Ägypten

Ägypten am Rand des Abgrunds: Schweiz bestellt Botschafter ein

Eine ägyptische Demonstrantin, nachdem das Demonstrantenlager geräumt wurde

Eine ägyptische Demonstrantin, nachdem das Demonstrantenlager geräumt wurde

Schritt für Schritt dringt das wahre Ausmass der Gewaltwelle, die Ägypten seit Mittwoch erfasst hat, ans Tageslicht. Die Regierung spricht mittlerweile von mindestens 525 Menschen, die seit der Räumung der Protestcamps getötet wurden.

Trotz der Rückschläge geben sich die entmachteten Muslimbrüder nicht geschlagen. In Kairo stürmten am Donnerstag Hunderte Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi ein Regierungsgebäude.

Auch in Alexandria gingen Hunderte Islamisten auf die Strasse, um gegen die Räumung zweier Protestlager in Kairo zu demonstrieren. Bei einer Massenschlägerei kamen hier mindestens vier Menschen ums Leben, 45 Personen wurden verletzt.

Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Die Bewegung werde nicht ruhen, bis "der Militärputsch" gegen Mursi der Vergangenheit angehöre, erklärte ein Sprecher der Bruderschaft über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Ägypten am Rande des Abgrunds

Ägypten am Rande des Abgrunds

Anhänger der radikalen Islamisten-Vereinigung Dschihad wollen am Freitag gemeinsam mit den Muslimbrüdern gegen die neue Übergangsregierung protestieren. Geplant seien an seien an diesem "Freitag der Wut" zwar friedliche Kundgebungen; aber es könne niemand garantieren, dass es dabei nicht zu Gewalt und Brandanschlägen kommt, sagte der Generalsekretär der von der Dschihad gegründeten Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, dem Nachrichtenportal der Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm".

Mehr als 500 Tote

Die Gewalt war am Mittwoch in zahlreichen Städten Ägyptens eskaliert, nachdem die Sicherheitskräfte zwei Protestlager der Mursi-Anhänger in Kairo geräumt hatten. Es kam zum schlimmsten Blutvergiessen an einem einzigen Tag in Ägypten seit Jahrzehnten.

Das Gesundheitsministerium erhöhte die Totenzahl am Donnerstag auf 525, weitere 3500 Menschen seien verletzt worden. Die tatsächlichen Zahlen dürften noch höher liegen, da in den amtlichen Angaben nur Tote aufgeführt werden, die in Spitäler eingeliefert wurden. Die Muslimbruderschaft sprach von 3000 Toten.

Die UNO forderte eine unabhängige Überprüfung, um das Verhalten der Sicherheitskräfte bei den blutigen Auseinandersetzungen zu beurteilen. Die hohe Zahl der getöteten oder verletzten Menschen deute auf einen "übermässigen, sogar extremen Einsatz von Gewalt gegen Demonstranten hin", sagte UNO-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay in Genf. Und sie fordert Konsequenzen: Jeder, der eines Verbrechens schuldig befunden werde, müsse zur Verantwortung gezogen werden.

Botschafter einbestellt

Kritische Worte zum Vorgehen der ägyptischen Regierung und Sicherheitskräften äusserten nicht nur die Vereinten Nationen. Mehrere westliche Staaten, darunter Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien, bestellten jeweils den Botschafter Ägyptens in ihrem Land ein.

Auch die Schweiz lud den Repräsentanten Ägyptens ins Bundeshaus ein. Gemäss dem Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten drückte Staatssekretär Yves Rossier ihm gegenüber seine Betroffenheit und "tiefe Beunruhigung" über die Ereignisse aus. Er rief die ägyptischen Sicherheitskräfte zu Zurückhaltung auf und forderte die interimistische Regierung zu einem parteiübergreifendem Transitionsprozess auf.

Obama sagt Manöver ab

Unerwartet klare Worte auch aus Übersee: Die USA, der wichtigste Verbündete des ägyptischen Streitkräfte, sagten eine gemeinsame Militärübung mit Ägypten ab. Angesichts der Geschehnisse könnten die Vereinigten Staaten ihre Beziehung mit dem Land derzeit nicht wie gewohnt weiterführen, sagte US-Präsident Barack Obama in seinem Ferienort auf der Insel Martha's Vineyard im US-Staat Massachusetts.

Er habe seinen Nationalen Sicherheitsrat aufgefordert, zu ermitteln, ob weitere Konsequenzen notwendig seien. Auf dem Prüfstand stehe auch die jährliche Militärhilfe der USA an Ägypten in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar, teilte das US-Aussenministerium mit.

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