Minenarbeiter

10 Jahre nach dem Gruben-Unglück von Chile: Ein Drama mit bitterem Nachgeschmack

Rund zwei Monate unter Tage mussten die 33 Kumpel ausharren.

Rund zwei Monate unter Tage mussten die 33 Kumpel ausharren.

Vor genau zehn Jahren wurden in Chile 33 verschüttete Minenarbeiter gerettet. Die meisten Bergleute verfolgt das Unglück noch heute.

Vor zehn Jahren, an einem wüstenkalten Abend, schaute die ganze Welt für Stunden ins ferne Chile. Mit Live-Schalten und Reportagen wurden die Menschen überall Zeuge einer einzigartigen Rettung. 33 Bergleute wurden nach über zwei Monaten in ihrem dunklen und feucht-heissen Bergverlies mit einer eigens entworfenen Kapsel ins Leben zurückgeholt. Es war eine historische Rettung.

Jorge Galleguillos, einer der 33 Geretteten, lässt das Erlebte bis heute nicht los. «Ich werde nachts wach, manchmal bin ich wieder unten im Schacht, das tut nicht gut.» So wie Galleguillos geht es eigentlich jedem seiner 32 Kumpel.

Am 5. August war gegen 14.30 Uhr der Stollen in dem Gold- und Kupferbergwerk in der nordchilenischen Atacama-Wüste eingestürzt und verschüttete die Grubenarbeiter. «Wir dachten am Anfang, dass es kein Entrinnen aus der Falle gibt, vor allem die vielen jungen Kollegen gerieten in Panik», erinnert sich Luis Urzúa.» Der damalige Schichtleiter hatte einiges an Erfahrung als Bergmann: «Aber die ersten Momente waren chaotisch, niemand wusste, was zu tun war.»

Wie fast alle der «Mineros» liessen Urzúa und Galleguillos den Bergbau nach der erfolgreichen Rettung 69 Tage später hinter sich. Der 64-jährige Schichtleiter hält heute Reden, erzählt den Menschen von den Erfahrungen damals. Schliesslich war er einer der mental Stärksten unter den 33. Urzúa war der Letzte, der am 13. Oktober um 21.55 Uhr in der Fénix-2-Rettungskapsel nach oben gezogen wurde. Und er war der Erste, der damals sprach.

Über zwei Monate Enge, Dunkelheit und Hitze

Nach der Rettung wollten die meisten der Kumpel nichts mehr mit Bergwerken zu tun haben, andere liess man nicht mehr. «Wir 33 galten bei vielen Minenbetreibern nach dem Unfall als nicht vermittelbar, als Männer mit psychologischen Problemen», erinnert sich sein Kumpel Osman Araya im Gespräch.

Mehr als zwei Monate in Dunkelheit und Hitze in fast 700 Metern Tiefe haben die Männer und auch ihre Familien für immer geprägt. Allein die finale Rettungsaktion dauerte 22 Stunden und 37 Minuten. Die Wochen zuvor erhielten die Minenarbeiter per Sonde ihre Nahrung. Parallel dazu brüteten Ingenieure darüber, wie man die Eingeschlossenen herausholen könnte. Je länger die Männer tief in der Erde um ihr Leben bangten, desto mehr nahm die Welt Anteil an ihrem Schicksal im abgelegenen Winkel Südamerikas.

Aber zehn Jahre später ist der Ruhm verblasst, die Männer fühlen sich von Politikern und Journalisten ausgenutzt, von Filmproduzenten über den Tisch gezogen: «Wir waren nur die kleinen dummen Mineros damals», ärgert sich Osman Araya. «Das grosse Geschäft mit uns haben andere gemacht.» Etwa Hollywood, das 2015 den Film «69 Tage Hoffnung» mit Antonio Banderas und Juliette Binoche herausbrachte. Von den Einnahmen haben die Mineros so gut wie nichts gesehen.

Herumgereicht und dann vergessen

Die 33 verstehen bis heute nicht, wie sie erst so rumgereicht und dann so vergessen werden konnten: «Berühmt waren sie nie wirklich», urteilt der Psychologe Alberto Iturra. Er betreute die Männer während der langen Wochen des Wartens auf Rettung. «Sie wurden wie im Zoo vorgeführt. Es war eine Art journalistisches Stalking», sagt Iturra im Gespräch.

Die Geschichte rührte die Herzen der Welt spätestens nach dem 22. August. An diesem Sonntag lokalisierte eine Sonde die Eingeschlossenen. 17 Tage lang hatte es von Urzúa und seinen Kollegen kein Lebenszeichen gegeben. Aber dann gingen Bilder staubiger und erschöpfter, aber glücklicher Gesichter, die in eine kleine Kamera schauten, um die Welt. «Heute weint ganz Chile vor Freude», sagte damals Chiles Präsident Sebastián Piñera. Dabei hielt er einen kleinen in roter Tinte geschrieben Zettel in die Kameras, auf dem stand: «Uns geht es gut, alle 33 sind wir im Schutzraum».

Die 33 bildeten eine Notgemeinschaft - Freunde wurden sie nie

Gut war relativ – bei 35 Grad, 98 Prozent Luftfeuchtigkeit und phasenweise totaler Dunkelheit. Am 13. Oktober, kurz nach Mitternacht, wurde der erste Minero mit der Rettungskapsel zurück ins Leben geholt. Das Fernsehen übertrug live. Fast 24 Stunden später war das Wunder der komplexesten Rettung in der Bergbau-Geschichte vollbracht.

In der Gefangenschaft des Berges verschworen sich die Männer zwischen 19 und 63 Jahren zu einer Notgemeinschaft, die nur ein Ziel kannte: Überleben bis zum Tag der Befreiung. «Sie waren aber nie Freunde», erinnert sich Psychologe Iturra. «Die 33 waren verschieden alt, kamen aus unterschiedlichen Regionen des Landes, hatten nicht die selben Hintergründe».

Und so seien die 33 auch «heute sehr distanziert», weiss Iturra, der damals jeden Tag mit den Männern sprach, sie ermunterte und heute noch zu einigen Kontakt hält. «Alle eint die unendliche Dankbarkeit, dass sie überlebt haben». Aber als das Medieninteresse nach einem Jahr einschlief, die Reisen nach Madrid, Manchester, Israel und Disneyworld hinter ihnen lagen, ging jeder seinen Weg.

Die Alpträume liegen hinter ihm

«Manche kamen besser, andere schlechter durch den Alltag.» Manch einer war mehr als ein Jahr krankgeschrieben. Viele machten Therapie. Fast alle versuchten zu vergessen oder zu verdrängen. Schliesslich mussten sie wieder arbeiten, um ihre Familien zu ernähren.

Die einen arbeiten als Mechaniker, andere als Fahrer, einer ist bei der Bergbaubehörde angestellt. Claudio Yáñez ist einer der wenigen, die wieder im Bergbau malochen. Der 44-Jährige war damals in San José unter Tage als Hauer beschäftigt. «Aber nun arbeite ich über Tage und warte Maschinen». Die Alpträume lägen hinter ihm, erzählt Yáñez.

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