Rekingen
«Zusammenführen, um zu stärken»: Neuer Ammann wünscht sich Grossgemeinde

Rekingens künftiger Ammann Werner Schumacher sagt im Interview, wie Rekingen doch noch die zwei letzten Gemeinderäte fand. Und er wünscht sich, dass sich die Gemeinden in der Region von Rietheim, Bad Zurzach bis Kaiserstuhl einer Fusion öffnen.

Nadja Rohner
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Werner Schumacher (*1963) gehört seit November 2007 dem Rekinger Gemeinderat an. Nadja Rohner

Werner Schumacher (*1963) gehört seit November 2007 dem Rekinger Gemeinderat an. Nadja Rohner

Düster sah die Lage in Rekingen nach dem ersten Wahlgang im September aus: nur drei gewählte Gemeinderäte, kein Ammann, kein Vizeammann. Erinnerungen an 2007 wurden wach, als die Gemeinde nach dem plötzlichen Rücktritt aller Gemeinderäte kurzzeitig unter Zwangsverwaltung gestellt wurde. Doch schon im Oktober präsentierte Rekingen nach einer Reihe stiller Wahlen überraschend einen vollbesetzten Gemeinderat. Die az hat sich mit dem neuen Ammann Werner Schumacher zu einem Gespräch getroffen.

Herr Schumacher, Rekingen hat innert Kürze ein vollständiges Gremium aus dem Hut gezaubert. Wie ist das gelungen?

Werner Schumacher: Wir bisherigen Gemeinderäte haben eine Infoveranstaltung organisiert. Obwohl sie nur spärlich besucht war, haben wir dort einen Rekinger für den Gemeinderat gewinnen können.

Und wie konnten Sie den letzten Sitz besetzen?

Mit Hilfe eines ziemlich provokativen Flugblatts: «Was ist los», haben wir gefragt, «schläft Rekingen etwa? Wollen wir wieder mit einer Zwangsverwaltung fremdbestimmt werden?» Dieses Flugblatt hat im Dorf offenbar eingeschlagen und die Leute wachgerüttelt. Besonders in der Männerriege wurde es sehr kontrovers diskutiert – zum Glück, denn ein Vereinsmitglied hat sich nach der Diskussion entschlossen, für den freien Sitz zu kandidieren.

Die Neuen wurden in stiller Wahl gewählt, ebenso sind Sie zum Ammann geworden. Hand aufs Herz: Das Amt ist für Sie doch mehr Aufopferung als Freude.

Ich gebe zu, Gemeindeammann zu werden war absolut nicht mein Wunschtraum. Vielmehr war es die logische Konsequenz der Situation: Ich bin der amtsälteste Gemeinderat, die anderen sind erst seit zwei Jahren dabei. Es braucht einfach eine gewisse Zeit, bis man sich im Gemeinderat zurechtfindet.

Sie sind selbstständig, haben ein Gartenbaugeschäft. Schaffen Sie es, die Zeit für das Amt zu erübrigen?

Es nicht zu schaffen, ist gar keine Option! Wenn ich etwas mache, dann mit Herz und Seele. Ich bin aber der Meinung, dass ein Ammann nicht alles selber machen muss. Deshalb möchte ich den Ressortvorstehern mehr Verantwortung übertragen und ihre Kompetenzen nutzen. Zentral ist in jedem Fall, dass wir im Gemeinderat konsensorientiert arbeiten und nicht eigene Interessen in den Vordergrund stellen, sondern gemeinsam dafür sorgen, dass die Gemeinde vorwärts kommt.

Welche grossen Brocken werden Sie in der nächsten Legislaturperiode anpacken?

Ein grosses Augenmerk müssen wir auf die Finanzen legen. Wir sanieren gerade die Infrastruktur der Gemeinde, das wird die Verschuldung etwas erhöhen. Grundsätzlich stehen wir finanziell nicht schlecht da, aber wir bräuchten etwas höhere Finanzausgleichszahlungen. Ausserdem haben wir ein kleines Pro-Kopf-Steuereinkommen – ein Legislaturziel wird also sein, Industrie, Gewerbe und finanzkräftige Personen anzuziehen, um das Steuersubstrat zu erhöhen.

Ein Steuerfuss von 125 Prozent wirkt auf finanzkräftige Privatpersonen aber nicht besonders anziehend ...

... darin sind aber beispielsweise Grün- und Sperrgutentsorgungen inbegriffen, das verrechnen andere Gemeinden zusätzlich. Darüber hinaus laufen Projekte, die Rekingen attraktiver machen sollen.

Was denn konkret?

Eine Revision der Bau- und Nutzungsordnung, mit der bessere Wohnlagen eingezont werden sollen. Und wir sind dabei, das Unicef-Label für unsere Jugendarbeit zu erhalten. Dieses soll jungen Familien signalisieren, dass Rekingen eine kinderfreundliche Gemeinde ist. Wichtig ist dem Gemeinderat, dass trotz des angestrebten Wachstums von Bevölkerung und Industrie die Gemeinde lebenswert bleibt.

Stichwort Industrie: Was sagen Sie als künftiger Ammann zu den Plänen, das Containerterminal in Rekingen bis zum Jahr 2018 auszubauen (az vom 16.12.)?

Ich stünde klar hinter einem Ausbau. Schon jetzt läuft das Terminal extrem gut. Eine Vergrösserung wäre für die Entwicklung des ganzen Rheintals und des Studenlandes begrüssenswert. Wir befinden uns jetzt in einer paradoxen Situation: so nahe an Baden, so nahe an Zürich und trotzdem eine verwaiste Region.

Wie liesse sich das ändern?

Stärken kann man nur, wenn man etwas zusammenführt.

Sie sprechen von Fusionen?

Ja. Aktuell führt Rekingen keine Fusionsgespräche. Ich wünschte mir jedoch, dass sich die Gemeinden in der Region diesem Gedanken öffnen würden – vor allem auch Bad Zurzach. Meiner Meinung nach könnte man alle Gemeinden von Kaiserstuhl bis Rietheim zusammenlegen und eine Grossgemeinde nach bestehenden, gut funktionierenden Vorbildern realisieren.

Ob die Bevölkerung da einverstanden wäre?

Die Bevölkerung will in erster Linie, dass alles rund läuft – von wo aus das organisiert wird, ist für viele Menschen zweitrangig.

Und wie stehen die anderen Gemeinden dazu?

Ich hoffe, dass nach und nach auch andere Gemeinderäte und Ammänner den Nutzen einer Grossgemeinde sehen. Bisher fühle ich mich diesbezüglich noch etwas auf verlorenem Posten. Vielleicht bräuchte es klarere Signale und Anreize vonseiten des Kantons, damit Bewegung in die Sache kommt. Über den Tisch brechen sollte man solche Fusionen aber sicher nicht.

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