Svizra27
Fabienne Hoelzel ist Planerin der nächsten Landesausstellung und sagt: «Zukunft lässt sich sehr wohl gestalten»

Die Cross-over Stadtplanerin Fabienne Hoelzel entwirft eine neue Landesausstellung. Die Inspiration holt sie sich in den Armutsvierteln von Lagos.

Christian Mensch Jetzt kommentieren

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Architektin Fabienne Hoelzel, Creativ Director der geplanten Landesausstellung Svizra27, Schaffhausen, 17. November 2021.

Alex Spichale

An die Expo.02, die sie als Studentin besuchte, hat sie keine tiefen Erinnerungen. Es sei einfach ein Erlebnis gewesen, sagt Fabienne Hoelzel. Nun ist die 44-jährige Architektin und Stadtplanerin, Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, massgeblich für die Ausgestaltung der Svizra27 zuständig, dem am weitesten fortgeschrittenen Projekt einer nächsten Landesausstellung. Wer ist die Frau, die sich dies zutraut?

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Svizra27
Fabienne Hoelzel ist Planerin der nächsten Landesausstellung und sagt: «Zukunft lässt sich sehr wohl gestalten»

Die Cross-over Stadtplanerin Fabienne Hoelzel entwirft eine neue Landesausstellung. Die Inspiration holt sie sich in den Armutsvierteln von Lagos.

Christian Mensch Jetzt kommentieren

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Architektin Fabienne Hoelzel, Creativ Director der geplanten Landesausstellung Svizra27, Schaffhausen, 17. November 2021.

Alex Spichale

An die Expo.02, die sie als Studentin besuchte, hat sie keine tiefen Erinnerungen. Es sei einfach ein Erlebnis gewesen, sagt Fabienne Hoelzel. Nun ist die 44-jährige Architektin und Stadtplanerin, Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, massgeblich für die Ausgestaltung der Svizra27 zuständig, dem am weitesten fortgeschrittenen Projekt einer nächsten Landesausstellung. Wer ist die Frau, die sich dies zutraut?

Wenn dieser Beitrag erstmals erscheint, wird Hoelzel in Lagos sein, der nigerianischen Megacity. Das Chaos der Stadt ist seit Jahren ihr Studienobjekt, beziehungsweise: Wie sich die Menschen darin selbst organisieren. Im Gepäck hat sie zehn Prototypen einer modularen Trenntoilette, konzipiert für die Armutsviertel fernab jeglicher Kanalisation.

Sie nennt es ein «Mini-Infrastrukturprojekt», um nicht von Hilfsprojekt oder gar von Entwicklungshilfe reden zu müssen. Das Gefälle, das diesen Begriffen innewohnt, missfällt ihr. «Auf Augenhöhe» will sie mit den Leuten sein, von ihnen lernen, wie sie ihr Zusammenleben aushandeln, ohne gültige Regeln und Vorschriften, unter Umgehung einer korrupten Verwaltung und Regierung. Die Toiletten sind ihr Projekt, eine Infrastruktur ohne staatliches Zutun. Fabulous Urban heisst ihr privater Think-tank, mit dem sie es realisiert.

Die Schweiz ist einfach «gut gepolstert». Einen Blick von aussen, mit dem sie das Gemeinschaftliche in Lagos vermisst, will sie auch auf die Schweiz werfen. Hier vermisst sie die Improvisationsfähigkeit der Menschen, stellt ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis fest, die Dichte an Regeln und Vorschriften, die Kreativität erstickten. Superreich und hochtechnologisiert sei die Schweiz, alles sehr gut «gepolstert». Sie sagt: «Es ist viel dazwischen, bis es tatsächlich ans Lebendige geht.» Mehr Anarchie würde sie sich wünschen – oder zumindest das Gedankenspiel, was mit mehr Anarchie möglich wäre.

Hoelzel sagt, ohne danach gefragt zu werden, sie sei eine politische Person. Den Linken dürfte ihr Vertrauen in die gesellschaftlichen Kräfte gefallen, den Bürgerlichen ihre Skepsis gegenüber dem Staat. Sie sei eben Cross-over, sagt Hoelzel. Sie bedient sich aus allen Bereichen. Cool sollte es jedoch sein. Cool sei cool, auch wenn cool kein cooles Wort sei.

