Bad Zurzach
Zwei Kumpels flogen vom Balkon – das kostete sie ihre Freundschaft

Ein 29-jähriger Italiener stand in Bad Zurzach wegen unterlassener Nothilfe vor dem Einzelrichter. Auf der Flucht vor dem Ex seiner Partnerin war er vom Balkon im zweiten Stock gesprungen. Sein Freund wollte ihn aufhalten – und bereut es bitter.

Rosmarie Mehlin
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Aldo und Paolo fielen gemeinsam vom Balkon – danach liess Aldo seinen verletzten Freund einfach liegen.

Aldo und Paolo fielen gemeinsam vom Balkon – danach liess Aldo seinen verletzten Freund einfach liegen.

Emanuel Freudiger

Paolo und Aldo (alle Namen geändert) sind als italienische Secondos zusammen aufgewachsen und beste Freunde – gewesen! «Seit dem Unfall ist es vorbei mit der Freundschaft», tat Paolo vor Gericht kund.

32-jährig ist er, und ziemlich schwergewichtig, ausser auf dem Kopf. Der wird nur noch von einem mageren Haarkranz geschmückt.

Paolo sass als Auskunftsperson vor Einzelrichter Cyrill Kramer und schilderte seine Sicht der Dinge folgendermassen: In jener Samstagnacht im Februar letzten Jahres habe er sich beim Angeklagten Aldo in der Wohnung aufgehalten, die dieser mit seiner Freundin Tanja teile.

Die Dame sei auch irgendwann gekommen, aber gleich im Schlafzimmer verschwunden. «Als gegen vier Uhr morgens Tanjas Ex-Freund und Vater ihrer beiden Kinder an der Wohnungstüre klingelte, wollte Aldo in Panik über den Balkon im zweiten Stock fliehen. Ich weiss nur noch, dass ich ihn festhalten wollte. Dann bin ich am Boden liegend aufgewacht und konnte mich nicht mehr bewegen.»

Offenbar waren die beiden Kindheitsfreunde zusammen abgestürzt. Paolo schrie und Aldo gab Fersengeld, während oben auf dem Balkon der Ex die herbeigeeilte Tanja fragte, wer denn der Mann dort unten sei. Sie wisse es nicht, sagte Tanja.

Es war schliesslich der Ex, der Nachschau hielt, den Verletzten fand und die Ambulanz rief. Paolo hatte schwere Schäden an der Wirbelsäule und der Lunge erlitten.

Rund fünf Wochen war er hospitalisiert und bis Ende April zu 100 Prozent arbeitsunfähig. «Seither bin ich richtig sauer auf Aldo. Er hat mein Leben zerstört, ich lebe von Hartz IV und bin zu 70 Prozent behindert», erzählt er dem Richter.

Er habe keine Ahnung, was in jener Nacht in Paolo gefahren sei. «Ich habe jedenfalls nicht gesagt, er solle vom Balkon springen.»

Grosse Angst vor dem Exfreund

Aldo – schlank und rank mit modischer Gesichtsbehaarung – ist 29-jährig und hat seit einem Jahr, nach längerer Arbeitslosigkeit, einen Job. 3200 Franken verdient er im Monat.

Innert fünf Jahren hat er ennet dem Rhein mit drei verschiedenen Frauen Kinder gezeugt. Für jedes zahlt er monatlich 135 Euro.

Ebenfalls seit etwa einem Jahr lebt Aldo mit Tanja zusammen im Zurzibiet. Vor dem Richter sprach er von seiner Panik in jener Februarnacht: «Ich dachte, Tanjas Ex habe ein Messer in der Hand. Schliesslich hatten er und ich uns zuvor schon mehrfach geprügelt. Ich wollte vom Balkon klettern, bin dann aber hinuntergeflogen und unten weggelaufen. Was Paolo gemacht hat, weiss ich nicht.»

Den Einschreibebrief der Staatsanwaltschaft hatte Aldo nicht auf der Post abgeholt, worauf die Polizei diesen persönlich bei ihm ablieferte.

Im Kuvert war ein Strafbefehl: Wegen Unterlassen der Nothilfe werde Aldo mit einer bedingten Geldstrafe von 1500 Franken und 500 Franken Busse bestraft.

Dagegen hatte Aldo Einsprache gemacht, der Staatsanwalt erhob den Strafbefehl zur Anklageschrift und Aldo musste bei Gericht vortraben.

Auf die Frage von Richter Kramer, welchen Antrag Aldo denn nun stelle, zuckte dieser mit den Schultern – und sagte, na ja, er werde die Busse wohl zahlen müssen. «Also, dann akzeptieren Sie, was in der Anklageschrift steht?» Aldo nickte, unterschrieb und trottete von dannen.