Abschied eines Fossils
Die Frankfurter Buchmesse steckt in ihrer tiefsten Krise – ist das jetzt ihr endgültiges Aus?

Auch die Frankfurter Buchmesse, der weltweit wichtigste Handelsplatz für gedruckte und digitale Inhalte, fiel letztes Jahr aus. Eine Umfrage bei deutschsprachigen Verlagen zeigt: Vermisst wird sie kaum, und die Kritik an ihr ist massiv.

Daniele Muscionico

Als «Corona» noch ein Buchtitel hätte sein können: Blick in die Messehalle der Frankfurter Buchmesse 2016.

(Photo by Hannelore Foerster/Getty Images)

Ihr Optimismus tut gut. Die Verlagswelt und der Buchhandel sind Branchen, die sich auch in diesen Monaten das Jammern verbieten. Eher setzt sich eine Buchhändlerin selbst auf ein Fahrrad und bringt ihrem Kunden ein Buch nach Hause. Oder Verleger wie Peter Haag vom Verlag «Kein & Aber» reduzieren, offensichtlich sogar erleichtert, ihre Buchproduktion. Selbstkritisch bekennt er:

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Abschied eines Fossils
Die Frankfurter Buchmesse steckt in ihrer tiefsten Krise – ist das jetzt ihr endgültiges Aus?

Auch die Frankfurter Buchmesse, der weltweit wichtigste Handelsplatz für gedruckte und digitale Inhalte, fiel letztes Jahr aus. Eine Umfrage bei deutschsprachigen Verlagen zeigt: Vermisst wird sie kaum, und die Kritik an ihr ist massiv.

Daniele Muscionico

Als «Corona» noch ein Buchtitel hätte sein können: Blick in die Messehalle der Frankfurter Buchmesse 2016.

(Photo by Hannelore Foerster/Getty Images)

Ihr Optimismus tut gut. Die Verlagswelt und der Buchhandel sind Branchen, die sich auch in diesen Monaten das Jammern verbieten. Eher setzt sich eine Buchhändlerin selbst auf ein Fahrrad und bringt ihrem Kunden ein Buch nach Hause. Oder Verleger wie Peter Haag vom Verlag «Kein & Aber» reduzieren, offensichtlich sogar erleichtert, ihre Buchproduktion. Selbstkritisch bekennt er:

«Wir stellen zu viele Bücher her!»

Doch ein Punkt überrascht doch: Auch die Absagen der Buchmessen in Frankfurt und in Leipzig – und deren Kollateralschäden für die Autorinnen und Autoren – wurden von der Verlagswelt ohne Widerrede eingesteckt. Entschiedene Stimmen wie ihre sind die Ausnahme. Die Presseverantwortliche der Carl Hanser-Verlagsgruppe, Christina Knecht, sagt auf Anfrage: «Als letzten Frühling die Leipziger Buchmesse abgesagt wurde, war das ein richtiger Schock!»

Früher, man stellt sich das vor, wäre es beim Reden nicht geblieben, bestimmt hätten sich ein junger Max Frisch, ein junger Martin Walser und Peter Weiss revoltierend in Bonn getroffen.

Knecht ist auch die einzige, die sibyllinisch ausdrückt, was ihre Schweizer Verlagskolleginnen und -kollegen so nicht aussprechen: «Es geht uns den Umständen entsprechend ganz gut. Aber die Umstände sind nicht gut». Für alle gab es Umsatzeinbussen.

Doch statt Protestbriefe schreiben die deutschsprachigen Autorinnen und Autoren melancholische Corona-Tagebücher und Quarantäne-Idyllen. Und ihre Verlage? Viel zu hören ist von ihnen nicht. Die Buchmesse in Leipzig fällt auch dieses Jahr aus, und die Durchführung im Oktober in Frankfurt steht in den Sternen.

Bild aus besseren Zeiten: 2003 kamen auch die ganz Grossen aus den USA noch nach Frankfurt, um ihre Bücher vorzustellen – So auch Muhammad Ali.

Keystone

Schon Gutenberg war Dealer-Ware

Das Schulterzucken der Verlagswelt irritiert. Die Messe in Frankfurt ist immerhin der weltweit grösste Handelsplatz und das internationale Event des Jahres für Autoren, Verleger, Übersetzerinnen, Agenten und für Buchhändlerkreise. Sie war 2019 Treffpunkt von 7450 Ausstellern aus 104 Ländern gewesen. Lesepublikum hatte lange nur am letzten Messetag, dem Sonntag Zutritt, seit 2019 immerhin auch am Samstag.

Doch schon vor Corona rief der Kurs des Riesendampfers Kritiker auf den Plan, er hatte Schlagseite bekommen. Mit einem angesammelten «Millionenverlust» (Direktor Jürgen Boos) und dank einem Bundeskredit zog die Messe im Oktober schliesslich um ins Netz. Dort erreichte sie 4400 Aussteller. Eine enttäuschende Zahl für die Verantwortlichen. Das Haus Hanser gibt sogar zu bedenken:

«Was auf dem Weg von Bildschirm zu Bildschirm verloren geht, lässt sich nicht in Zahlen bemessen.»

