Flüchtlingskrise

Ärmelkanal soll für Flüchtlinge unüberwindbar werden

Wegen der Flüchtlingskrise am Ärmelkanal haben Frankreich und Grossbritannien eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve und seine britische Kollegin Theresa May unterzeichneten am Donnerstag in Calais eine Vereinbarung.

Der Ärmelkanal misst nur 32 Kilometer. Für 3000 Flüchtlinge, die derzeit von Calais nach England übersetzen wollen, wird er aber immer breiter. Die Innenminister Frankreichs und Englands, Bernard Cazeneuve und Theresa May, haben am Donnerstag in der französischen Küstenstadt ein Abkommen unterzeichnet, das den Sprung auf die Britischen Inseln zusätzlich erschweren soll. Der bereits schwer bewachte Fährhafen erhält zusätzliche Überwachungskameras, Infrarot-Nachtgeräte und Flutlichtscheinwerfer; die vier Meter hohen Stacheldrahtverhaue werden noch mehr verstärkt. 

Zugleich schaffen die beiden Regierungen eine gemeinsame, von einem Briten und einem Franzosen geleitete Kommandozentrale in Calais. Sie hat vor allem die Aufgabe, den in der Region tätigen Schlepperbanden das Handwerk zu legen. Geplant sind auch vermehrte humanitäre Anstrengungen, um wenigstens Frauen mit Kindern ein Dach über dem Kopf zu bieten. 

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve und seine britische Kollegin Theresa May vor dem Eurotunnel in Calais. key

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve und seine britische Kollegin Theresa May vor dem Eurotunnel in Calais. key

Die Ankündigung der beiden Länder erfolgt nach wochenlangen Wirren in Calais, die in eigentliche Menschenjagden gipfelten. Die ärmeren Migranten können die steigenden Schleppertarife für eine «sichere» Kanalüberquerung kaum mehr aufbringen, scheitern aber auch zunehmend beim Versuch, auf Sattelschleppern als blinde Passagiere in den Fährhafen und nach England zu gelangen. In ihrer Verzweiflung verlegten sich die Migranten Ende Juli darauf, mit dem Eurostar-Zug durch den Eisenbahntunnel nach England zu gelangen. 2000 stürmten jede Nacht auf die Anlagen, meist ohne weiterzukommen; mindestens zehn liessen dabei ihr Leben.

Auch politisch ein breiter Graben

Auch dieser Zugang durch den Tunnel wird nun noch besser gesichert. In London werfen Boulevard-Zeitungen den Franzosen trotzdem vor, sie beschränkten sich auf «Daumendrehen». In der Region Nordfrankreich, deren sechs Millionen Einwohner im Dezember zur Wahl gerufen sind, erschallen hingegen Rufe, Frankreich solle die Migranten einfach über den Kanal lassen, statt die Zollarbeit für die Briten zu erledigen. Vor diesem gespannten Hintergrund ist der Abschluss eines Abkommens bereits ein kleiner Erfolg. In der Sache geht es allerdings nicht sehr weit – mit ein Zeichen, dass der Ärmelkanal eben auch politisch-diplomatisch ein breiter Graben bleibt. Wann die Abmachung umgesetzt wird und welches Land wie viel daran zahlt, wollten weder May noch Cazeneuve angeben. Laut französischen Quellen entsenden die Briten kaum ein Dutzend Polizisten – während in den Dünen von Calais bereits 1300 französische Gendarmen und Zöllner Jagd auf Schleuser und Migranten machen. Seit Jahresbeginn seien so schon 120 Schleppernetze ausgehoben worden, erklärte Cazeneuve.

Humanitäre Kreise kritisieren die Einigung als kurzsichtig. François Guennoc vom Verein «Auberge des Migrants» bezeichnete sie gar als «wirkungslos», da sie an den Ursachen des Flüchtlingsdramas entlang dem Ärmelkanal nichts ändere. Nötig wäre eine gemeinsame Behandlung der Asylanträge durch die beiden betroffenen Länder, meinte er. Grossbritannien, das dem Schengen-Abkommen nicht beigetreten ist, weigert sich aber, Asylanträge einreisewilliger Migranten schon in Calais zu behandeln.

Hilft die EU bei der Finanzierung?

Laut Pariser Medien finanziert die britische Regierung das Abkommen nur mit zehn Millionen Euro mit. Die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, hatte schon am Mittwoch erklärt, allein die finanziellen Kompensationen, die ihre Stadt von den beiden Regierungen für geleistete Dienste verlange, beliefen sich auf 50 Millionen Euro. Eventuell könnte bald auch die EU zur Finanzierung beitragen. Die zwei Kommissionsmitglieder Dimitris Avramopoulos und Frans Timmermans wollen sich jedenfalls Ende August persönlich ein Bild der dramatischen Lage in Calais machen. Kommentar rechts

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