Jubiläum
Würenlinger Fasnacht feiert 50. Geburtstag – elf Männer sorgten eines Abends für den Startschuss

50 Jahre Fasnachtsgesellschaft – von schönen Sujets bis zum politischen Brückenbau. OK-Präsident Franz Schneider, bekannt als «Fasnachts-Franz», erzählt, wie alles anfing und wie die Fasnachtsgesellschaft heute dasteht.

Leo EIholzer
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1969: Eigentlich hatte die Reederei AG das Schiff "Christina" für den Winzerumzug in Döttingen gebaut. Als Würenlinger Fasnachtsclique nahmen sie auch am ersten Umzug in ihrem eigenen Dorf teil.
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1971: Globi
1972
1977: Lochness
1978: Schnäggepost
1980: Go-Go Girls am Sextagerennen
1981: Die Teemöckeguuger, eine von drei Guggenmusiken in Würenlingen, gibt es seit 1972.
1984: Otto Stich't
1986: Gipfeltreffen
1994: China
2001: Moorhuhn schlägt zurück
2004: Findet Nemo
Und die Dorfbachsörpfler, die sich aus der Musikgesellschaft Würenlingen und den Guggich-Feezer zusammenschlossen. 2012
2015: Schweiz, Marionette Europas.

1969: Eigentlich hatte die Reederei AG das Schiff "Christina" für den Winzerumzug in Döttingen gebaut. Als Würenlinger Fasnachtsclique nahmen sie auch am ersten Umzug in ihrem eigenen Dorf teil.

zVg

5. März 1968, Restaurant Sternen in Würenlingen. Es ist ein Dienstag und für elf Männer wird es spät. Auf ein Blatt Papier schreiben sie: «Wir sind alle einverstanden bei der Fasnachtsgesellschaft mitzumachen» (das Komma geht vergessen). Sie notieren die Uhrzeit, 22.25 Uhr, und unterschreiben das Blatt. Die Fasnachtsgesellschaft Würenlingen war geboren. Heute, 50 Jahre später, existiert sie noch immer und organisiert jedes Jahr einen der grössten Fasnachtsumzüge der Region.

Franz Schneider organisierte das Jubiläums-Fest, das am Samstag mit rund 600 Gästen, darunter Landammann Alex Hürzeler (SVP), inklusive Zirkusvorstellung über die Bühne ging. Schneider ist seit 48 Jahren bei der Fasnachtsgesellschaft dabei. «Ich bin aber schon 1965 mit einem Sujet, eine kleine Version des Atomreaktors Beznau, durchs Dorf gezogen», erzählt er. In jenem Jahr war der Projektbeginn fürs Atomkraftwerk.

Vor dem ersten Umzug 1968 gab es in Würenlingen die Strassenfasnacht (Bild: 1965).
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Das 20-jährige Jubiläum der Fasnachtsgesellschaft.
Früher griff die Fasnachtsgesellschaft noch selbst zu den Instrumenten und spazierte als Guggenmusik durchs Dorf.
2018 feierte die Fasnachtsgesellschaft ihr 50-jähriges Bestehen: Franz Schneider (links), Präsident des Jubiläums-Ok und André Wenzinger, Präsident der Fasnachtsgesellschaft Würenlingen, mit dem traditionellen Fez.
Mittlerweile gibt es in Würenlingen drei Guggenmusiken: Die Steibruchschränzer, die 1972 entstand, als 16 Feuerwehrkameraden mit Kübeln als Feuerwehrtätscher am Umzug mitmachten.
Parallel dazu wurde im Dorfrestaurant Frohsinn die Guggenmusik Teemöckeguuger gegründet.
1998 gründete sich die dritte Guggenmusik im Dorf: Dieses Jahr feierten die Eichlefääger ihr 20-jähriges Jubiläum.
Fünf Würenlinger Umzugsgruppen sind schon fünfzig Jahre dabei. Darunter die Reederei AG. 2016
ARGE Schwanz. 2012
Das Breitenquartier. 2011
Die Spez Kafi Clique 2016
Und die Dorfbachsörpfler, die sich aus der Musikgesellschaft Würenlingen und den Guggich-Feezer zusammenschlossen. 2012

Vor dem ersten Umzug 1968 gab es in Würenlingen die Strassenfasnacht (Bild: 1965).

zVg

Die Sujets werden zu gross

Hauptinitiator der Fasnachtsgesellschaft war Willi Merki-Kalt — ein Ur-Würenlinger, der zwischenzeitlich nach Ebikon zog und dort Fasnachts-Zunftmeister war. Nach seiner Rückkehr und der Gründung der Fasnachtsgesellschaft wuchsen die zuvor sporadisch durchgeführten Umzüge rasant: Beim ersten offiziellen Umzug zogen die Fasnächtler schon mit 38 Sujets durch Würenlingen.