Dabei kann das Grossereignis auf eine über 500 Jahre alte Tradition zurückblicken. Schon die Schriften und Folianten von Johannes Gutenberg, der in Mainz den Buchdruck erfunden hatte, wurden in Frankfurt verkauft. Sie waren heisse Ware auf der Frankfurter Herbst- und der Ostermesse.

Dann gingen Reformation und die Zensur durch die Lande, und spätestens als nicht mehr in Latein geschrieben und gedruckt wurde, sondern nationalsprachliche Bücher auf den Markt kamen – womit zum ersten Mal überhaupt so etwas wie ein Markt entstand – verlor die Mainstadt an Bedeutung. An ihrer Stelle wurde Leipzig das Zentrum des deutschsprachigen Buchhandels.

Der Buchmarkt ist ein Showbusiness

Die Messen seien ein «Stimmungsbarometer» meint Philipp Keel, der Verleger des grössten Verlags in der Schweiz, Diogenes. Er bedauert es, dass seine Autorinnen und Autoren keinen Kontakt mehr zu ihrem Publikum hätten. Als Künstler weiss er selber, wie sehr Menschen auf Stimmungen reagieren.

«Unser Geschäft ist Showbusiness, und es braucht das Miteinander und Durcheinander. Wenn das ohne Messen nicht mehr ist, fehlt also etwas ganz Entscheidendes.»

Philipp Keel
Verleger des Diogenes-Verlags

Keystone

Das produktive Chaos in Frankfurt ist tatsächlich legendär: Die rauschenden Partys und exquisiten Kritikerempfänge bei den grossen Verlagen wie Suhrkamp, Rowohlt und anderen. Hier wird mit sozialen Prestiges gedealt; hinter den Kulissen, im internationalen Geschäft mit Rechten und Lizenzen geht es dann um eine andere Währung. In Frankfurt wird verhandelt, wer am Buch und am Taschenbuch verdient, wer ein Werk verfilmen kann oder die Fernseh- und Videorechte erhält. Mit Verträgen über Werkrechte setzt man hier in fünf Tagen Milliarden um.

Frankfurt wird wahrscheinlich auch diesen Oktober nur digital stattfinden. Konzentriert auf den Handel mit Rechten und Lizenzen. Peter Haag, der mit seinen spektakulären Ständen stets für Aufreger sorgt und dabei einer der dezidiertesten Kritiker der Messe ist, ist auch in diesem Punkt skeptisch: «Der Rechtehandel ist die Messe hinter der Ausstellungsmesse. Sie hat ihre eigne Berechtigung. Man wähnt sich in einem grossen arabischen Bazar. Dieser Teil lässt sich nicht in den digitalen Raum verlegen.»

Familienprobleme oder Phantomschmerz?

Wer sich in der Landschaft der deutschsprachigen Verlage umhört, stellt fest: Für das Überleben der Verlage hat die Messe stark an Bedeutung verloren. Der Webshop-Verkauf nämlich, wie bei allen Onlineportalen, Amazon, Orell-Füssli, Thalia hat signifikant zugenommen. Verlage verkaufen ihre Bücher längst unabhängig des Oktobertermins in Frankfurt, oder des Märztermins in Leipzig. Peter Haag wird grundsätzlich:

«Die Messe ist a, überschätzt. Und b, sie muss sich verändern.»

Peter Haag
Kein&Aber-Verleger

Keystone

Der Gründer und Verlagsleiter von Kein & Aber hat der Messeleitung seinen Standpunkt bisher erfolglos vorgetragen: «Ich will, dass das Publikum nicht nur an zwei Tagen Zutritt hat, sondern bereits vom ersten Tag an.»

Und er will noch mehr, Interessierte sollten ein Buch kaufen können, wenn immer sie wollten. Heute muss er ihnen mit einem Njet antworten, Und er fragt sich: «Wieso darf man das Buch bloss ansehen? Wo sind wir denn, in einer Leistungsschau der Sowjetunion?» Für Haag ist die Öffentlichkeitswirkung der Messe für das Kulturgut Buch ein grosser Wert, den er gerne erhalten möchte. Nur eben anders und vor allem näher bei der Leserschaft.

Er versteht durchaus, dass die Messeveranstalter Angst hätten, «wenn nach Corona die Verlage ihre Bleistifte spitzen und feststellen, dass ein Jahr ohne Messe kein wesentlicher Umsatzrückgang bewirkt hat. Doch man muss sich fragen: ‹Wer das Fehlen der Frankfurter Buchmesse beklagt, was beklagt er tatsächlich?› Ich meine, er leide in Wahrheit an einem Phantomschmerz.»

Vermisst wird der Grossanlass Frankfurt offenbar zur Hauptsache aus emotionalen Gründen. Erwin Kuenzli vom Limmat Verlag spricht für viele, wenn er sagt:

«Die Messe ist für mich auch wie ein Familientreffen. Ich habe viele gute Freunde und Bekannte in der Branche, die ich nur in Frankfurt treffe.»

Doch sein Nachsatz ist bezeichnend. «Mir fehlt die Messe nicht unmittelbar. Doch wenn ich konkret an sie denke, vermisse ich sie eben doch ein wenig.» So ist es nun einmal mit Familie. Man liebt sie dann am meisten, wenn man sie nicht sehen muss, und nur an sie denken kann.

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