Coronavirus

7 Dinge, die wir von Regionen mit einer «zweiten Welle» lernen können

Mitarbeiter einer Fabrik in Wuhan werden auf Covid-19 getestet.

Mitarbeiter einer Fabrik in Wuhan werden auf Covid-19 getestet.

In Israel werden nach nur einem Monat wieder Schulen geschlossen. In Teilen Chinas wurden öffentliche Plätze erneut abgeriegelt. Ein Blick auf Regionen mit steigenden Neuinfektionen – und was die Schweiz davon lernen kann.

1. Was einen Wiederanstieg ausgelöst hat

Erneute Ausbrüche der Corona-Epidemie sind kaum zu vermeiden. Oftmals braucht es nur eine einzige infizierte Person am falschen Ort und das Virus kann sich schnell ausbreiten.

Südkorea

So geschehen ist das beispielsweise in Südkorea, wo ein Mann anfangs Mai eine Nacht in Seoul durchgefeiert hatte und ein paar Tage später positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Bilanz: Fast 300 Personen haben sich im entsprechenden Partyviertel angesteckt – laut Schätzungen der Behörden sind es sogar noch hunderte mehr.

Israel

Eine andere Situation liegt in Israel vor: Das Land hatte zu Beginn der Krise schnell und rigoros reagiert und ist bisher relativ glimpflich davon gekommen. Bisher wurden knapp 18'000 Menschen positiv getestet und rund 300 Tote gemeldet, betroffen waren anfangs vor allem Altersheime. Israel ist mit 8,8 Millionen Einwohnern ähnlich bevölkerungsstark wie die Schweiz.

Vor gut einem Monat wurden die Schulen entsprechend wieder geöffnet, auch unter Druck der wirtschaftlichen Nöte im ganzen Land. Und dann wurden diese Schulen zu den neuen Corona-Infektionsherden im Land. Laut Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wurde die «kritische Schwelle» von 100 Neuinfizierten täglich Ende Mai wieder überschritten. Deshalb wurden schon 130 Schulen und Kindergärten nach nur wenigen Wochen erneut geschlossen.

Tägliche Neuinfizierte in Israel

© watson.ch

Shulan, China

Auch in China, das als erstes Land weltweit vom Coronavirus betroffen war, gab es regionale Rückschläge. In der Stadt Shulan nahe der russischen Grenze löste eine Mitarbeiterin in einem Wäschesalon, die ursprünglich 13 Mitarbeiter infizierte, einen erneuten Ausbruch des Coronavirus aus.

2. Wiederanstiege sind kaum vermeidbar

Die obigen Beispiele beweisen: Ohne die strikten Lockdowns sind steigende Fallzahlen fast unvermeidbar. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zeichneten sich schon vergangene Pandemien durch «über Monate verteilte Wellen» aus.

Auch für ein Forscherteam der ETH Lausanne steht nicht zur Frage «ob» eine zweite Welle in der Schweiz kommt, sondern viel eher «wann» und «wie». Sie haben Ende April drei Szenarien für die Entwicklung in der Schweiz berechnet.

In ihrem Bericht heben sie hervor, wie wichtig es ist, den erneuten Anstieg der Fallzahlen auf eine so grosse Zeitspanne wie möglich zu verteilen und so das Gesundheitssystem zu entlasten.

3. Einschränkungen können jederzeit nötig werden

Dass die Krise nicht nach den ersten Lockerungen überstanden ist, beweist ein Beispiel aus Japan. Die Insel Hokkaido schien das Virus Mitte März mit nur ein oder zwei Neuansteckungen pro Tag im Griff zu haben – dank einem strikten Lockdown.

Ende April wurden in Folge dessen die Massnahmen gelockert und die Schulen wieder geöffnet. Und dann kam der Rückschlag: Die Insel hatte mit einer zweiten Infektionswelle zu kämpfen, weniger als einen Monat später musste der Ausnahmezustand wieder eingeführt werden.

4. Quarantäne für Einreisende

In China gibt es inzwischen mehr importierte Fälle als lokale Übertragungen. In einem Fall wurden acht aus Russland zurück gekehrte Chinesen positiv getestet – rund 300 andere Personen, die im selben Zeitraum gereist waren, mussten in Quarantäne.