Nicht nur die Anzahl, auch die Sujets selbst wurden immer grösser. So gross, dass die Würenlinger Infrastruktur nicht mehr mithalten konnte. Schneider: «Wir mussten am Abend vor dem Umzug die Telefonleitung, die über eine Strasse führte, abhängen, damit wir mit den Sujets überhaupt unten durch kamen.»

Eine Nebenwirkung der langen Zeit als Fasnächtler ist der Übername «Fasnachts-Franz» für Schneider. Er sagt: «Ich werde im Dorf immer wieder damit angesprochen. Auch von 30- bis 40-Jährigen, die damals an der Kinderfasnacht waren und mich von daher kannten.»

Franz Schneider, OK-Präsident «50 Jahre Fasnacht Würenlingen»: «In Würenlingen war man früher oft zerstritten. Spätestens bei der Fasnacht fand man wieder zueinander.»

Franz Schneider, OK-Präsident «50 Jahre Fasnacht Würenlingen»: «In Würenlingen war man früher oft zerstritten. Spätestens bei der Fasnacht fand man wieder zueinander.»

Photographer: Kurt Weiss

Nach dem Highlight aus fast einem halben Jahrhundert Fasnacht gefragt, antwortet Schneider, Architekt und von 1987 bis 1998 Präsident der Fasnachtsgesellschaft: «Besonders toll finde ich, dass wir immer Neuzuzüger mit dem Fasnachtsumzug integrieren konnten. Sie taten sich zusammen und beteiligten sich mit eigenen Sujetgruppen am Fasnachtsumzug.» So sei etwa die Sujet-Gruppe aus dem Breitenquartier entstanden.

Auch für den politischen Brückenbau sorgte die Fasnacht: «In Würenlingen war man früher oft zerstritten, vor allem bei Gemeinderatswahlen. Spätestens bei der Fasnacht fand man wieder zueinander.»

1993, nach 25 Jahren Umzug, machte man sich bei der Fasnachtsgesellschaft sorgen, ob der Generationenwechsel gelingen würde. Doch es fanden sich Leute, die die Würenlinger Fasnacht bewahrten. Diese Unsicherheit für die Zukunft der Fasnachtsgesellschaft spürt Schneider auch jetzt wieder, 25 Jahre später.

Der jetzige Präsident, André Wenzinger, sagt auch, es sei schwieriger geworden, Mitglieder für die Fasnachtsgesellschaft zu gewinnen. «Bei den Guggenmusiken und den Sujet-Gruppen ist der Zulauf aber nach wie vor gross. Die Jungen interessieren sich für die Fasnacht.» Mitglied der Fasnachtsgesellschaft zu sein, bringt Zusatzarbeit mit sich, die viele nicht auf sich nehmen wollen. «Als ich das Präsidenten-Amt 2011 antrat, begann die Organisation der Fasnacht etwa nach den Sommerferien. Heute bin ich das ganze Jahr über eingespannt», sagt Wenzinger, der beruflich die Infrastrukturabteilung der Gemeinde Spreitenbach leitet. Der Arbeitsaufwand ist heute höher, weil ein grösseres Rahmenprogramm organisiert werden muss. Die Guggenmusiken muss Wenzinger heute ein Jahr im Voraus buchen.

Solide finanzielle Basis

Finanziell geht es der Fasnachtsgesellschaft gemäss Wenzinger recht gut. Das zeigt sich alleine schon an den 116 Sponsoren aus der Region, die im Jubiläumsprogramm aufgeführt sind. Die meisten sind laut Wenzinger Kleinspender: «Wir bekommen nach wie vor starken Support aus Würenlingen und den umliegenden Gemeinden.»

Schwieriger geworden sei dagegen der Bau von den bis zu sechs Meter grossen Sujets für die Fasnacht. Denn dafür braucht es grosse, leerstehende Hallen. «Früher gab es in Würenlingen viele Scheunen, die wir nutzen konnten. In den letzten Jahrzehnten wurde grossflächig gebaut und die Scheunen wurden überbaut», so Wenzinger. Der Fasnacht im Weg steht das aber nicht: «Bisher haben wir immer Orte gefunden, wo wir die Sujets bauen konnten.»