Angela Merkel hat schon bessere Zeiten gesehen. Im vergangenen November feierte sie ihr 10-Jahr-Jubiläum als deutsche Kanzlerin. Einen Monat später, auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe, rechtfertigte sie in einer ungewohnt emotionalen Rede ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik: «Wir schaffen das, weil es zur Identität unseres Landes gehört, Grosses zu schaffen», rief sie den Delegierten zu. Und erntete dafür stehende Ovationen.

«Die CDU braucht Merkel. Sie will sich von ihr führen lassen. Auch und gerade in der Flüchtlingskrise», kommentierte damals die «Süddeutsche Zeitung».

Und jetzt? Jetzt prasselt von allen Seiten Kritik auf die Kanzlerin nieder: «Grenzen schliessen!» «Bundeswehr zur Grenzsicherung einsetzen!» «Kriminelle Asylsuchende abschieben!» Und stets schwingt da auch leise die Forderung «Rücktritt!» mit.

Dabei ist die Lage nicht viel anders als vor zwei, drei Monaten. Noch immer kommen täglich zwischen 2500 und 3500 Flüchtlinge nach Deutschland. Aber die schockierende Silvesternacht von Köln hat zu einem Stimmungsumschwung geführt. Sowohl in der Bevölkerung als auch innerhalb von Merkels schwarz-roter Koalition. CDU-, CSU- und SPD-Politiker reagieren ungeduldig, nervös und gereizt.

Dobrindt und Seehofer drohen

Jüngstes Beispiel ist Verkehrsminister Alexander Dobrindt. In einem Interview mit dem «Münchner Merkur» forderte der CSU-Mann von Merkel einen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik. «Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass wir um Grenzschliessungen nicht herumkommen», sagte er.

Gegenwind aus der eigenen Regierung? Wendet sich jetzt sogar ein Minister von der Kanzlerin ab? Dazu ist festzuhalten, dass Dobrindt nicht gerade ein Schwergewicht in Merkels Kabinett ist. Mit seiner mittlerweile von der EU gestoppten Idee einer Maut für ausländische Autofahrer hatte er sich ins Abseits gestellt. Und dass er in der Flüchtlingspolitik einen harten Kurs fährt, ist nicht neu. Schon im vergangenen Herbst hatte er gefordert, der Zuzug müsse gestoppt werden.

Dobrindt ist freilich nicht der Einzige, der gegen Merkels Flüchtlingspolitik revoltiert. Auch sein Parteifreund Horst Seehofer setzt Druck auf. «In den nächsten 14 Tagen werden wir die Bundesregierung schriftlich auffordern, an den Grenzen wieder rechtlich geordnete Verhältnisse herzustellen», sagte er dem «Spiegel». Andernfalls werde die bayerische Regierung vor dem Bundesverfassungsgericht klagen.

Aus Merkels Partei kommt ebenfalls Kritik. Gestern erhielt die Kanzlerin Post von 50 Bundestagsabgeordneten der CDU. Eine «Änderung der derzeitigen Zuwanderungspraxis» sei «dringend geboten», heisst es in dem Brief.

Noch schärfer klingt ein Schreiben der CSU-Landtagsfraktion in Bayern. Von einer katastrophalen Stimmung in der Bevölkerung und einer «Schicksalsfrage dieser Republik» ist dort die Rede. Schlimmer noch: Die Unzufriedenheit mit Merkel hat auch ihren Koalitionspartner SPD erfasst. «Wir müssen es schaffen, den Zuzug zu reduzieren», sagte SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel. Damit hält er sich zwar an die Regierungslinie, macht aber zugleich die Kanzlerin persönlich für deren Umsetzung verantwortlich.

Merkel allein zu Hause?

Angela Merkel, der besonnenen Kanzlerin, die stets alles und alle im Griff hatte, scheint die Kontrolle über ihre Koalition zu entgleiten. Zumindest auf den ersten Blick sieht es ganz so aus, als werde es einsam um die Kanzlerin. Und was tut sie? Nichts. Sie schweigt.

Aber sie lässt ihre loyalen Anhänger für sich weibeln. Wie mehrere deutsche Medien berichteten, hagelte es am Montag bei der Sitzung des CDU-Bundesvorstands Kritik an Merkels Kritikern. Es ging offenbar darum, den zerstrittenen Haufen wieder auf Linie zu bringen und Zeit zu gewinnen. Denn Merkel setzt nach wie vor auf ihren ursprünglichen Plan, die Flüchtlingskrise auf europäischer Ebene zu lösen.

Der Plan ist – noch – «alternativlos», wie sie bei anderer Gelegenheit zu sagen pflegte. Das Problem ist nur, dass es bei diesem Plan an allen Ecken und Enden harzt.

Und dass zugleich der Kanzlerin die Zeit davonläuft. Es gibt nämlich einen Stichtag, bis zu dem die Flüchtlingszahlen in Deutschland sinken müssen: Sonntag, 13. März. An diesem Tag finden in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt Landtagswahlen statt. Gemäss den jüngsten Umfragen legt die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) in allen drei Bundesländern massiv zu, während CDU und SPD Stimmen verlieren.

Die Kanzlerin wird somit in den nächsten Wochen stur bleiben und alles tun, damit ihr Plan doch noch umgesetzt wird. Sollte das misslingen, wird sie einen Plan B aus der Tasche zaubern. Denn auch wenn sie es im Moment nicht eingesteht: Merkel orientiert sich an der Stimmung in der Bevölkerung. Und genau deshalb wird sie es schaffen.