Die Schweiz fand sie lange Zeit uncool, was heisst: Sie hat mit ihr gehadert. Die Haltung des Landes zur Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg, zum südafrikanischen Apartheidsregime, zu Europa fand sie schwierig. So zog sie weiter. Aus Aarau, wo sie aufgewachsen ist, nach Zürich an die ETH und in die USA, wo sie sich als Architektin ausbilden und zur Stadtplanerin weiterbilden liess. Kurze Zeit arbeitete sie im Büro von Herzog & de Meuron. Dann zurück in die Wissenschaft an die ETH Zürich. Später ins brasilianische Sao Paolo, wo sie in der städtischen Verwaltung Stadtplanung betrieb. Seit 2017 als Professorin nach Stuttgart.

Es sei ihre Neugierde auf «andere Lebensentwürfe und -realitäten», die sie antreibe. Sie wolle sich von diesen «durchschütteln lassen». Sie sucht den Diskurs, möchte manchmal provozieren, «scharf debattieren».

Der Traum, spielerisch die Zukunft auszuhandeln

Dass Svizra27 als grosses Spiel angelegt sein soll, ist kein Zufall. Im Spiel können Entwürfe gegeneinandergestellt werden. «Labor Ludens» (Spielwerkstatt) heisst der Projekttitel, mit dem Hoelzel und ihr Team den Wettbewerb gewonnen hat. Darin steckt eine beinahe trotzig-optimistische Haltung: «Zukunft lässt sich sehr wohl gestalten», sagt Hoelzel.

Wie in Nigeria traditionelle und informelle Strukturen dafür genutzt werden, müsse die Schweiz dazu die direktdemokratische Tradition nutzen, um in der Auseinandersetzung «ernsthaft Zukunft» auszuhandeln. Die Landesausstellung könnte dazu den Rahmen bilden. Ob es tatsächlich dazu kommen wird, steht in den Sternen. Es gibt alternative Expo-Ideen und hohe politische Hürden.

Ein «positiver Schock» sei es gewesen, als das Team vor gut zwei Wochen erfahren hat, dass sein Vorschlag in der Runde der letzten fünf obsiegte. Sie müsse sich nun neu organisieren, zumindest für die nächsten zwei Jahre, in denen die Machbarkeit geprüft wird. Nur noch vier Jahre würden dann zur Verfügung stehen, um das Milliardenprojekt ausspielungsreif zu machen.

Die Architektinnen haben übernommen

Die Aufgabe, die Kreativdirektion von Svizra27 zu bilden, hat Hoelzel zusammen mit der Architektin Claudia Meier übernommen. Seit Jahren sind sie befreundet, haben sich in Brasilien kennen gelernt. Meier, die an der Hochschule Luzern lehrt, sei es gewesen, die sie angefragt hat, um gemeinsam am Wettbewerb teilzunehmen. In der Ausschreibung sei Erfahrung mit einem Grossprojekt verlangt gewesen und diese konnte sie als Co-Kuratorin der Architektur-Biennale von Rotterdam von 2009 vorweisen.

Dass es bei Svizra27 Architektinnen sind, die den Entwurf beisteuern, hält Hoelzel nicht für überraschend. Die territoriale Sicht auf die Welt mittels Karten – ein Instrument, das ursprünglich der Geografie entliehen ist – hat bei den Architekten Einzug gehalten. Wenn sie darüber referiert, bezieht sich auf «Die Schweiz, ein städtebauliches Portrait», das massgeblich im Basler Büro Herzog & de Meuron entwickelt wurde, wie auf deren niederländischen Antipoden Reem Koolhaas, der zuletzt die Zukunft im ländlichen Raum erkannte. Stadt und Land sollen aber nicht gegeneinander ausgespielt werden, meint Hoelzel. Beide sollen bei Svizra27 erlebbar sein. Ihr Anspruch: «Das Gefühl, eine gute Zeit gehabt zu haben, und einen echten Erkenntnisgewinn.»

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