Columbus – die Stadt, die sich selbst hilft

Der Stadtpräsident wählt seine Worte mit Bedacht, als die Rede auf den berühmtesten Sohn von Columbus kommt. «Mike Pence ist ein Freund von mir, und ich bin stolz auf ihn», sagt Jim Lienhoop über den amerikanischen Vizepräsidenten, der aus der Kleinstadt in Indiana stammt. In vielen Bereichen stimme er mit «Mike» überein, sagt Lienhoop. So begrüsse auch er Steuersenkungen und den Abbau staatlicher Vorschriften. «In einigen Belangen aber vertreten wir hier», in der Provinz des Bundesstaates Indiana, «dezidiert andere Positionen», sagt der Republikaner.

In der Tat: Während Präsident Donald Trump im weit entfernten Washington in den vergangenen 100 Tagen eine nationalistisch-populistische Botschaft predigte, verkörpert Jim Lienhoop das Gegenmodell – einen wirtschaftsfreundlichen Pragmatismus, dessen zentrale Botschaft lautet: Wir können es uns nicht leisten, uns abzuschotten.

100 Tage Trump: Was er erreichte und was nicht

100 Tage Trump: Was er erreichte und was nicht

Zürich - 28.4.17. - Donald Trump ist der umstrittenste US-Präsident seit Jahren. Durchzogen ist das Fazit zu den ersten 100 Tagen im Amt. Politologe Louis Perron zieht Bilanz.

Auf das Ausland angewiesen

So betont der Stadtpräsident, dass Columbus weltoffen sei und Menschen sämtlicher Kulturen und Religionen mit offenen Armen empfange. «Wir sind auf Wirtschaftsbeziehungen mit dem Ausland und Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ohne Menschen aus Mexiko, Indien,
China, Japan oder Deutschland stünde die Wirtschaft in unserer Stadt still», sagt er im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende».

Lienhoop hat dieses Erfolgsmodell nicht erfunden. Columbus rühmt sich seit den 1980er-Jahren, eine vorausblickende Wirtschaftspolitik zu betreiben. Das hat vor allem mit dem grössten Arbeitgeber der Stadt zu tun: mit dem erfolgreichen Motorenbauer Cummins. Vor bald 100 Jahren gegründet, drückte der Milliarden-Konzern der Kleinstadt seinen Stempel auf. Weil die weltweit tätige Firma am Hauptsitz in Columbus immer noch 8000 Menschen beschäftigt und weil sich die Konzernleitung stets bemühte, eine aktive Rolle im kulturellen Leben des herausgeputzten Städtchens zu spielen. Die Amerikaner sprechen in solchen Fällen von einem «good corporate citizen» – als wäre eine Firma ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Auf Deutsch ist in solchen Fällen von einem sozialverantwortlichen Unternehmen die Rede, aber das Beispiel Cummins zeigt, dass diese Übersetzung nicht alle Facetten des englischen Begriffs abdeckt. «Wir wollen, dass es sämtlichen Bewohnern von Columbus gut geht», sagt Jon Mills, der Kommunikationsverantwortliche des Unternehmens.

In der Praxis bedeutet dies auch: Cummins unterstützte vor fast vier Jahrzehnten die Bemühungen der Lokalpolitiker, neue Unternehmen in Columbus anzusiedeln. Dabei schauten sich die lokalen Wirtschaftsförderer auch im fernen Ausland um. 1984 reiste erstmals eine Delegation aus der Kleinstadt nach Japan, um Investoren die Vorzüge der Kleinstadt nahezubringen, die eine Autostunde südlich von Indianapolis liegt.

Alle ziehen am gleichen Strick

Diese Anstrengungen seien anfänglich auf Widerstand gestossen, sagt der heutige Wirtschaftsförderer Jason Hester. Hilfreich sei aber gewesen, dass sämtliche Kräfte in Columbus am gleichen Strick gezogen hätten. Stadtpräsident Lienhoop ergänzt: Seiner Meinung nach sei es unabdingbar, dass sich ein Politiker in seiner Position persönlich darum bemühe, ausländische Investoren von den Vorteilen eines Standortes zu überzeugen. Deshalb reist er auch dieses Jahr zweimal ins Ausland – zuerst im Juni nach Frankreich und Deutschland, dann im September nach China und Japan.

Schweizer Firma dabei

Diese Beharrlichkeit zahlte sich bisher aus: Ende 2016 waren in Columbus 36 ausländische Unternehmen angesiedelt, die gegen 9000 Menschen beschäftigten. Den Löwenanteil machen japanische Firmen aus, darunter der Autozulieferer NTN und der Gabelstapel-Hersteller Toyota Industries. Auf der Liste von Wirtschaftsförderer Hester ist auch ein Unternehmen aus der Schweiz aufgeführt: die George Utz AG aus dem aargauischen Bremgarten. Der Hersteller von Lager- und Transportbehältern eröffnete 2003 eine Zweigstelle in einem Vorort von Columbus.
Landesweit nimmt die Kleinstadt in Indiana damit eine Ausnahmestellung ein. Gemäss einer Studie der Denkfabrik Brookings Institute gibt es in Amerika keinen anderen Ballungsraum, in dem exportorientierte Unternehmen eine derart wichtige Rolle spielen. Fast 51 Prozent der lokalen Wirtschaftskraft würden durch den Export von Produkten generiert, lautete das Fazit der Studie.

Kein Wunder, bereitet die protektionistische Agenda von Präsident Trump den lokalen Unternehmen Sorgen. Cummins-Sprecher Jon Mills formuliert es diplomatisch: «Wir müssen uns stärker darum bemühen, die Vorteile des Freihandels deutlich zu machen. Es trifft nicht zu, dass nur Ausländer davon profitieren. Tausende von amerikanischen Arbeitsplätzen sind vom Export abhängig.»

