Seit dem Frühjahr 2011 fordert die syrische Protestbewegung den Sturz von Präsident Baschar al-Assad. Sein Regime versuchte, den zunächst friedlichen Volksaufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Die Militarisierung ermöglichte es ausländischen Kräften, auf vielfältige Weise in dem Konflikt zu intervenieren. So entwickelte sich der Bürgerkrieg in dem arabischen Land zu einem sowohl konfessionell als auch politisch-ideologisch geprägten Stellvertreterkrieg, an dem inzwischen weit über tausend Gruppierungen, Banden und Milizen sowie Armeen aus fast 30 Staaten direkt oder indirekt beteiligt sind.

Die Lösung der Krise in Syrien wird durch die Vielfalt der Konfliktparteien ganz massiv erschwert. Die Leidtragenden sind die Zivilisten, auf die keine Rücksicht genommen wird. Mehr als 300 000 Syrer wurden bislang getötet. Gut fünf Millionen flüchteten in die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien sowie nach Europa.

Das Assad-Lager

Machtbasis des Regimes sind 12 Geheimdienste. Die 150 000 Soldaten der regulären syrischen Armee sind nach mehr als fünf Kriegsjahren erschöpft. Mit Unterstützung Irans wurden daher die Nationalen Verteidigungskräfte (80 000 Mann) neu strukturiert. Dabei handelt es sich um lokale Milizen.

Baschar al-Assad

Baschar al-Assad

Die Unterstützer des Regimes: Vor allem Iran und Russland sowie die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon garantieren den Fortbestand der Assad-Diktatur.

Iran: Mehr als 3000 iranische Revolutionsgardisten, die als Berater ins Land geholt wurden, kämpfen in Syrien – Tendenz steigend. Die iranische Regierung rekrutiert und bezahlt zudem die afghanischen Abu al-Fadl al-Abbas-Milizen. Die etwa 10 000 Kämpfer gehören zur schiitischen Hazara-Minderheit. Als Belohnung für ihren Einsatz wird ihnen die iranische Staatsbürgerschaft versprochen.

Hisbollah: Die mit Abstand effizienteste Kampfgruppe an der Seite der Regierungskräfte sind die Milizionäre der schiitischen Hisbollah. Die mit bis zu 8000 Kämpfern in Syrien vertretene Gruppierung wird an strategisch wichtigen Frontabschnitten eingesetzt und von schiitischen Kampfgruppen aus dem Irak unterstützt. «Wenn wir die Dschihadisten nicht in Syrien bekämpfen, kommen sie nach Beirut», verteidigt Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah den Einsatz.

Russland: Offiziell will Moskau in Syrien «den Terrorismus bekämpfen». Tatsächliches Ziel ist jedoch die Stabilisierung des angeschlagenen Assad-Regimes und damit die Sicherung der russischen Stützpunkte in den Mittelmeerstädten Tartus und Latakia. Zu diesem Zweck hatte Russland im September letzten Jahres bis zu 70 hochmoderne Kampfflugzeuge und Helikopter auf eine Militärbasis in Latakia verlegt. Bis zu 1000 russische Militärberater unterstützen die syrische Armee bei Bodenoperationen. Seit dem 12. August durfte Russland den iranischen Luftwaffenstützpunkt Schahid Nozheh im westiranischen Hamadan für seine Angriffe in Syrien nutzen. Gestern untersagte Teheran der russischen Luftwaffe die Nutzung des Stützpunktes jedoch. Irans Verteidigungsminister Hossein Deghan hatte Moskau zuvor vorgeworfen, die Nutzung der Basis trotz gegenteiliger Absprachen «in die Welt hinausposaunt zu haben».

China stützt mit Milliardenbeträgen die Wirtschaft und das syrische Pfund. Mitte August kündigte Peking auch Unterstützung für die syrischen Streitkräfte an.

Die Rebellen

In Syrien kämpfen mehr als 1000 grosse und kleinere Milizen gegen das Regime. Sie haben sich zu diversen Kampfallianzen zusammengeschlossen. Die grössten, wichtigsten und kampfkräftigsten Verbände werden mittlerweile ausnahmslos von Dschihadisten dominiert.

  • Grösstes Bündnis mit bis zu 25 000 Kämpfern ist die «Dschaisch al-Fatah» («Armee der Eroberung»). Sie wird von der ehemaligen «Nusra-Front» dominiert. Proklamiertes Ziel ist die Schaffung eines islamischen Emirates nach dem Vorbild der Taliban. Der vor allem von Saudi-Arabien und Katar unterstützte Kaida-Ableger tritt seit Mitte Juli unter dem Namen «Jabat Fatah al-Scham» («Front zur Eroberung von Syrien») auf. Die ideologische Bindung zu al-Kaida bleibt bestehen.

  • Zweitstärkste Kraft unter den Rebellen ist die 7000 Mann starke «Ahrar al-Scham» («Die Männer Syriens»). Ihre Gründer kämpften mit Osama Bin Laden. Inzwischen gibt sich die von Ankara geförderte Islamisten-Gruppe pragmatischer als die Nusra-Front. «Die Männer Syriens» dominieren die sogenannte «Islamische Front», zu der sich Ende 2013 ungefähr 20 islamistische Gruppierungen zusammengeschlossen hatten.

