Horst Schäfer hat sich an der Bahnhofstrasse vor ein Café gesetzt. Jeder, der hier vorbeiläuft, grüsst den 63-Jährigen freundlich, jedem Auto winkt Schäfer hinterher. Bis vor kurzem kannte der gebürtige Schlotheimer jeden in seiner Gemeinde mit Vor- und Nachnamen. Doch seit 2015 gibt es Menschen hier, von denen Schäfer keine Ahnung hat. «70 Prozent werden hier die AfD wählen, da können Sie sicher sein», prognostiziert der Rentner.

«70 Prozent werden hier die AfD wählen.» Horst Schäfer

«70 Prozent werden hier die AfD wählen.» Horst Schäfer

Sabine Wendrich geht zufällig am Café vorbei, die beiden kommen ins Gespräch. Es geht, wie so oft in den letzten Monaten, um die Bewohner in den Blöcken in Obermehler, einige hundert Meter die Hauptstrasse hoch, direkt vor den Toren Schlotheims. «Ohne Pfefferspray», sagt die 48-Jährige, «gehe ich als Frau hier abends nicht mehr auf die Strasse.»

In Schlotheim, einer verschlafenen Kleinstadt im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis, 50 Autofahrtminuten von Erfurt entfernt, geht ein Riss durch die Bevölkerung. Seit 2015 leben 600, zeitweise 800 Asylsuchende aus aller Welt in einer Häuserüberbauung gleich am Stadtrand. 800 Schutzsuchende auf 3600 Einwohner. Schlotheim ist eine verschuldete Gemeinde, die Gegend strukturschwach mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit und seit der Wende schrumpfender Bevölkerung. Geld für Infrastrukturprojekte stand hier jahrelang nicht zur Verfügung, Ausländer lebten in dem Ort so gut wie keine. Nun sanieren sie in Obermehler für viel Geld Wohnhäuser für Flüchtlinge, in den örtlichen Netto kommen Grossfamilien zum Einkauf, die anders sind als die Schlotheimer. Frauen mit Kopftüchern, Männer mit dunklem Teint, junge Burschen, die eine Sprache sprechen, die hier keiner versteht.

Vergiftetes Klima

890'000 Flüchtlinge nahm Deutschland 2015 auf, 2016 kamen weitere 280 000 Asylsuchende hinzu, auch in diesem Jahr suchten einige Schutz in Deutschland. Die Flüchtlingskrise hat das Land vor eine grosse Herausforderung gestellt. Doch die Flüchtlinge sind – mit Ausnahme des TV-Duells vom vergangenen Sonntag – im aktuellen Bundestagswahlkampf nur am Rande ein Thema. Dabei steht das Land vor einer Mammutaufgabe. Noch vor zwei Jahren jubelte die Industrie über den Zuzug sehnlichst gesuchter Facharbeiter aus aller Welt. Die nackten Zahlen zeigen jedoch, dass heute nur jeder Zehnte, der 2015 nach Deutschland gekommen ist, einen Job hat. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet damit, dass bis 2020 die Hälfte der Geflüchteten in Arbeit sein werde.

Frank Freudenberg, evangelischer Pfarrer der Kleinstadt, sitzt in seinem kleinen Büro im Pfarrhaus und stapelt Werbeflyer für den Schlotheimer Stadtlauf vom 9. September. Die will er später in der Asylbewerber-Siedlung vorbeibringen. Er hofft, dass möglichst viele der Schutzsuchenden teilnehmen, damit es ein Miteinander von Flüchtlingen und Einheimischen beim Sportanlass gibt. «Ja, die Bevölkerung ist gespalten, seitdem die Flüchtlinge hier sind», sagt der 43-Jährige.

«Merkel traf 2015 die richtige Entscheidung. Aber man muss klar sehen, dass der Zuzug all dieser Menschen zu Problemen geführt hat.» Frank Freudenberg

«Merkel traf 2015 die richtige Entscheidung. Aber man muss klar sehen, dass der Zuzug all dieser Menschen zu Problemen geführt hat.» Frank Freudenberg

Was ihm Sorgen bereitet, sind die Gerüchte. Da werden teilweise harte Fakten mit Fantasien vermischt, heraus kommen Halbwahrheiten, welche das Klima in Schlotheim zu vergiften drohen. Geschichten von gewalttätigen Flüchtlingen, von Übergriffen gegen Frauen, versuchten Vergewaltigungen. Freudenberg redet differenziert, er weiss, dass der enorme Zuzug vielen Menschen Angst macht, dass 600, gar 800 Menschen für eine Stadt mit 3600 Einwohnern zu viele sind. «Merkel traf 2015 die richtige Entscheidung. Aber man muss klar sehen, dass der Zuzug all dieser Menschen zu Problemen in den Kommunen geführt hat», sagt der gebürtige Sachse. «Lamentieren hilft nicht weiter. Die Menschen sind hier, und wir müssen das Beste daraus machen.»

