Reportage

70 Jahre Teilung von Palästina: Wie Nathan (25) und Isra (26) den Nahostkonflikt erleben

Blick durch den Stacheldraht auf den Tempelberg in der geteilten Stadt Jerusalem. Nathan und Isra erleben den Konflikt täglich.

Blick durch den Stacheldraht auf den Tempelberg in der geteilten Stadt Jerusalem. Nathan und Isra erleben den Konflikt täglich.

Die Argumente der Staaten im Nahostkonflikt sind bekannt, die Stimmen der Zivilbevölkerung weniger. Ein Israeli und eine Palästinenserin erzählen der «Nordwestschweiz», was es heisst, als junger Erwachsener vor Ort zu leben.

Der Teilungsplan ist gescheitert, weil das einzige Ziel der Araber war, die jüdische Bevölkerung aus dem Gebiet zu vertreiben», sagt Nathan. Er ist 25 Jahre alt und lebt in Westjerusalem. Mit 18 verliess der gebürtige Franzose Paris und zog nach Israel. «Das Leben hier ist trotz des Konfliktes einfacher», sagt er. Als Jude sei er in Paris regelmässig physisch und verbal angegriffen worden. Nathan lernte Hebräisch und begann nach einem Jahr den obligatorischen Militärdienst. «Den Juden Land zuzusprechen», sagt er heute, «stand für die Araber ausser Frage.»

Nathan fühlt zu Israel eine starke Verbundenheit. «Seit 2000 Jahren sagen Juden bei Gebeten ‹nächstes Jahr in Jerusalem›, damit bin ich aufgewachsen.» Obwohl er nicht gläubig ist, sieht er es als richtig an, dass die Juden in das Heilige Land zurückgekehrt sind. «Es ist das einzige Gebiet, das für uns Sinn machte.» Ein jüdischer Staat sei notwendig, da historisch betrachtet die Juden als Minderheit stets verfolgt und diskriminiert wurden. «Ohne Israel würden wir nicht überleben.» Zudem ist Nathan überzeugt: «Es war freies Land, das zu dieser Zeit niemandem gehörte.»

«Die Sicherheitsmauer ausbauen»

Das änderte sich mit dem Sechstagekrieg. Israel gewann durch einen Präventivschlag ein immenses Territorium. «Israel eroberte diese Gebiete, um sie danach gegen Frieden wieder einzutauschen», sagt Nathan. Im Falle des Sinai sei dies gelungen, nicht jedoch mit dem Westjordanland. «Jordanien wollte es nicht», betont er. «Israel sollte sich aus dem Westjordanland zurückziehen, nicht aber, wenn dabei ein zweites Gaza resultiert.» Eine Meinung, die in Israel viele teilen.

Eine Zweistaatenlösung sieht Nathan unter bestimmten Konditionen als realistisch an. «Wir müssten die Sicherheitsmauer ausbauen, um Terroranschläge zu verhindern.» Er fügt an: «Ich glaube nicht, dass die Anschläge aufhören, wenn wir den Palästinensern einen Staat geben.» Zusätzlich sei es zwingend, dass die Palästinenser Israel als jüdischen Staat anerkennen und das Rückkehrrecht aufgeben. Im Gegenzug müsse Israel einen souveränen palästinensischen Staat akzeptieren. Bevor ein solcher Rückzug aus den palästinensischen Gebieten möglich ist, müsse sich jedoch auch in den Köpfen der Menschen vieles ändern. «Wir müssen bei der Bildung ansetzen, um den gegenseitigen Hass zu bekämpfen.»

Siedlungen als politisches Mittel

Die Siedlungen im Westjordanland sieht Nathan als Hindernis für den Frieden, stellt jedoch klar: «Israel weiss, wie es die Siedler loswerden kann. Wenn nötig, trägt sie die Armee eigenhändig raus.» Warum genehmigt der israelische Staat die Siedlungen trotzdem? «Siedler sind für die israelische Regierung ein Mittel, um Territorium zu besetzen, ohne den militärischen Aufwand zu vergrössern. Die Siedler sind nur Puppen der Regierung.» Genauso sieht er auch Anschläge auf Israeli durch Palästinenser als bewusst von der palästinensischen Regierung gefördert. «Das wahre Problem ist, dass weder die PLO noch Hamas Israel als jüdischen Staat akzeptieren. Nur dann kann es Frieden geben.»

