Simbabwe

Afrikas ältester Diktator ist am Ende – der Putsch richtet sich auch gegen seine Frau

Die Machtübernahme durch das Militär in Simbabwe hat ein klares Ziel: Die Generäle wollen verhindern, dass Robert Mugabes Frau Präsidentin wird. Wird das gelingen?

Jedes Mal, wenn die präsidiale Autokolonne durch den Nobelvorort Borrowdale von Simbabwes Hauptstadt Harare rast, fährt der gesamte Verkehr in einer eher zähneknirschenden Ehrerbietung für den Despoten sofort zur Seite. Hier, im Heimatort des Noch-Präsidenten Robert Mugabe, weicht der Respekt vor dem Machthaber allmählich einer still ertragenen Furcht.

Selbst mit 93 Jahren schien Mugabe nur darauf bedacht, bis zu seinem Lebensende an der Macht zu bleiben – und dies auch öffentlich immer wieder zu bekunden. Doch mit dem Alter und seinem hinlänglich bekannten Starrsinn hat Mugabe zuletzt nicht nur seinen Machtinstinkt verloren, sondern auch jeden Realitätsbezug: Das wird den ältesten Machthaber Afrikas nun wohl das Amt kosten.

Galerie der Tyrannen – eine Auswahl:

Entscheidend dafür sind vor allem zwei Entwicklungen: einerseits die völlig willkürliche Entlassung des vor allem in Militärkreisen weithin beliebten Vizepräsidenten Emmerson Mnangagwa vergangene Woche. Andererseits der zeitgleich von Mugabe unternommene Versuch, seine im Volk weithin verhasste Frau Grace als Nachfolgerin zu etablieren. Die Streitkräfte Mugabes wollten diesem Treiben nicht mehr länger tatenlos zusehen und haben die Macht im südafrikanischen Land übernommen.

Mit der Machtübernahme durch das Militär in Simbabwe ist die lange Herrschaft Mugabes als Staatschef der einstigen britischen Kolonie Rhodesien an ein Ende gekommen. Soldaten unter dem Befehl des kurz zuvor entlassenen Armeechefs Constantin Chiwenga hatten am Dienstagabend die Kontrolle über den Staatssender ZBC übernommen – in Afrika ein untrügliches Zeichen für einen Coup. Zeitgleich waren Panzer und Truppentransporter an allen wichtigen Kreuzungen und Zufahrtsstrassen der Hauptstadt Harare aufgefahren. Mugabe und seine Frau wurden rasch unter Hausarrest gestellt. Für Grace Mugabe wurde offenbar inzwischen ausgehandelt, dass sie ins Exil gehen darf. Dies dürfte irgendwo im Fernen Osten sein, vermutlich in Singapur, wo Mugabe wegen seines Prostatakrebs seit Langem medizinisch behandelt wird.

Nur eine Zwischenlösung?

Die Situation selbst war den ganzen Mittwoch hindurch noch immer verworren. In einer ersten Erklärung kurz nach der Machtübernahme hatte das Militär von Mugabe noch immer als «Präsidenten» gesprochen und versichert, dass er wohlauf sei. Gleichzeitig hiess es, dass die Übernahme der Macht durch die Streitkräfte «auf Kriminelle im Dunstkreis des Präsidenten» abziele, die für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes verantwortlich seien – ein Hinweis auf die für ihre vielen Einkaufsbummel im Ausland berüchtigte Grace Mugabe.

Der für gewöhnlich gut informierte Oppositionspolitiker David Coltart sprach von einem eher «widerwilligen» Militärcoup. Vieles deute darauf hin, dass es sich nicht um ein Vorgehen gegen die Opposition oder Institutionen des Staates handle, sondern um einen Auswuchs des heftigen Machtkampfs innerhalb der regierenden Partei Zanu PF. Das Vorgehen der Streitkräfte scheint sich vor allem gegen jene Teile der Regierungspartei zu richten, die Mugabes Frau Grace nahestehen und ihre Inthronisierung als Nachfolgerin des Diktators ausdrücklich befürworten. Ein weiteres Indiz dafür ist die Festnahme von Finanzminister Ignatius Chombo, der erst vor wenigen Wochen völlig überraschend von Mugabe ernannt worden war, obwohl er keinerlei Kompetenz für den Posten hat. Ein Experte der Risikoberatung, Verisk Maplecroft, erklärte, die erhöhte Militärpräsenz sei als klares Zeichen dafür zu deuten, dass die Streitkräfte alles tun würden, um Grace Mugabe als künftige Präsidentin zu verhindern und den entlassenen Vize Mnangagwa, der in Sicherheitskreisen gut vernetzt sei, ins Amt zu hieven.

