Zurzibiet
Vom Finanzprofi zum Weinbauexperten: Er ist der einzige isländische Winzer und bewirtschaftet einen Rebberg in Döttingen

Hoss Hauksson hat in Kalifornien Mathematik studiert. Er war mit Erfolg in der Finanzbranche tätig. Ein beruflicher Umbruch führte ihn schliesslich in den Weinbau und nach Döttingen.

Rosmarie Mehlin
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Ein Isländer im Zurzibiet: Hoss Hauksson hat in in den USA Mathematik studiert. Heute bewirtschaftet er sechs Hektaren Reben.

Ein Isländer im Zurzibiet: Hoss Hauksson hat in in den USA Mathematik studiert. Heute bewirtschaftet er sechs Hektaren Reben.

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Vor dem Gebäude der ehemaligen Winzergenossenschaft
Rüfenach betrachtet ein Mann eine Reihe von Aussaat-Schalen. Blond, braun gebrannt mit Drei-Tage-Bart, erdige Hände, Baseball-Mütze, T-Shirt und auffallend blauen Augen blickt er auf das zart spriessende Grün: «Das sind Kräuter für meine Rebberge. Thymian und Wermut halten Insekten fern, Pfefferminze, insbesondere die Kirschessigfliegen und Salbei hilft gegen Pilzbefall.»

Der Mann spricht mit einem leichten, auf Anhieb nicht einzuordnenden Akzent. Hoss Hauksson kommt aus einem Land, in dem es keine Reben gibt, und ist der einzige isländische Winzer weit und breit und der Einzige mit dem Titel eines Doktors der Mathematik.

In Reykjavik geboren und aufgewachsen, hatte er das Studium an der dortigen Universität mit dem Bachelor abgeschlossen:

«1994 bin ich nach Kalifornien ‹ausgewandert› und habe dort promoviert. 1998 hatte mich meine Tätigkeit in der Finanzbranche nach Zürich geführt, wo ich mich in eine Schweizerin verliebte.»

Nach Stationen in Island und London wurde die Familie Hauksson – zu der heute die Söhne Elías (18) und Bjarki (15) gehören – 2009 in der Schweiz sesshaft.

Vor zwei Jahren den Rebberg in Döttingen übernommen

Schicksal im Leben von Hoss Hauksson spielte 2013 ein Inserat, in dem ein Rebberg in der Nähe des Verzasca-Staudamms angeboten wurde. «An einem steilen Südhang wachsen dort an bis rund 100 Jahre alten Reben, Merlot- und Cabernet-Franc-Trauben, die ich zu Hause in der Waschküche kelterte.» Den Weinberg in Gordemo hat Hauksson auch heute noch gepachtet.

Hoss Hauksson in seinem Reich: Aus Döttingen stammen sein Pinot noir, Blaufränkisch, Malbec, Pinot gris und Sauvignon blanc

Hoss Hauksson in seinem Reich: Aus Döttingen stammen sein Pinot noir, Blaufränkisch, Malbec, Pinot gris und Sauvignon blanc

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Mittlerweile sind Rebberge im Aargau dazu gekommen und keltert Hauksson längst nicht mehr in der Waschküche, sondern in der ehemaligen Genossenschaftskellerei in Rüfenach. «2017 hatte ich Rebberg-Parzellen in Remigen gepachtet, die Finanzbranche an den Nagel gehängt und 2019 in Döttingen die Rebberge von Meinrad Keller gekauft, als dieser mit dem Weinbau aufhörte.»

Wie man eine Frau erobert

Von einer Wand im grossen Lagerraum blickt ein Rentier-Kopf mit wuchtigem Geweih auf ordentlich gestapelte Weinkartons und wunderschöne Holzkisten mit eingebranntem Hauksson-Schriftzug und Logo. Die Etiketten hat – wie könnte es anders sein – er selber entworfen. Schlicht sind sie und einheitlich beige mit schwarzer Schrift und einer goldenen Rune als Blickfang. «Runen waren ursprünglich Buchstaben, inzwischen werden ihnen Zauberkräfte zugesprochen. Meine Rune steht für Freundschaft und soll bei der Eroberung einer Frau helfen.» Und umgekehrt auch? «Will eine Frau einen Mann erobern, muss sie ihm in Island Gras in die Schuhe legen», erklärt er verschmitzt.

Der 52-Jährige, der mit seiner Familie im Kanton Zug lebt, beschäftigt im Tessin einen Mitarbeiter, der sich dort um den Rebberg kümmert. «Im Aargau habe ich einen festangestellten sowie sechs temporäre Mitarbeiter.» Aus Döttingen stammen sein Pinot noir, Blaufränkisch, Malbec, Pinot gris und Sauvignon blanc; in Remigen produziert er Pinot noir, Kerner, Rheinriesling und Chardonnay.

Wermut aus frischen Kräutern

Dass er draussen die spriessenden Kräuter liebevoll – und stolz – bewundert, hat nebst deren zentralem Einfluss auf den biologisch-dynamischen Weinbau auch einen weiteren Grund namens Wermut. Hauksson erzählt:

«Als ich überlegte, was ich im Herbst mit den Kräutern machen soll, hat mich ein italienischer Mitarbeiter auf die Idee gebracht.»

Der experimentierfreudige Hoss theoretisierte nicht lange herum: «Ich habe einem kleinen Tank Weisswein frischen Wermut beigegeben plus Schafgarbe und Ysop, die in den Weinbergen wild wuchern, einem Rotwein Wermut und Rappen, also Trauben- und Beerenstiele.»

Die Wermuts seien wegen der frischen Kräuter einzigartig und haben keinerlei Restsäure. Sie bekamen isländische Na-men «Hvítur» für Weiss und «Rauður» für Rot. «Meine erste Produktion 2019 von 70 Flaschen war im Nu weg, bestellt von zwei Gourmet-Gastronomen im Bündnerland. 2020 haben wir 3000 Flaschen Wermut produziert.»

Gegen Unkraut setzt er in Döttingen Schafe ein

Von seinem ersten Wein-Jahrgang, 2017, produzierte der Isländer 17'000 Flaschen, im Jahr darauf waren es bereits 40'000 Flaschen. Den Merlot aus dem Tessin hat Hauksson nach einem alten Kirschbaum
im Rebberg «Ciliegio» getauft und zwei Weine tragen isländische Namen: Ein Pinot aus Döttingen heisst «Sólskin» (Sonnenschein) und ein Müller-Thurgau «Tunglskin» (Mondschein).

Begeistert erzählt er von den neun Ouessant-Schafen, die neuerdings in seinem Döttinger Weinberg dafür sorgen, dass Gras und Unkraut nicht überhandnehmen. Es ist die kleinste Schafrasse Europas. «Ein Braten vom Lamm, das in meinem Rebberg Thymian gegessen hat, und dazu einen Pinot noir aus der gleichen Parzelle ist ein Hochgenuss.»