Das Unglück passierte am 18. September 1961, rund zehn Minuten nach Mitternacht. Ein Verkehrsflugzeug vom Typ DC-6 der schwedischen Trainsair stürzte beim Anflug auf den Flughafen Ndola in Nordrhodesien ab. Die DC-6 namens «Albertina» kam aus Léopoldville und hatte einen äusserst prominenten Gast an Bord: UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, der bei dem Flugzeugabsturz getötet wurde.

Der Schwede Hammarskjöld vermittelte seit 1960 in der Kongo-Krise. In Ndola wollte er sich mit Moïse Tschombé treffen, dem selbst ernannten Präsidenten der sezessionistischen kongolesischen Provinz Katanga. Wrackteile des Unfallflugzeuges wurden später rund 14 Kilometer nordöstlich des Flughafens Ndola gefunden. 15 der 16 Passagiere an Bord waren tot, darunter Hammarskjöld. Der einzige Überlebende, der Amerikaner Harold M. Julien, starb wenige Tage später an seinen schweren Verbrennungen. Postum wurde Hammarskjöld im Herbst 1961 der Friedensnobelpreis verliehen.

Dag Hammarskjölds Tod in Ndola ist auch 50 Jahre später eines der grössten Rätsel des 20. Jahrhunderts. Um den Flugzeugabsturz ranken sich bis heute Legenden. Eine in Nordrhodesien durchgeführte Untersuchung führte den Absturz auf einen Pilotenfehler zurück – spätere Untersuchungen der UNO und Schwedens bestätigten diesen Befund.

Doch in der Presse waren von Anfang an Berichte aufgetaucht, wonach Hammarskjölds DC-6 von einem anderen Flugzeug abgeschossen worden sei – von einem kleinen Jagdflugzeug vom Typ Fouga. Ein belgischer Pilot namens «Major Delin», so spekulierten die Medien, hatte mit seiner Fouga bereits früher UNO-Truppen aus der Luft beschossen und wurde als moderner «einsamer Ranger» beschrieben, der sich gegen die Weltgemeinschaft zur Wehr setzte.

Ein Motiv für den «Mord» an Hammarskjöld wurde auch schnell gefunden: Der Kongo wurde nach seiner Unabhängigkeit von Belgien am 30. Juni 1960 rasch zu einem heiss umkämpften Schachfeld im Kalten Krieg. Der Kongo war reich an Mineralien – Kupfer, Kobalt, Diamanten und Blech. Aus kongolesischem Uran war beispielsweise die Atombombe, die 1945 über Hiroshima abgeworfen worden war. Um diesen Reichtum kämpften kongolesische Nationalisten gegen westliche Bergbaukonzerne und Regierungen – und auch die Sowjetunion interessierte sich für den Kongo.

Der kongolesische Nationalist Patrice Lumumba spielte dabei von Anfang an ein Doppelspiel, wie die Historiker Alexandr Fursenko und Timothy Naftali aufgezeigt haben («Khrushchev’s Cold War», 2006). Im April 1959 bat er Moskau um finanzielle Hilfe für seine antikolonialistische Propaganda im Kongo. Im Februar 1960 forderte Lumumba auch vom US-Botschafter in Brüssel Finanzhilfe. Lumumba spielte die Supermächte gegeneinander aus.

Im Mai 1960 gewann Lumumbas Partei die ersten freien Wahlen im Kongo. Mit der Unabhängigkeit am 30. Juni wurde Lumumba Premier, Präsident wurde der Nationalist Joseph Kasavubu. Belgien hatte sich ausbedungen, dass 1000 belgische Offiziere weiterhin die 25000 Mann starke Armee befehligen würden. Doch bereits nach wenigen Tagen rebellierten die einheimischen Soldaten gegen die weissen Offiziere aus Belgien. Die Meutereien in der Armee führten zu Chaos.