Wenig überraschend knüpfen viele Länder die gelockerten Einreisebestimmungen an eine Quarantäne-Pflicht. So müssen sich beispielsweise Reisende in Grossbritannien zuerst in eine 14-tägige Quarantäne begeben, bevor eine Weiterreise im Land möglich ist. Island geht sogar noch weiter: Wer einreist, muss einen Schnelltest absolvieren. Ist dieser positiv, ist ebenfalls eine 14-tägige Quarantäne nötig.

Einige Personengruppen (Schweizer Bürger, Personen mit gültiger Aufenthaltsbewilligung, usw.) dürfen bereits heute in die Schweiz einreisen. Ab dem kommenden Montag, 15. Juni werden die Grenzen mit Österreich, Deutschland und Frankreich auch für die restlichen Personen geöffnet. Eine Quarantäne bei Einreise in die Schweiz war und ist zurzeit nicht vorgesehen.

5. Testen und Tracing sind Pflicht

Unter Punkt 1 in dieser Auflistung haben wir bereits gesehen, wie schnell ein regionaler Ausbruch zustande kommt. Südkorea testete beispielsweise anfangs Februar täglich rund 10'000 Menschen – kostenlos. Dies ermöglicht es ihnen «lokale Warnsysteme einzurichten», erklärt Dr. Jennifer Rohn gegenüber der BBC. Auch die Gruppe im Seouler Nachtclubviertel wurde so aufgespürt. Im Zusammenhang mit diesem Fall wurden inzwischen 90'000 Menschen aufgespürt.

Die Schweiz hat bis zum heutigen Zeitpunkt rund 425'000 Covid-19-Tests durchgeführt. Rund 9% davon waren positiv. Seit die positiven Tests anfangs Mai seltener geworden sind, blieb das Testvolumen praktisch unverändert (für die letzten Tage werden noch einige Meldungen erwartet).

© CH Media

Gestern hat sich nach dem Ständerat auch der Nationalrat für den Einsatz einer Tracing-App in der Schweiz ausgesprochen. Wenn die Schlussabstimmung Ende Woche durchkommt, wird das technische Hilfsmittel zum Einsatz kommen.

6. Flexibles Gesundheitssystem

China hat in nur acht Tagen ein ganzes Spital aus dem Boden gestampft. Es steht in der Stadt Wuhan, wo das Coronavirus erstmals nachgewiesen wurde, und verfügt über 1000 Betten.

Hier wird das Notspital in Wuhan aus dem Boden gestampft (Februar 2020):

Hier wird das Notspital in Wuhan aus dem Boden gestampft

Hier wird das Notspital in Wuhan aus dem Boden gestampft

Professorin Judit Vall der School of Economics der Universität Barcelona sagte gegenüber der BBC: «In dieser Pandemie hat der Gesundheitssektor bewiesen, dass er sich neu erfinden und schnell anpassen kann. Krankenhäuser und Gesundheitszentren auf der ganzen Welt haben viel voneinander gelernt und sind jetzt besser in der Lage, eine nächste Welle zu bewältigen – falls sie kommt.»

Auch das Schweizer Gesundheitssystem hat in den letzten Monaten Flexibilität bewiesen. So sind beispielsweise Hunderte neue Plätze auf Intensivstationen geschaffen und Mitarbeiter auf den Umgang mit Corona-Patienten geschult worden. Für eine zweite Welle wäre man deutlich besser vorbereitet als im Februar, als die ersten Fälle in der Schweiz nachgewiesen wurden.

Auch wenn inzwischen teilweise auch der reguläre Betrieb in Schweizer Spitälern wieder hochgefahren wurde: Die Schutzkonzepte und Pläne der Corona-Pandemie bleiben griffbereit.

7. Es gibt kein Patentrezept

Die letzte und vielleicht wichtigste Erkenntnis, die wir von Regionen mit erneut steigenden Fallzahlen lernen können, ist: Es gibt nicht die eine Lösung. Solange es keine Impfung gibt, bleibt die Gefährdung durch Covid-19 bestehen. Bis dahin gilt: Hygiene- und Abstandsregeln einhalten.

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