Sie wollen anonym bleiben und das Interview über Facebook führen. Das Profilbild Ihres Facebook-Accounts ist schwarz. Weshalb?

I.V.: Facebook bietet guten technischen Schutz vor Bespitzelung. Schwarze Profilbilder sind derzeit sehr populär unter Ukrainern. Wir drücken damit unsere Trauer und Sorge aus.

Wie gross wiegt diese? Haben Sie Angst?

Nicht riesig, die Angst ist aber da. Ich versuche einen normalen Alltag zu führen, auch wenn es derzeit sehr schwierig ist. Auf Kiews Strassen lauern von der Regierung angeheuerte Schläger. Meist sind es junge Männer aus dem Osten der Ukraine. Sie verprügeln Leute und demolieren Autos.

Und die Ordnungshüter? Greifen die nicht ein?

Nein. Die Polizei reagiert überhaupt nicht. Deshalb schaffen die Bürger ihre eigenen Patrouillen. Wer sich auf Kiews Strassen bewegt, muss trotzdem sehr aufmerksam sein.

Nehmen Sie überhaupt noch an den Protesten Teil?

Ja, ich gehe hin und wieder auf den Maidan. Das letzte Mal war ich vergangene Woche dort. Die Atmosphäre ist toll. Die Menschen helfen einander. Der Traum einer einflussreichen Ukraine in Europa eint sie.

Ihnen persönlich ist bislang nichts passiert?

Glücklicherweise nein. Aber was am Sonntag in der Stadt Sumy, wo ich mich aufhielt, geschah, hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt: Am Vormittag liessen die Behörden einen friedlichen Protest in einem Verwaltungsgebäude zu. Etwa 50 Aktivisten waren vor Ort. In der Nacht auf gestern dann stürmten Spezialeinheiten das Gebäude. Einigen der friedlichen Demonstranten gelang die Flucht; das nur notdürftig bekleidet und bei Temperaturen um die 21 Grad Celsius unter null. Andere wurden verprügelt, einige verhaftet. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft. Nicht einmal Frauen oder einen 78-Jährigen verschonten sie. Ich war zu der Zeit bereits auf dem Weg zum Bahnhof, um nach Kiew zurückzukehren.

Welchen Beitrag an die Protestbewegung leisten Sie?

Ich gehe hin und unterstütze die Proteste mit meinem Geld, so weit es mein Gehalt zulässt. Es ist wenig, aber zumindest etwas.

Auslöser war ein Entscheid des Präsidenten gegen das Assoziierungsabkommen mit der EU. Geht es bei den Protesten überhaupt noch um Europa?

Europa steht nicht mehr zuoberst auf der Agenda. Das war vor zwei Monaten noch anders. Heute geht es uns in erster Linie darum, die Kriminellen von der Staatsspitze zu vertreiben. Sämtliche 25 Regionen werden von Leuten regiert, die in Verwandtschaft zu Präsident Janukowitsch stehen. Alle stammen sie aus ein und derselben Region: Donetsk in der Ostukraine. Stellen Sie sich vor: Unser Premier spricht nicht einmal richtig ukrainisch. Lieber spricht er seine Muttersprache, russisch. Es ist eine Schande!

All das wird protektiert durch einen zentralen Machtfaktor: Russlands Präsident Wladimir Putin will den Einfluss in der Ukraine nicht verlieren und stützt das System Janukowitsch. Putin wird die Ukraine niemals gegen Westen ziehen lassen.

Die Regierung Putin will eine Ukraine, regiert von Moskau. Doch die Mehrheit der Ukrainer fühlt sich als Europäer und wünscht sich einen Staats- und Gesellschaftsaufbau nach europäischen Prinzipien. Putin geht es nicht nur um unsere Rohstoffe wie Kohle oder Uran und den Zugang zum Schwarzen Meer. Putin fürchtet sich vor allem vor allfälligen Protesten im eigenen Land, was seine Macht gefährden würde.

Putin würde mit voller Härte dagegen vorgehen. Janukowitsch löst die Proteste dagegen nicht auf und hofft, sie mit der Hilfe von Einschüchterung aussitzen zu können. Wird er reüssieren?

Im Gegensatz zu Putins cleveren Vorgehensweisen ist die Strategie Janukowitschs primitiv: Als ehemaliger Häftling meint er, Gefängnisregeln seien auf einen ganzen Staat auszuweiten. Dabei irrt er sich. In ihrer langen Geschichte kämpften Ukrainer immer um ihre Freiheit. Diesen Drang werden die Behörden nicht brechen können. Auch ich persönlich werde nicht aufgeben: Ich will in meinem Land leben und nicht in einem riesigen Gefängnis für 46 Millionen Ukrainer.

Was erwarten Sie von den Europäern?

Wir warten darauf, endlich unterstützt zu werden. Alles was wir hören sind leere Worthülsen wie «wir sind beunruhigt», «Europa fordert Gerechtigkeit». Unterdessen sterben Ukrainer in den Kugeln der kriminellen Staatsmacht. Europa hätte längst helfen können. Vor allem auf Schweizer und zypriotischen Bankkonti liegen die Vermögen unserer Machtelite. Man hätte sie längst vor dem Zugriff unserer Oligarchen, Abgeordneten und Regierenden sperren müssen.