Doppelagenten Gordijewski kam die Welt in diesen Stunden einem atomaren Schlagabtausch «gefährlich nahe». Das Politbüro und das Verteidigungsministerium wurden jedoch vom KGB erstaunlicherweise nicht über die vermeintliche Mobilmachung der USA alarmiert. Für den US-Historiker Vojtech Mastny hat damit paradoxerweise ein unbekannter KGB-Analyst womöglich im November 1983 eine Tragödie verhindert, die aus einer hektischen Politbüro-Sitzung hätte entstehen können, wären die vermeintlich explosiven, aber falschen Informationen den Sowjetführern unmittelbar überbracht worden. Offensichtlich hielten die zuständigen KGB-Mitarbeiter die ihnen vorliegenden Informationen aber nicht für besonders dringlich.

Der KGB bot aber seinen besten Mann auf, Rainer Rupp, ein deutscher Mitarbeiter im Nato-Hauptquartier in Brüssel, der unter dem Decknamen «Topas» seit 1977 den Ostblock mit brisanten Informationen und Dokumenten aus dem Allerheiligsten der westlichen Militärallianz versorgte. Am 9. November 1983 versicherte «Topas» seinen Vorgesetzten, dass die Nato keinesfalls mit Kriegsvorbereitungen begonnen habe. Nach vier Tagen war die sowjetische Kriegsangst vorbei.

Die Reagan-Regierung war schockiert, als sie im Nachgang erfuhr, dass «Able Archer 83» beinahe zu einem Missverständnis mit katastrophalen Folgen geführt hätte. In seinem Tagebuch notierte der US-Präsident am 18. November 1983: «Die Sowjets sind derart paranoid und haben solche Angst vor einem Angriff, dass wir ihnen vielleicht sagen sollten, dass niemand im Westen die Absicht hat, dies zu tun.» Reagan mässigte nicht zuletzt wegen der dramatischen, bis heute kaum bekannten Episode im November 1983 seine harsche antikommunistische Rhetorik und wandelte sich vom Kalten Krieger zu einem Verfechter von nuklearer Abrüstung.

Die Krise, die keine war, ist im Rückblick eine Lehrstunde für Geheimdienste: Im November 1983 kam es wegen eines missverständlichen KGB-Telegramms zu einer äusserst gefährlichen Situation. Doch aufgrund eines KGB-Mitarbeiters in Moskau, der die brisanten, aber fehlerhaften Informationen nicht ans Politbüro weiterleitete, eskalierte die Krise nicht. Zudem konnte ein östlicher Spion im Nato-Hauptquartier Entwarnung geben und konkrete Kriegsvorbereitungen des Westens ins Reich der Fantasie versetzen. Dank der Geheimdienste war die «Able Archer»-Krise zwar entstanden, aber dank der Spione gab es vor 30 Jahren in Moskau inmitten der aufgeheizten Kalten-Krieg-Atmosphäre auch keine Überreaktion.

*Christian Nünlist ist Senior Researcher am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich und ehemaliger Auslandredaktor der «Nordwestschweiz».