Würenlingen
Wie die Rebstöcke aus einem Aargauer Dorf die Schweiz eroberten – und wie vor 100 Jahren alles begann

Die Rebschule Meier aus Würenlingen gehört nach 100 Jahren zu den drei grössten der Schweiz. Ihre existenzielle Krise erlebte sie Mitte der 90er-Jahren.

Stefanie Garcia Lainez
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Andreas Meier führt den Familienbetrieb nun in dritter Generation.

Andreas Meier führt den Familienbetrieb nun in dritter Generation.

Stefanie Garcia Lainez

Kilometer an Kilometer reihen sich die Reben im Lavaux aneinander. Das Unesco-Weltkulturerbe ist bekannt für seine atemberaubende Schönheit. Nur was kaum einer der Touristen weiss: Viele der unzähligen Reben der Waadtländer Winzer stammen von der Rebschule Meier aus Würenlingen. In Winzerdorf, wo Reb- und Weinbau Tradition, veredelt die 1921 gegründete Rebschule pro Jahr rund 700'000 Setzlinge.

Jede achte Weinrebe der Schweiz hat ihren Ursprung im Familienbetrieb, der zu den drei grössten der Schweiz gehört. Andreas Meier führt das Unternehmen in dritter Generation. «In den vergangenen hundert Jahren hat sich das Handwerk stark verändert», sagt der Weinbauingenieur und Önologe.

Hier veredelt die 1921 gegründete Rebschule Meier pro Jahr rund 700'000 Setzlinge. Jede achte Weinrebe der Schweiz hat ihren Ursprung in der Rebschule Meier, einer der drei grössten Rebschulen der Schweiz. Andreas Meier führt das Unternehmen in dritter Generation. «In den vergangenen hundert Jahren hat sich das Handwerk stark verändert», sagt der Weinbauingenieur und Önologe.

Den Grundstein der Rebschule legte Grossvater Albert Meier – obwohl er in jungen Jahren noch nicht viel vom Rebbau hielt. «Er besuchte die Landwirtschaftsschule in Brugg und musste ein ganzes Heft über den Rebbau lernen», sagt Andreas Meier. Dabei sei er zum Schluss gekommen, Rebstöcke seien krank, diese anzupflanzen, bringe nichts.

Gründer Albert Meier (5.v.r.) gründete die Rebschule Meier 1921. Das Bild zeigt ihn mit der Familie.
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In den 1930er-Jahren spritzen Arbeiter die Rebpflanzen.
Albert Meier führte genaue Tabellen.
Zu Beginn veredelte Albert Meier noch von Hand, dann mit einer sogenannten Veredelungsmaschine.
Die Reblaus (im Bild sin ihre Eier) ist der Grund, weshalb Rebpflanzen überhaupt veredelt werden müssen.
Pferde ziehen in den 1960er-Jahren einen Pflug, hinter ihnen werden Rebpflanzen gesetzt.
Andreas Meier führt den Familienbetrieb nun in dritter Generation.

Gründer Albert Meier (5.v.r.) gründete die Rebschule Meier 1921. Das Bild zeigt ihn mit der Familie.

zvg

Der Grund für sein Urteil war die Reblaus. In den 1860er-Jahren wurde der kleine Schädling aus Nordamerika eingeschleppt und vernichtete zwei Drittel der europäischen Weinberge. «Die Reblaus sticht in der Erde die Wurzeln an, die Rebe verdorrt.»

Wegen Reblaus werden Reben heute veredelt

Der Schädling ist auch der Grund, weshalb nebst dem Züchten neuer Sorten und dem Aufziehen junger Stöcke das Propfen oder Veredeln zu den Hauptaufgaben einer Rebschule gehört. Dabei wird die europäische Edelsorte auf die Wurzel der amerikanischen Wildrebe aufgepfropft.

Denn diese Wildrebe lässt zwar bezüglich Ertrag und Geschmack zu wünschen übrig, ist aber resistent gegen die Reblaus. Die zwei Hölzer werden wie ein Puzzle miteinander verbunden, wachsen zusammen und es entsteht ein neuer Rebstock.