Oppositionspolitiker Coltart vermutet, dass das Militär die Regierung nicht wirklich selbst übernehmen, sondern bei dem für nächsten Monat geplanten Parteitag der Regierungspartei nur für einen geordneteren Ablauf sorgen wolle – und dann wieder an eine Zivilregierung übergibt. Eine faire Wahl wäre nicht mehr gewährleistet gewesen, weil Mugabe eine Direktwahl abgeschafft hat. Seine Stellvertreter darf der Despot selbst ernennen – und Grace Mugabe wäre seine logische Wahl gewesen.

Rückkehr der weissen Bauern

Für Mnangagwa stehen die Chancen auf eine schnelle Machtübernahme durch seine Allianz mit dem Militär denkbar günstig. Angeblich hat er der Opposition bereits Gespräche zur Bildung einer Übergangsregierung offeriert. Und auch mit den von Mugabe einst vertriebenen weissen Bauern will er offenbar über eine Rückkehr reden. Von den einst 4500 weissen Landwirten sind nicht einmal mehr 200 auf ihren Bauernhöfen verblieben.

Der 75-jährige Mnangagwa war letzte Woche kurz nach seinem Rauswurf wegen der gegen ihn erhobenen Todesdrohungen nach Südafrika geflohen, ist inzwischen aber wieder nach Simbabwe zurückgekehrt. Der langjährige Kampfgefährte Mugabes verfügt durch seine Zeit im Unabhängigkeitskampf gegen das weisse Minderheitsregime über grossen Rückhalt im Militärapparat und in der Regierungspartei. Viele machen Mnangagwa verantwortlich für die damaligen Massaker im Matabeland, der Hochburg der Volksgruppe der Ndebele. Dabei sollen rund 20'000 Ndebele getötet worden sein. Nach über 50 Jahren gemeinsamer Freundschaft weiss er alles über Mugabe. Umso grösser war die Verblüffung, als der Diktator ausgerechnet ihn aus dem Amt jagte.

Die politischen Wirren in Simbabwe kommen zu einer Zeit, da die rund 14 Millionen Menschen einen neuerlichen wirtschaftlichen Kollaps des Landes erwarten. Viele fürchten vor allem eine Rückkehr der Hyperinflation, die 2008 zeitweise auf fast 500 Millionen Prozent geklettert war – und nach Abschaffung der völlig wertlosen Landeswährung die Einführung des US-Dollars zur Folge hatte.

Nachdem das korrupte Mugabe-Regime im vergangenen Jahr seine Rechnungen auch nicht mehr mit echten US-Dollars bezahlen konnte, hatte es in seiner Not sogenannte «Bond notes» abgegeben, von denen behauptet wurde, sie seien frei eintauschbar und von gleichem Wert wie Dollarscheine. Dennoch werden US-Dollars auf dem Schwarzmarkt zu einem Aufpreis von mehr als 30 Prozent gegenüber den angeblich gleichwertigen «Bond notes» gehandelt.

Der Mangel an Devisen hat die Importe auf ein Minimum zusammenschrumpfen lassen, und es kam in der Bevölkerung zu Panikkäufen. Im Oktober hatte die Regierung auf den Jahrestreffen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Washington noch um einen neuerlichen Schuldennachlass und neue Kredite für die ruinierte Wirtschaft gebettelt. Doch so lange Mugabe im Land das Sagen hatte, war daran nicht zu denken. Mit seinem lange überfälligen Abgang könnte sich dies nun ändern.

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