Leibstadt
Zurzibieter Linke ist empört über die AKW-Inbetriebnahme

Der Entscheid des Ensi über das Hochfahren des Atomkraftwerks löst bei SP und Grünen heftige Reaktionen aus.

Andreas Fretz und Daniel Weissenbrunner
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Geht wieder ans Netz: Das AKW Leibstadt erhielt gestern grünes Licht.

Geht wieder ans Netz: Das AKW Leibstadt erhielt gestern grünes Licht.

REUTERS

Das geplante Hochfahren des Atomkraftwerks Leibstadt sorgte in den vergangenen Wochen über die Landesgrenzen hinaus für hitzige Proteste. Gestern Nachmittag erfolgte nun die Betriebsfreigabe durch die Atomaufsichtsbehörde Ensi am Hauptsitz in Brugg. In der Nacht auf Samstag soll der Reaktor wieder ans Netz.

Auffallend ruhig verhielten sich bisher die linken Parteien und Politiker im Bezirk Zurzach: keine kritischen Stellungnahmen, keine offiziellen Aktionen. Mit der Zurückhaltung ist es nach der Bekanntgabe des Ensi nun vorbei. «Ich bin absolut sprachlos und mehr als erstaunt», verschafft sich Monika Stadelmann, die einzige SP-Grossrätin des Bezirks, Luft. «Ich frage mich ernsthaft, wie man ein solches Problem innerhalb von drei Tagen lösen konnte.» Noch am Dienstag war unklar, wann die Freigabe erteilt werden würde. «Mein Vertrauen in die Behörden, das Ensi wie auch in die Betreiber, ist angeknackst. Sie wirken auf mich nicht mehr sehr glaubwürdig.»

Den Druck hochhalten

Harsche Töne kommen auch aus den Reihen der Grünen. Die Partei ist im Bezirk Zurzach zwar nicht organisiert, einzelne Vertreter verschaffen sich dennoch Gehör. Zu ihnen zählt Hanspeter Meier. Der Bio-Landwirt aus Full-Reuenthal kandidierte vergangenen Herbst für den Grossen Rat. Meiers Hof befindet sich in Sichtdistanz zum Atomkraftwerk. «Der Entscheid ist eine Frechheit. Ich verstehe die Welt nicht mehr.»

Meiers Empörung wuchs bereits nach den jüngsten Veröffentlichungen, unter anderem im Beitrag der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens. Sein Vertrauen in die Behörde sei ernsthaft beschädigt. Bevor nicht die letzten Zweifel ausgeräumt seien, dürfte der Reaktor nicht hochgefahren werden, so der Grüne-Politiker.

Meier ist ein AKW-Kritiker der ersten Stunde. Er demonstrierte schon gegen die Pläne für die Anlage in Kaiseraugst in den 1970er-Jahren. Meier reichte vor einigen Jahren auch gegen die AKW-Betreiberin Axpo Klage ein. «Weil sie ihre eigenen Richtlinien nicht einhalten.» Sowohl Meier wie auch Stadelmann wollen den Druck auf die Betreiberin und das Ensi hochhalten. «Die Atomenergie ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber sie ist ein Kernthema unserer Partei», sagt Monika Stadelmann. SP-Grossrat Max Chopard startete diese Woche eine Interpellation. Stadelmann zählt zu den Unterzeichnern des Vorstosses. Die Sozialdemokraten wollen von der Regierung etliche Fragen beantwortet haben (az vom Mittwoch). «Der Kanton kann politischen Druck auf Behörden und Betreiber aufbauen», ist Eva Kuhn, Presseverantwortliche der SP Sektion Zurzibiet, überzeugt.

«Das Hochfahren erscheint mir fragwürdig. Dass der Vorgang zunächst um drei Tage verschoben wurde, könnte am öffentlichen Druck gelegen haben. In diesem Zusammenhang von einem Teilerfolg zu sprechen, finde ich nicht passend. Es geht um die Sicherheit, nicht um Teilerfolge. Und wenn die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann, muss man auch mal den Mut haben, einen Schlussstrich zu ziehen.»

Diese Frage hat sich auch Hanspeter Meier schon unzählige Male gestellt. «Ich bin aber realistisch genug, um zu wissen, dass ein Atomausstieg nicht von heute auf morgen möglich ist.» Warum er unter diesen Voraussetzungen Full-Reuenthal nie den Rücken gekehrt hat, begründet Biobauer Meier wie folgt: «Ich war vor dem AKW hier.»

Unterstützung aus der Bevölkerung

Von den 648 Brennelementen des Reaktorkerns wiesen 47 Elemente lokale Verfärbungen als Anzeichen für Oxidation auf. «Solange die Ursachen für die Probleme nicht vollends geklärt sind, vertritt die SP Sektion Zurzibiet die Meinung, dass das AKW Leibstadt nicht wieder ans Netz darf», sagt Eva Kuhn. Dieses Risiko dürfe man nicht eingehen. «Ich war froh um jeden Tag, den das AKW nicht hochgefahren wurde.»

Dass die linken Vertreter aus dem Zurzibiet mit ihren Befürchtungen nicht alleine dastehen, beweist ein Blick auf die Online-Plattform der az, Petitio.ch. Darin fordern mittlerweile mehr als 300 Personen den sofortigen Rückzug der Bewilligung durch das Ensi.

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