«Habemus Papam!» «Wir haben einen Papst!» Wer kennt ihn nicht, den Jubelruf, der bald wieder vom Balkon des Petersdoms herunterschallen und der Welt verkünden wird, dass soeben das neue Oberhaupt der katholischen Kirche gekürt wurde. Doch gibt es im Zusammenhang mit der Papstwahl noch einen ganz anderen Jubelruf, den man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunt. Auch er erschallt während der Papstwahl und auch er dreht sich um Haben oder Nichthaben. Nur in diesem Fall nicht um das Haben eines Papstes, sondern eines Körperteils. Oder genauer: zweier Körperteile.

«Er hat Hoden!»

«Habet testes» «Er hat Hoden!» Über diese Tatsache jubeln offenbar die versammelten Kardinäle. Das, nachdem sich laut gewissen Historikern hinter den verschlossenen Türen der Wahl folgendes Ritual abgespielt hat: Der Auserwählte setzt sich auf den sogenannten «sedes stercoraria» (Kotstuhl), einen Marmorsessel mit Öffnung in der Sitzfläche. Worauf der jüngste anwesende Kardinal mit einem beherzten Griff unter die Soutane und zwischen die Beine des Bald-Papstes verifiziert, dass dessen Männlichkeit erstens vorhanden und zweitens intakt ist.

Ist alles, wie erwartet, erfolgt besagtes «habet testes». Darauf jubelt die versammelte Kurie einhellig: «Deo gratias!» «Dan sei Gott!». So skurril die kirchliche Keimdrüsen-Preisung anmutet, sie ist kein schulterklopfendes Männlichkeitsritual des Katholizismus, sondern hat religiöse Gründe: Priester konnte nämlich seit alttestamentarischen Zeiten nur werden, wer eine intakte Männlichkeit hatte. Die ketzerische Frage, wozu ein Priester, Bischof oder Papst unbedingt eine intakte Männlichkeit brauche, bleibe mal dahingestellt. Fraglos ist dagegen, dass noch im Mittelalter viele Päpste von ihr rege Gebrauch machten. Halb Papst halb Papa war damals ein verbreitetes Phänomen.

Test als Zeichen für Johannas Existenz

Aber zurück zu den Basics. Genauer, zu der Frage: «Ist der Gottesmann ein Mann?». Brisant drängte sich diese Frage im 9. Jahrhundert in den Vordergrund, nachdem der damals amtierende Papst bei einer Prozession zusammengebrochen sein soll und auf offener Strasse ein Kind gebar. Der Fall machte als Geschichte der Päpstin Johanna die Runde und lebt bis heute in Legenden und Dokumenten weiter. Dass wenige Jahre später bei der Papstwahl der Test «um die testes» eingeführt worden sei, lesen viele als untrügliches Zeichen von Johannas Existenz.

«Alles Legende», tönt es von anderer Seite. Eine Päpstin habe es nie gegeben. Dafür so manchen Übereifrigen unter den Geistlichen, der sich - um ja nicht in Versuchung zu geraten - vorsorglich gleich selbst kastrierte. Dass er sich mit dem zölibatären Rundumschlag den Zugang zu einem Priesteramt verwirkte, ist so etwas wie Ironie des Glaubens. Doch Ironie hin oder her, die Praxis schien im Frühmittelalteroffenbar weit verbreitet, sodass das erste Konzil von Nicäa (325 n.Chr.) an oberster Stelle festsetzte, Selbstkastration unter Geistlichen sei strengstens zu verbieten. Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach, galt damals offenbar nicht. Was nicht passte, wurde kurzerhand passend gemacht.

Das Beispiel zeigt, wie zupackend die Geistlichen damals waren. Vor diesem Hintergrund erscheint der kleine kardinalische Kontrollgriff also durchaus plausibel. Auch wenn ihn viele Historiker ins Reich der Lügen verbannen und den «Kotstuhl», dessen Existenz offenbar unbestritten ist, statt dessen mit einer Demutsgeste erklären. Das päpstliche Sitzen auf dem «sedes stercoraria» sei Teil eines Bussrituals während der Wahl, das den zukünftigen Papst Bescheidenheit lehren und ihn an seine menschliche Nichtigkeit erinnern soll. Der Umstand, dass die Papstwahl seit jeher hinter streng verschlossenen Pforten erfolgt, bringt genauso wenig Licht ins Dunkel, wie die Tatsache, dass die anwesenden Kardinäle über dessen Vorgänge zu striktem Schweigen verpflichtet sind. «Hat er oder hat er nicht gegriffen», wird also noch lange ein Geheimnis der Kirche bleiben.