Die nationale Verteidigung ist für Frankreich so wichtig wie für die Schweiz. So wichtig, dass sie nicht dem Volk überlassen wird. Zuständig für die «Défense nationale» ist der Staatspräsident, der auch als oberster Armeechef fungiert. An einem kalten Februarabend im Jahr 1996 trat denn Jacques Chirac vor die Fernsehnation und erklärte ihr mit feierlichen Worten, er gedenke, die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen. Und so geschah es: Seit 1998 hat Frankreich nicht mehr eine Miliz-, sondern eine Berufsarmee mit einem – regelmässig abnehmenden – Bestand von 350'000 Mann, darunter 50'000 Frauen.

Dieser Wechsel, der hinter den politischen Kulissen und in militärischen Kreisen jahrelang vorbereitet worden war, brach mit einer Tradition, die bis auf die Französische Revolution von 1789 zurückgeht. Damals wurden in allen grösseren Städten des Landes zur Verteidigung der revolutionären Errungenschaften Nationalgarden gegründet. 1793 kam es zur «levée en masse», der Massenaushebung aller ledigen und verwitweten Männer. Daraus ging die allgemeine Wehrpflicht hervor, die bis im 20. Jahrhundert die «universellen und egalitären» Werte der Revolution verkörperte und sie unter anderem in zwei Weltkriegen sowie in blutigen Kolonialeinsätzen wie in Algerien oder Indochina verteidigte.

Gezielter Einsatz der Mittel

Chirac begründete die Aufhebung der Wehrpflicht mit einem historischen Bezug: «Wir sind nicht mehr durch Horden fremder Invasoren bedroht», versicherte der gaullistische Präsident seinen Mitbürgern. Frankreich folgt zwar heute einem ähnlich defensiven Denken wie die Schweiz. Das heisst aber nicht, dass Chirac einer – in Frankreich höchst imaginären – «Gruppe für ein Frankreich ohne Armee» hätte vorstehen können. Im Gegenteil war und ist er ein ausgesprochener Armeefreund, zudem ein leidenschaftlicher Patriot.

Die Abschaffung der Wehrpflicht folgte der Einsicht, dass Frankreich seine nicht unbeschränkten, in den letzten Jahren ständig gekürzten Militärausgaben gezielter als für eine breite Volksarmee einsetzen sollte:

  • Im Innern verteidigt und schützt sich Frankreich durch seine Force de Frappe. Deren Kern sind stationäre oder auf U-Booten platzierte Nuklearsprengkörper. Unterhalt und Entwicklung gehen in die Milliarden.
  • Auf Aussenschauplätzen, sei das «in Europa oder anderswo», wie Chirac sagte, ist eine Milizarmee noch weniger operativ. Dieses Jahr kämpften in der westafrikanischen Ex-Kolonie 5000 französische Elitesoldaten, um eingefallene Islamisten zu vertreiben. Irgendwelche WK-Soldaten wären fehl am Platz gewesen.

Die französischen Berufsmilitärs erhalten keinen Sold, sondern ein festes Salär, das von umgerechnet 1350 bis 4000 Franken reicht (Major und höhere Ränge werden höher und individuell entlöhnt). Diese «militaires» nehmen auch zu Zeiten, da in Frankreich kein Krieg herrscht, hohe Risiken in Kauf, wie die vielen Dutzend Todesfälle in Mali oder auch Afghanistan zeigen.

Der nationale Zusammenhalt

Die atomare Force de Frappe und die Truppeneinsätze in internationalen Krisenherden machen klar, dass der französische Verzicht auf die Wehrpflicht kein Modell für die Schweiz abgeben kann: Die französische Armee tickt völlig anders als die schweizerische. Nur in einem Punkt gibt es eine gewisse Ähnlichkeit der Debatte zwischen Frankreich und der Schweiz. Gerade im Chirac-Lager murrten viele Altgaullisten, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt hatten, über das Ende der Wehrpflicht. Sie lobten die Rolle einer Milizarmee für die «nationale Kohäsion».

In den Banlieues begrenzt wirksam

Dieses Argument wird noch heute im Zusammenhang mit den sozialen Spannungen in den Banlieue-Quartieren angeführt. Die Armee sucht von sich aus, der zweiten und dritten Einwanderergeneration eine Art nationalen Kitt zu bieten. Immer wieder rekrutiert sie speziell in diesen Vorstädten, letzthin mit einer Operation «chances aux cités» (eine Chance für die Wohnturm-Siedlungen). Der Wert solcher Aktionen ist allerdings beschränkt: Natürlich antworten nur die Kandidatinnen und Kandidaten, die sich mit den Werten der französischen Nation und Armee ohnehin im Einklang fühlen. Rufe nach einer Rückkehr zur Milizarmee bleiben deshalb in Frankreich sehr selten.