Die Einstaatenlösung ist für Nathan keine Option. «Damit würden die Juden die Mehrheit verlieren, was dem Existenzgrund Israels widerspricht.» Er setzt sich für einen jüdischen, jedoch säkularen Staat ein und ist überzeugt, dass ein verstärkter Austausch der Bevölkerung positiv zum Frieden beitragen kann. «Ich habe selbst palästinensische Freunde und ich habe Verständnis für ihre Situation, aber in erster Linie müssen wir uns um unsere eigene Sicherheit sorgen.»

«Die Juden nahmen unser Land»

Isra ist 26, in Palästina geboren und lebt in Ramallah. Frustration über die Situation ist in ihren Worten spürbar. «Palästinenser hatten beim Teilungsplan keine Stimme. Sie hatten keine eigene Entscheidungskraft», kritisiert sie. «Warum sollten die arabischen Staaten einen Vorschlag annehmen, der den Juden mehr als die Hälfte des Landes gibt?» Ob und wie viel Land den Juden zugesprochen wird, solle alleine die Entscheidung der Palästinenser sein.

«Nicht die Entscheidung irgendeines Staates, der unsere Situation nicht kennt.» Sie würde sich auch heute noch gegen den Vorschlag entscheiden. «Dieses Land gehört uns, Juden waren als Gäste willkommen. Am Ende nahmen sie es uns weg.»

Auf die Zweistaatenlösung angesprochen, meint Isra: «Vor der zweiten Intifada hätte ich ihr zugestimmt. Heute frage ich mich: Warum sollten es die Israeli bei der aktuellen Grenze belassen?» Es sei Teil der israelischen Mentalität, das Territorium vergrössern zu wollen. «Wir müssen unsere eigenen Konditionen stellen, schliesslich sind wir die, denen etwas gestohlen wurde», stellt die Palästinenserin klar. «Israel soll aufhören, unsere Märtyrer als Terroristen zu bezeichnen, und die Siedlungen und die Kontrollstellen im Westjordanland entfernen.»

Das Westjordanland ist seit dem Oslo-Abkommen in drei Gebiete unterteilt, dazwischen kontrolliert das israelische Militär palästinensische Autos. «Wir wissen nie, wie lange wir in ein anderes Dorf brauchen. Manchmal schliessen sie die Strasse auch.»

Problem der Anschläge lösen

Anschläge auf Israeli seien Notwehr oder eine Folge grosser Wut, sagt Isra. «Wir sind einer täglichen Diskriminierung durch israelische Soldaten ausgeliefert.» Obwohl Ramallah im von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierten Gebiet liegt, dringen israelische Soldaten immer wieder ein. «Sie verhaften Jugendliche und dringen in unsere Häuser ein. Alles unter dem Vorwand der Sicherheit.» Das beeinflusse die Jugend psychisch enorm. «Trotzdem müssen wir das Problem mit den Anschlägen lösen, um unser Bild in der Welt zu verbessen.»

Trotz all der Schwierigkeiten kommt es für Isra nicht infrage, Palästina zu verlassen. «Wir glauben an uns. Wir wurden so erzogen, dass wir dieses Land nicht verlassen können. Wenn wir dies tun, verlieren wir unser Land.» Kritik übt sie jedoch auch an der palästinensischen Regierung. «Abbas macht vieles falsch. Er ignoriert viele unserer Forderungen, wir werden nicht nach unserer Meinung gefragt.» Weniger Kritik übt sie hingegen an der Hamas. Während diese im Westen oft ohne Zweifel als Terrororganisation gilt, nimmt die junge Palästinenserin die Hamas in Schutz: «Sie sind Teil der Palästinenser.» Auch wenn sie in Bezug auf die Religion zu extrem seien, erfüllten sie eine wichtige Aufgabe. «Was sie tun, ist legitime Notwehr. Vor allem im letzten Gaza-Krieg. Das erwarten wir von ihnen.»

Ein einziger Staat

Den Optimismus hat Isra noch nicht aufgegeben: «Ich glaube an die Einstaatenlösung. Auch wenn ich weiss, dass Israel dem nicht zustimmen wird.» Israel habe nicht das Recht auf einen jüdischen Staat. «Ich habe kein Problem mit Juden, aber ich glaube, dass Palästina allen Religionen gehören soll.»

Israelische Freunde hat Isra keine, auch einen Austausch der Zivilbevölkerung lehnt sie ab. «Dies hat schon früher nicht geklappt. Und am Ende sind es sowieso die Politiker, die entscheiden.»

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