«Tammi nomol, nüüt het offe – das gets jo ned!» Wenn sich zwei Lenzburger Unternehmer im Berner Oberland per Zufall am Skilift treffen und bemerken, dass beide ein Ferienhäuschen haben im 30-Seelen-Dörfchen Axalp hoch über dem Brienzersee, dann gehen sie auf einen Kafi Luz in die nächste Dorfbeiz. Was aber tun, wenn alle Restaurants verwaist sind?

Roger Meinl (46), Inhaber eines Architektur- und Planungsbüros, und Jürg Müller (49, aufgewachsen in Niederlenz), Inhaber eines Immobilien-Treuhandbüros, kauften kurzerhand das Restaurant. «Das Restaurant ‹Bellevue› stand mehr als zwei Jahre lang leer – keiner machte was. Auch die Einheimischen nicht», erzählt Roger Meinl bei einem Kafi Schümli-Pflümli auf der Sonnenterrasse. Bei einem feucht-fröhlichen Abend waren schnell Pläne geschmiedet.

Inkognito schaute sich Jürg Müller («Mein Ferienhäuschen liegt etwas abgelegen. Mich kannten sie gar nicht») das Restaurant mit Dancing an – und schlug zu. Das war 2009. Ein Oberländer Wirt sorgt seither dafür, dass der Rugenbräu-Zapfhahn nie versiegt und in den Pfannen gluschtige Schnitzel brutzeln.

Das modernste Ferienlager-Haus

Zwei Jahre später kaufen die beiden agilen Macher-Typen beim Konkursamt Interlaken das historische Kurhotel gleich neben der Sessellift-Talstation. Vor mehr als 100 Jahren wurden Tuberkulose-Kranke mit Sänften vom Brienzersee zur Kur hierher getragen. Zwei grosse Parkplätze und ein altes Massenlager für Schulkinder gehörten dazu – dieses nahmen sich die beiden Immobilien-Profis als Erstes vor.

Innert weniger Monate entstand hier bis Ende November das modernste Ferienlager-Haus der Schweiz. Heimelige Kajütenbetten aus hellem Lärchenholz, rot-weiss karierte Kissen in heller Atomsphäre – moderner «Alpine Chic» statt verstaubter Massenlager-Mief. Die funktionale Küche ist ein Traum für Lagerköchinnen, als Speisesaal dient ein rustikales Stübli mit viel Holz. Im Cheminée knistert ein gemütliches Feuer, auch ein Hirschgeweih fehlt nicht und an der Wand tickt eine Neuenburger Pendüle.

In der frisch renovierten Gruppen-Unterkunft sind alle willkommen – Schulklassen, Behinderte, Wandergruppen oder Jasser. «Auch Kurse könnten hier gut durchgeführt werden: Von Alphornbläsern, Brienzer Schnitzern oder Hündelern ...», erklärt Meinl. Erste Lagerwochen wurden bereits mit Erfolg durchgeführt, das Haus wurde erfolgreich eingeweiht und getestet. «Wir würden uns natürlich besonders freuen, wenn Schulen aus dem Aargau eine Lagerwoche auf der Axalp verbringen würden.»

Statt Ferraris und Porsches ein Ferienhaus

Roger Meinl und Jürg Müllergehen bei ihren Ideen mit Begeisterung und Elan ans Werk. «Andere sammeln Ferraris oder Porsches – wir planten und bauten unser Ferienlager-Haus. Vielleicht sind wir Idealisten.» Die beiden erfolgreichen und «150 Prozent beschäftigten» Geschäftsmänner legen bei ihrem Engagement auf der Axalp viel «feu sacré», Goodwill und Kreativität an den Tag. «Die Axalp ist unser Hobby – es ist nicht unser Ziel, hier Geld zu verdienen.»

Meinl und Müller sind überzeugt, dass im Tourismus eine ganzheitliche und nachhaltige Sichtweise entscheidend ist: Ohne Restauration im Dorf bald keine Feriengäste mehr, ohne Publikum läufts auch für Sesselbahnen und Skilifte nicht rund.

Das Ski- und Wanderparadies Axalp, idyllisch ob dem Brienzersee am Fuss der Berner Alpen gelegen, liegt den beiden Aargauern am Herzen: «Im übersichtlichen und schneesicheren Skigebiet braucht man kein Auto – alles ist ganz nah beisammen.» Klein, aber fein. «Wer auf der Axalp Jetset sucht, ist fehl am Platz. Die Axalp ist ein Familienort – wir haben als Kinder selbst hier oben Ski fahren gelernt.»

Wenn auch Schweizer etwas bewegen können

Mit der Gastro Oberland AG sind die beiden Aargauer auch in die Bereiche Chalet-Vermietung, Schlüssel-Service, Verwaltungs- und Hauswart-Dienstleistungen eingestiegen. Das nächste Projekt auf der Axalp ist der Abbruch ihres alten Kurhotels. Bei Niederschlag rinnt Wasser durchs Dach, die Bausubstanz ist zu schwach für eine Renovation. «Schade um das schöne historische Gebäude», bedauert Jürg Müller und erklärt: «Hier planen wir einige Apartment-Wohnungen und ein gemütliches Berg-Restaurant mit Après-Ski-Bar.»

Roger Meinl und Jürg Müller sind zwei solide und sympathische Unternehmer. «Wir packen es einfach an – loslegen statt jammern. Mit Herzblut und Freude an der Sache kann man viel erreichen – vor allem auch ohne dass ein Ort seine Seele verkaufen muss», meint Meinl in Anspielung auf orientalische Gepflogenheiten in Urner Bergtälern.

Jürg Müller pflichtet ihm bei: «Es müssen nicht immer Araber oder reiche Russen sein, die etwas bewegen – wir Schweizer können das auch! Vielleicht sind wir schon etwas crazy.» Roger Meinl lacht und blinzelt durch die dunkle Ray-Ban-Brille geniesserisch in die prächtig strahlende Berner Oberländer Sonne: «Stimmt. Eigentlich wollten wir ja nur ein Bier trinken.»