Am 11. Juli 1960 eskalierte die Lage vollends: Der kongolesische Soldat Moïse Tschombé erklärte, ermutigt von Belgien, die Unabhängigkeit der kupferproduzierenden Provinz Katanga – der Quelle von über der Hälfte der Exporte des Kongo. Belgien entsandte Soldaten in den Kongo, um seine Bürger und die Interessen der belgischen Firma «Union Minière» in Katanga zu schützen, welche das Monopol über die Kupferproduktion innehatte.

In dieser Situation forderte Lumumba am 12. Juli 1960 eine Intervention der Vereinten Nationen. Es war das erste Mal in ihrer Geschichte, dass die UNO gebeten wurde, in einen Bürgerkrieg einzugreifen. Lumumba forderte eine UNO-Schutztruppe, um «aggressive Handlungen» der belgischen Soldaten gegen Kongolesen zu verhindern. Dag Hammarskjöld, seit 1952 UNO-Generalsekretär, reagierte blitzschnell auf den Hilferuf aus dem Kongo. Er berief eine Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrats in New York ein. In den frühen Morgenstunden des 14. Juli hiess der Sicherheitsrat um 3.25 Uhr Hammarskjölds Antrag auf eine UNO-Peacekeeping-Operation einstimmig gut. 31 Stunden später trafen bereits Flugzeuge mit UNO-Soldaten in der kongolesischen Hauptstadt Léopoldville ein – die rasche Reaktion war ein grosser Triumph für den UNO-Chef.

Hammarskjöld wollte die UNO-Truppen aus der Fehde zwischen Lumumba und Tschombé heraushalten und konzentrierte sich darauf, die belgischen Truppen zum Abzug zu überreden, doch schon bald warfen ihm alle Parteien Parteinahme vor. Lumumba forderte im August sowjetische Militärhilfe an, weil die UNO nicht gegen Tschombé vorgehen wollte. Sowjetische Waffen und Munition trafen unverzüglich ein. Doch Lumumba zahlte dafür einen hohen Preis. Am 5. September feuerte Kasavubu ihn, weil er von ihm nicht über die angeforderte sowjetische Militärhilfe konsultiert worden war. Ein paar Tage später putschte sich Joseph Désiré Mobutu in Léopoldville an die Macht – ermutigt von den USA. Lumumba begab sich zunächst in den Schutz der UNO, dann wurde er auf der Flucht gefangen und von Tschombés Häschern und vom belgischen Geheimdienst im Januar 1961 bestialisch ermordet.

Sowjetführer Nikita Chruschtschow war Mitte September 1960 gerade auf der Überfahrt nach New York, wo er an der jährlichen Generalversammlung teilnehmen wollte. Er ärgerte sich sehr über die vermeintliche Parteinahme der UNO gegen Lumumba. «Ich spucke auf die UNO. Dieser Taugenichts Hammarskjöld steckt seine Nase in wichtige Dinge, die ihn nichts angehen. Wir werden ihm die Hölle heissmachen», fauchte Chruschtschow.

In New York griff der Sowjetführer Hammarskjöld frontal an. Er forderte seinen Rücktritt und beantragte, die Position des UNO-Generalsekretärs ganz aufzulösen. Der schwedische UNO-Chef blieb aber ruhig und verteidigte sich in einer grandiosen Rede: «Hier geht es nicht um einen Mann, sondern um eine Institution», erklärte er stoisch.

Ein Jahr später geriet Hammarskjöld erneut unter Beschuss – diesmal von der anderen Supermacht. US-Präsident John F. Kennedy drohte dem UNO-Generalsekretär in einem Telegramm unverblümt, dass die USA aus der UNO austreten würden, sollte Hammarskjöld und seine UNO-Truppen im Kongo ihre «prosowjetische Politik» nicht aufgeben.