Welch – die Stadt, die auf den Mann in Washington setzt

Eigentlich ist Sheriff Martin West nicht zu Scherzen aufgelegt. Soeben ist er von einer Beerdigung zurückgekehrt in den neu bezogenen Hauptposten der Polizei des Verwaltungsbezirkes McDowell County. Drogen, murmelt der Ordnungshüter, als nach der Todesursache gefragt wird. Was denn sonst? McDowell ist eines der Epizentren der amerikanischen Opiate-Epidemie, weil skrupellose Pharmakonzerne hier buchstäblich Millionen von Pillen absetzen. In keinem anderen Landstrich von West Virginia sterben derzeit, gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele Menschen an einer Überdosis potenter Schmerzmittel, darunter besonders häufig junge, weisse Männer.

Jung ist Sheriff West zwar nicht mehr, aber weiss. Unverblümt räumt er ein, dass er im November für den Republikaner Donald Trump gestimmt habe. Weil er als ehemaliger Bergbau-Arbeiter die Nase voll von der Regierung von Präsident Barack Obama hatte. Und weil er mit Hillary Clinton nichts anfangen konnte. Hier verzieht der Sheriff kurz seinen Mund zu einem Grinsen und sagt: «Dabei sind wir doch Parteikollegen.» Denn West ist, wie die meisten Amtsträger in diesem Winkel, ein in der Wolle gewaschener Demokrat.

Mit der nationalen Parteiführung aber, oder mit den Demokraten in Charleston, der Hauptstadt von West Virginia, hat er nichts am Hut. Ganz im Gegenteil. Er macht seine Parteifreunde dafür verantwortlich, dass es McDowell County schlecht geht. Schon vor Jahrzehnten hätten «Charleston» und «Washington» wirtschaftspolitisch gegensteuern müssen, sagt West, weil absehbar gewesen sei, dass «König Kohle» nicht ewig regieren würde. Weil dies aber vergessen ging, traf die letzte Bergbau-Krise, als während der Amtszeit von Präsident Obama der Kohlepreis einbrach und die Bundesregierung zugleich die staatlichen Auflagen für Bergwerke erhöhte, den Verwaltungsbezirk mit aller Wucht.

Früher stolz, heute beschämt

Heute macht Welch, einst sicherlich eine putzige Ortschaft, einen bemitleidenswerten Eindruck. An der Hauptstrasse im Zentrum haben nur gerade drei Geschäfte überlebt: eine Apotheke, eine Anwaltskanzlei und ein Kleiderladen. Letzterer wird von Elaine LaCaria geführt. Im Gespräch stellt sich rasch heraus, dass auch sie ums Überleben kämpft. Ihr Mann, der Betreiber der Anwaltskanzlei, stopfe das Loch in der Kasse, sagt sie. In den Augen LaCarias ist die lokale Wirtschaft mehr oder weniger zusammengebrochen. Die Zahlen sprechen tatsächlich eine deutliche Sprache: Von den 6000 Stellen, die noch im Herbst 2011 im Verwaltungsbezirk gezählt wurden, sind knapp 4300 Jobs übrig geblieben.

«Früher waren wir stolz, in McDowell County zu leben», sagt LaCaria – früher, das war, als hier fast 100 000 Menschen lebten und Kohle aus West Virginia die amerikanische Industrie antrieb. «Heute schämen wir uns» – für die verfallenen Gebäude an der Hauptstrasse, die Abfallberge in den Vorgärten, die Almosen. «Und niemand kann uns helfen, niemand – solange wir nicht bereit sind, in die Hände zu spucken.»

LaCaria sagt, es sei deshalb falsch, allzu grosse Erwartungen in die Regierung Trump zu setzen. Natürlich habe auch sie bemerkt, dass einige Bergwerke wieder Kohle förderten. Nun rumpelten mehr Schwertransporter durch Welch. «Das ist Musik in meinen Ohren», sagt die Ladenbesitzerin, denn letztlich profitiere jeder Bewohner des Bezirks davon. «Aber wir sollten nicht erneut den Fehler machen, uns zufrieden zurückzulehnen. Denn längerfristig werden uns die Politiker nicht helfen.»

Gordon Lambert sieht das naturgemäss etwas anders. Der gross gewachsene ehemalige Football-Spieler steht seit zwei Jahrzehnten an der Spitze der Regierung im Verwaltungsbezirk McDowell. Auch er ist Demokrat, und auch er hat im November Trump gewählt. Lambert ist mit der bisherigen Leistungsbilanz des Präsidenten sehr zufrieden. Seiner Meinung nach ist seit der Amtseinführung von Trump ein Ruck durch seinen Bezirk gegangen, weil der Präsident die Kohleförderung erleichtert habe. «Jetzt herrscht wieder Optimismus.»

Nun hofft Lambert darauf, dass McDowell County Geld aus dem Infrastrukturprogramm bekommt, das der Präsident versprochen hat. Zuoberst auf seiner Wunschliste: Der Bau einer Schnellstrasse ins 50 Kilometer entfernte Regionalzentrum Beckley, das heute nur über eine kurvige Bergstrasse erreichbar ist. Eine solche Verbindung würde die Ansiedlung von Industriebetrieben erleichtern. Ob Trump die Mittel für den Bau des Coalfield Expressway, wie die Strasse heisst, auftreiben wird, ist allerdings fraglich. Sein Wirtschaftsberater sagte unlängst: «Wir wollen gescheite Infrastruktur bauen» – von der möglichst viele Menschen profitierten.

McDowell County zählt noch 19 000 Einwohner – Tendenz stark sinkend. Bald wird sich zeigen, ob der Ort wirklich einen Fürsprecher im Weissen Haus hat.