Wie Veredeln funktioniert, erfuhr Grossvater Albert Meier als 25-Jähriger in einem Kurs. Danach kaufte er sich seine ersten drei Veredelungsmesser, um die beiden Hölzer zuschneiden zu können. Die ersten Jungpflanzen züchtete Albert Meier mitten im Dorf: in einer alten mechanischen Schreinerei hinter dem Restaurant Sternen, das ebenfalls der Familie gehört – ein Vorfahre der Meiers hatte am 6. Dezember 1462 den Gutshof übernommen.

Dank systematischer Beobachtung die beste Pflanze ermittelt

«Mein Grossvater war einer der ersten, der die Pflanzen über Jahre beobachtete und dies systematisch notierte», sagt Andreas Meier. Dadurch habe er die Umwelt- von Erbeinflüssen unterscheiden können, was damals nicht verbreitet war.

«Jeweils die beste Pflanze züchtete er weiter – so wie einst die Römer.» Von den veredelten Pflanzen waren rund 20 bis 30 Prozent gut genug für den Verkauf. «Da wir heute die Feuchtigkeit und die Temperatur regulieren können, erreichen nun zwei Drittel die erforderliche Qualität.»

1963 übernahm Vater Anton Meier und zügelte sechs Jahre später den Betrieb in einen Neubau, wiederum hinter dem «Sternen». In den 60er- und 70er-Jahren begann er, die Jungpflanzen auch ins Ausland zu verkaufen. «In den 80er-Jahren hatten die Rebschulen eine Blütezeit», sagt Andreas Meier, der den Betrieb seit 1988 führt. «Damals wurden viele Reben gesetzt, vor allem im Wallis.»

Bis 1995 waren Rebschule, Restaurant Sternen und das Weingut zum Sternen unter einem Dach vereint. Seit der Aufteilung der Betriebe führt Andreas Meier nebst der Rebschule auch das Weingut mit seinem Bruder Manuel Meier. Der dritte Bruder, Adrian Meier, übernahm das Restaurant Sternen.

EWR-Nein, Umzug und misslungene Produktion führten zur Krise

Die wohl grösste Krise in der 100-jährigen Geschichte erlebte der Familienbetrieb Mitte der 90er-Jahren. Die Rebschule tätigte mehrere Investitionen, wechselte 1991 an den heutigen Standort am Rebschulweg 2 und führte eine neue Produktionsmethode ein. «Diese war sehr heikel – meinem Vater missriet das ganze erste Jahr», sagt Andreas Meier.

Auch die Ablehnung des Europäischen Wirtschaftsraumes 1992 hatte Auswirkungen: «Wir konnten nicht mehr exportieren und verloren dadurch Kunden.» Erschwerend war, dass der Schweizer Markt aufgrund seiner verschiedenen Böden und Klimas relativ anspruchsvoll ist:

«Im Jura oder im Tessin müssen die Reben andere Voraussetzungen erfüllen als im Mittelland.»

Die Rebschule bietet deshalb insgesamt 400 verschiedene Arten von Jungpflanzen an, kann aber keine als grosse Serie produzieren, mit Folgen auf den Preis. All diese Faktoren brachte das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten.

Doch die Rebschule kämpfte sich durch und gehört heute zu den drei grössten im Land. Von den rund 2,5 Millionen Rebpflanzen, die jedes Jahr altershalber ersetzt werden, liefert die Rebschule Meier mit vier anderen Betrieben rund 70 Prozent. Seit 2004 liefert das Unternehmen auch wieder ins Ausland, etwa nach Südkorea oder Nepal.

Aktuell beschäftigt den Betrieb weniger Corona, sondern die Witterung und der wachsende Anspruch nach biologischer Landwirtschaft. «Wir können noch nicht sagen, welche Pflanze sich dafür besonders eignet», sagt Meier. Die Zukunft werde zeigen, auf welche Rebe man setzen müsse.

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