«Parallelen zum DDR-Regime»

Was deutlich wird in Schlotheim: die Kluft zwischen Politik und Bevölkerung scheint hier riesengross. Es ist möglicherweise sinnbildlich für das ganze Land, sicher aber für die neuen Bundesländer im Osten. Der Schlotheimer SPD-Stadtrat Holger Koch ist wütend, dass die Landespolitiker über die Köpfe der Menschen hinweg angeordnet haben, dass in Schlotheim alle Asylsuchenden zentral untergebracht werden.

Koch bittet in sein hübsches Einfamilienhaus am Rande Schlotheims, er hat argumentative Verstärkung zum Gespräch mitgebracht. Sebastian Wäldrich, 38, parteiloser Stadtrat und weitherum bekannter Schlotheimer Zahnarzt, grüsst mit festem Händedruck. Beide sitzen in einem Bürgerbündnis, das sich laut Broschüre «für eine verträgliche Anzahl an Menschen» im Asylzentrum einsetzt. «Man hätte die Asylsuchenden im Landkreis verteilen können», sagt Koch. «Heute erkennen wir Parallelen zum DDR-Regime. Auch damals wurde über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden, seine Meinung durfte man nicht kritisch äussern.

Heute ist es nicht anders als damals», sagt er. Kollege Wäldrich fügt hinzu: «Wer sich über die Zustände im Asylzentrum mokiert, wird als Nazi beschimpft. Es gibt Denkverbote.» Beide machen für diese Stimmung im Land auch die Bundesregierung verantwortlich. Koch meint: «Die Etablierten brauchen am 24. September einen Denkzettel, sonst wursteln sie weiter wie bisher.» Die beiden reden über gestiegene Kriminalität wegen der Flüchtlinge, Frauen, die belästigt würden, Diebstähle im Supermarkt, Schlägereien, fast täglich ausrückende Polizeibeamte in Vollmontur. Bilder, wie man sie in Schlotheim bis 2015 nur aus Filmen gekannt hat. «Ich lasse mir nicht den Mund verbieten und spreche diesen Umstand an», sagt Koch.

Die Landespolizei bestätigt, dass es wegen der Flüchtlinge vermehrt zu Einsätzen gekommen ist. Ein Trend, der auch auf Bundesebene zu verzeichnen ist. Wie es aber klingt, hält sich alles im Rahmen, zumeist kam es zu Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen selbst. Polizei in Vollmontur, ja, das gäbe es, räumt auch der Landrat des Unstrut-Hainich-Kreises, Harald Zanker, ein. «Wenn es zu Abschiebungen kommt, fährt die Polizei bisweilen mit vier Einsatzwagen vor. Das wirkt auf viele Menschen hier bedrohlich.» Er kann den Unmut einiger Schlotheimer in Teilen nachvollziehen, aber die zentrale Unterbringung der Menschen in bestehenden Wohnblöcken sei die bestmögliche Lösung gewesen. «Ansonsten hätten wir Turnhallen und Schulen für die Flüchtlinge freigeben und Containerdörfer aufstellen müssen.»

Zanker glaubt, dass das Unbehagen vieler Menschen hier in der Gegend gegenüber den Flüchtlingen auch historische Gründe hat: «In der DDR haben wir nicht die Erfahrungen gemacht mit Ausländern wie der Westen. Dann wurden wir von den Ereignissen von 2015 überwältigt.» Die Skepsis gegen die Politik in Berlin habe in den letzten Jahren zugenommen, hat auch Zanker beobachtet. «Viele suchen daher leider Lösungen bei jenen, die die einfachen Antworten auf die Probleme liefern.»

Im Begegnungscafé

Es ist später Nachmittag an diesem Donnerstag. Schlotheimer Bürger haben am Stadtrand ein Begegnungscafé für die Flüchtlinge eingerichtet. Doch mit Ausnahme der deutschen Helfer finden sich hier nur Menschen aus Eritrea, Syrien und Afghanistan ein. Sie spielen Karten, Tischfussball, Alfons Burhenne unterrichtet Binam, 20, aus Eritrea in Deutsch. Auch Suleiman, ein junger Mann aus Syrien, hilft dem Eritreer beim Übersetzen. Seit 2015 lebt der heute 21-Jährige in Schlotheim, er hat eine lange Flucht hinter sich, sass im Herbst in Ungarn fest. Eltern, Geschwister, sie hat er zurückgelassen, weil das Geld der Familie nur für die Flucht von Suleiman gereicht hat.

«Hier sehe ich meine Zukunft.» Flüchtling Binam

Alfons Burhenne und Binam im Begegnungszentrum.

«Hier sehe ich meine Zukunft.» Flüchtling Binam  

Suleiman ist auf gutem Wege, seit wenigen Wochen hat er in Schlotheim eine eigene Wohnung, er arbeitet im Krankenhaus als Pflegeassistent, nächstes Jahr beginnt seine Ausbildung zum Krankenpfleger. Der stolze junge Mann spricht sehr gut Deutsch, er sagt: «Hier sehe ich meine Zukunft.» Er weiss, dass viele in Schlotheim skeptisch sind gegenüber den Flüchtlingen. Verübeln tut er ihnen das nicht. Zu dankbar ist er für die Hilfe, die er in Deutschland erfahren hat. «Ich weiss nicht, was aus mir geworden wäre, hätte Deutschland mir nicht geholfen.»