Frankreich

1500 Euro für einen Besuch bei der Prostituierten?

Nicht mehr die Prostituierten, sondern die Freier sollen gebüsst werden. In Frankreich dominieren in der öffentlichen Diskussion um den käuflichen Sex vor allem die Frauen. Die Männerwelt hält sich im Hintergrund.

Prostitution ist derzeit in einigen europäischen Ländern und vor allem auch in der Schweiz ein heftig diskutiertes Thema. Doch nirgends polarisiert es so stark wie in Frankreich. Da prallt das libertäre Paris auf den autoritären Staat. Und die «lateinische» Seite des Landes, die einzelne Franzosen mit purem Machismus verwechseln, gerät in Konflikt mit der seit Simone de Beauvoir traditionell starken Frauenbewegung. Auch jetzt sind es vor allem die Französinnen, die die neuste Debatte um käuflichen Sex dominieren. Die Männerwelt hält sich hingegen eher im Hintergrund.

1500 Euro Busse beim ersten Mal

Nach jahrelangen Vorarbeiten und Absichtserklärungen behandelt die Nationalversammlung ab heute Mittwoch den Vorstoss der sozialistischen Abgeordneten Maud Olivier. Einfach gesagt will sie die Sexarbeiterinnen strafrechtlich entlasten und stattdessen die Freier bestrafen. Wie in Schweden sollen Kunden des horizontalen Geschäfts gebüsst werden – beim ersten Mal mit bis zu 1500 Euro, im Fall der Rückfälligkeit mit dem doppelten Betrag. Alternativ sollen sie in «Sensibilisierungskurse» geschickt werden.

Anders als in einem ersten Gesetzesentwurf schlägt Olivier keine Haftstrafen mehr vor. «Das Ziel besteht nicht darin, Jagd auf die Kunden zu machen», meint Olivier. «Wir wollen die Nachfrage bekämpfen und dem Prostitutionssystem mit den Mafia- und Zuhälternetzen die Grundlage entziehen.» Nur weil die Prostitution als «ältestes Gewerbe der Welt» verharmlost werde, heisse das nicht, dass man sie tolerieren müsse: Die mindestens 20 000 Prostituierten in Frankreich, so Olivier, lebten zumeist in Unfreiheit und unter Zwang – sei es von Zuhältern, Armut und Drogen.

«Passiver» Kundenfang erlaubt

Umgekehrt soll der «passive» Kundenfang auf dem Trottoir wieder zugelassen sein. Zumindest auf dem Papier war er in Frankreich bisher verboten. Werden die «Belles de nuit» (Schönen der Nacht) damit wieder in die Gassen von Pigalle und anderen Rotlichtbezirken von Paris zurückkehren? Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal ist genau deshalb gegen das Gesetzesprojekt. Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem hält es für falsch, die Prostituierten in die Hinterzimmer und Mietstudios der Rotlichtbezirke zurückzudrängen: «Dort sind sie dem Griff der Zuhälter unkontrollierter denn je ausgeliefert.»

Die bekannte Philosophin Elisabeth Badinter hält der Ministerin einen inneren Widerspruch vor: «Ich kann es nicht normal finden, dass man den Frauen erlaubt, sich zu prostituieren, aber den Männern untersagen will, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.» Die unorthodoxe Feministin ist aus Prinzip gegen das Gesetz: «Frauen zu untersagen, was sie mit ihrem Körper unternehmen dürfen, hiesse auf eine Errungenschaft des Feminismus zurückzukommen – nämlich die freie Verfügung über seinen Körper.» Ausserdem habe der Staat die sexuelle Aktivität der Bürger «nicht per Gesetz zu regeln», meint Badinter. Niemand denke daran zu überprüfen, wie viele Ehepaare bloss aufgrund des Geldes zusammenlebten.

Solche Voten wecken den Zorn anderer Frauenrechtlerinnen. Die Juristin Christine Le Doaré meint, die Prostituierten litten unter der sexuellen Gewalt eines ganzen «Systems»; deshalb sei es nichts als logisch, dass die Verursacher dieser Gewalt – eben die Freier – bestraft würden. Das Verfügungsrecht über seinen Körper meine freien Sex, Verhütung und Abtreibung. Es werde aber «von den Lobbys zur Kommerzialisierung des Körpers vereinnahmt».

«In Schweden unwirksam»

Solche Argumente sind die Prostituierten-Gewerkschaft Strass zu weit von der Realität entfernt. «Die Bestrafung der Kunden hat sich in Schweden als unwirksam erwiesen», meinte eine Domina namens Gilda in der Zeitung «Le Figaro». «Die Prostituierten arbeiten jetzt bloss im Versteckten.» Ihre Kollegin Câline bestreitet, dass 90 Prozent der Dirnen ihr Gewerbe unter Zwang ausübten.

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