Der Zorn der amerikanischen Regierung bezog sich auf das zunehmend aggressivere Vorgehen der UNO-Truppen gegen die belgischen Truppen und ausländischen Söldner in Katanga, auch wenn dieses vom UNO-Sicherheitsrat Ende Februar explizit gewünscht worden war. Kurz vor seinem tragischen Tod autorisierte Hammarskjöld die Militäroperation «Morthor», welche am 13. September 1961 begann und in einem politischen und militärischen Fiasko endete. Ausgestattet mit Haftbefehlen der kongolesischen Zentralregierung gegen Tschombé und vier seiner Minister, wollte die UNO mit der «Operation Morthor» die Sezession von Katanga beenden. Beim UNO-Angriff auf Tschombé wurden Zivilisten getötet, und die Weltmeinung empörte sich über die UNO-Truppen im Kongo.

Dag Hammarskjölds Frustration über die belgischen, britischen und amerikanischen Investoren hinter dem mächtigen Bergbauunternehmen Union Minière in Katanga ist in faszinierenden, vormals geheimen Telegrammen zwischen dem UNO-Hauptsitz in New York und der UNO-Mission im Kongo dokumentiert, die in der Königlichen Bibliothek in Stockholm lagern. Hammarskjöld hegte grosse Sympathien für die neuen afrikanischen Staaten und scheute auch den Konflikt mit den Grossmächten nicht.

Doch war Hammarskjölds forsches Vorgehen gegen die westlichen Wirtschaftsinteressen in Katanga wirklich Motiv für einen Politmord? Die britische Zeitung «The Guardian» hat vor einem Monat Aussagen von Augenzeugen des Flugzeugabsturzes von 1961 abgedruckt, die der schwedische Hobbyhistoriker Göran Björkdahl im Busch bei Ndola aufgestöbert hat. Der 84-jährige Kohlenarbeiter Dickson Mbewe erinnerte sich 50 Jahre später an die Unglücksnacht: «Plötzlich sahen wir ein zweites, kleineres Flugzeug und es gab ein helles Feuer. Dann stürzte das grosse Flugzeug ab.» Drei weitere Augenzeugen sprachen ebenfalls von dem zweiten Flugzeug und einer hellen Explosion.

Der schwedische Diplomat Bengt Rösiö hat sich intensiv mit dem Crash von Ndola auseinandergesetzt. Er ist der Autor des schwedischen Untersuchungsberichts aus dem Jahr 1992. Er glaubt nicht an die Theorie eines zweiten Flugzeugs, das Hammarskjölds DC-6 abgeschossen haben soll. In zahlreichen Artikeln hat er seither die Fakten erläutert, die dagegen sprechen: Die mysteriöse Fouga war demnach gar nicht ausgerüstet für einen Nachtflug. Im Wrack der DC-6 gab es keine Einschusslöcher. Der von den Medien genannte «Pilot» Delin hatte gar keine Pilotenlizenz. Die offiziellen Untersuchungen schlossen Instrumentenfehler, mechanische Defekte, Herzinfarkt, Sabotage und Beschuss vom Boden als Unfallursachen aus.

Weshalb also stürzte Hammarskjölds DC-6 ab? Die «Albertina» war auf dem korrekten Anflugkurs auf Ndola, als sie in den Bäumen zerschellte – sie flog aber 300 Meter zu tief. Vielleicht hat sich der Pilot von hellen orangefarbenen Strassenlaternen täuschen lassen, die er für die Landebahnlichter hielt. Im entscheidenden Moment achtete die Cockpitcrew offenbar nicht auf den Höhenmeter, und es kam zur Katastrophe.

John F. Kennedy korrigierte sein Bild und sagte im März 1962: «Ich realisiere jetzt, dass ich im Vergleich zu Hammarskjöld ein kleiner Mann bin. Er war der grösste Staatsmann unseres Jahrhunderts.»

Göran Björkdahl «I have no doubt Dag Hammarskjöld’s plane was brought down». The Guardian, 17. August 2011.