  • Die Freie Syrische Armee (FSA) ist in Wirklichkeit eine Vereinigung von verschiedenen Kampfgruppen ohne einheitliche Führung. Der von Washington geförderte Versuch der türkischen Regierung, die aus Deserteuren der Regierungsstreitkräfte bestehende FSA zur Armee des neuen Syriens aufzubauen, ist gescheitert. Die meisten der von den USA bewaffneten Kampfgruppen haben sich dschihadistischen Gruppierungen angeschlossen. Diese werden von rund 20 000 «Freiwilligen» aus mehr als 50 islamischen Staaten (vor allem Saudi-Arabien, Tunesien, die Türkei und Tschetschenien) sowie «Aktivisten» aus Europa unterstützt.

  • Die moderaten Rebellengruppen sind gegen die Übermacht der Dschihadisten chancenlos. Als eigenständige Kräfte können sie sich nicht mehr behaupten.

Die Unterstützer der Rebellen

Türkei: Erklärtes Ziel der Regierung in Ankara ist der Sturz des Assad-Regimes. Über die Türkei werden die Waffen für die meisten Rebellengruppen geliefert. Auch der sogenannte «Islamische Staat» (IS) konnte lange Zeit türkisches Territorium für seine Zwecke nutzen. Der Grund: Die Terrorgruppe bekämpfte die nach Autonomie strebenden syrischen Kurden. Dass sich Präsident Erdogan im syrischen Bürgerkrieg letztlich «verzockt» hat, zeigen die verheerenden Terroranschläge in seinem Land. Auf der Suche nach Auswegen hat sich Ankara dem Iran und Russland angenähert. Selbst der Gesprächsfaden mit dem Regime in Damaskus wurde wieder aufgenommen.

Das Rebellen-Lager ist zersplittert.

Das Rebellen-Lager ist zersplittert.

Saudi-Arabien ist der kompromissloseste Gegner des Assad-Regimes. Der Sturz des mit Teheran verbündeten Diktators soll eine sunnitische Vorherrschaft im Nahen Osten sichern. Politisch unterstützt Riad den Hohen Verhandlungsrat der syrischen Opposition (HNC), militärisch die von der ehemaligen Nusra-Front dominierte Dschaisch al Fatah («Armee der Eroberung»).

Die arabischen Golfstaaten: Wie Saudi-Arabien sehnen sich auch die arabischen Golfstaaten (mit Ausnahme des neutralen Oman) nach einem von sunnitischen Fundamentalisten dominierten Nahen Osten. Besonders aktiv ist das Emirat Katar, das die ehemalige Nusra-Front mit Milliardenbeträgen unterstützt und ihre Führer im hauseigenen Sender «al-Dschasira» zu Wort kommen lässt.

Europa und die USA: Die meisten europäischen Staaten und die USA unterstützen die radikalisierten syrischen Aufständischen nur noch halbherzig. Ein militärisches Eingreifen zum Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad ist nach der russischen Intervention in Syrien nicht mehr möglich. Mit Hochspannung warten alle Konfliktparteien auf die Wahlen in den USA, von denen sich vor allem die Rebellen «neue Akzente» erhoffen.

Der «Islamische Staat» (IS)

Der IS konnte erst im zweiten Bürgerkriegsjahr in Syrien Fuss fassen. Beschleunigt wurde die rasante Expansion des IS durch die Uneinigkeit unter den Dschihadisten sowie die Spaltung des irakischen Kaida-Ablegers. Zum Aufstieg des IS trug auch die Türkei bei, die die Terrororganisation bei ihrem Kampf gegen die kurdischen «Volksverteidigungsmilizen» (YPG) letztlich vergeblich unterstützte. Rasch erkannten die USA die Kampfkraft der YPG. Sie bilden heute die Speerspitze in dem inzwischen überaus erfolgreichen Kampf gegen den IS.

Zur Bekämpfung des IS (vor allem aus der Luft) haben sich mehr als 20 Staaten zu einer internationalen Koalition zusammengeschlossen. Federführend sind die USA sowie Frankreich und Grossbritannien. Die Luftangriffe werden von Stützpunkten in der Türkei (Incerlik), Zypern (Akrotiri), Nord-Irak (Arbil) sowie Kuwait und Abu Dhabi geflogen.

Syrien - wer gegen wen kämpft

Syrien - wer gegen wen kämpft

Die syrischen Kurden

Die von den linksgerichteten Volksverteidigungsmilizen (YPG) dominierten syrischen Kurden konnten im Verlaufe des Bürgerkrieges fast den gesamten Nordosten Syriens erobern. Sie kontrollieren heute fast 80 Prozent der türkisch-syrischen Grenze. Südlich davon ist ein – de facto – autonomer Teilstaat entstanden, den die Kurden Rojava (West-Kurdistan) nennen. Dieser ist nicht nur für die Regierung in Ankara, sondern auch für das Assad-Regime und die Dschihadisten eine Horrorvorstellung. Unterstützt wird die YPG, die die neu gegründete Allianz der «Demokratischen Kräfte Syriens» (SDF) dominiert, von den USA und Russland. Auf die Prinzipienfestigkeit und Treue der beiden Supermächte sollten sich die syrischen Kurden aber nicht verlassen.