Würenlingen
In dieser Kiesgrube nisten seltene Vögel – weshalb es ihnen hier wohl ist und wie die Baufirma darauf reagiert

Früher brüteten sie am Ufer, heute in Kiesgruben: Schwarmweise tummeln sich die Uferschwalben vor den rund 200 Brutlöchern in der Grube im Würenlinger Unterfeld. Für sie ändert die Aarvia sogar ihren Abbauplan.

Stefanie Garcia Lainez
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Die Uferschwalbe braucht den idealen Sand, um ihre Bruthöhle bauen zu können.

Die Uferschwalbe braucht den idealen Sand, um ihre Bruthöhle bauen zu können.

zvg

Vogel um Vogel fliegt in den zahlreichen Löchern an der sandigen Wand ein und aus. Die Maschinen in der Kiesgrube unter ihnen ruhen. Nur der Motorenlärm von der Döttingerstrasse übertönt ab und zu das Gezwitscher der Uferschwalben, die hier bald ihre Jungen ausbrüten. Die Zugvögel sind regelmässige Gäste in der Kiesgrube im Würenlinger Unterfeld:

Stefanie Garcia Lainez

In Europa werden sie aber seit den 1990er-Jahren immer seltener. Gemäss Roter Liste gefährdeter Arten gelten sie als verletzlich. «Solche Brutplätze wie hier in Würenlingen sind wertvoll», sagt Alois Bächli, der Präsident des Naturschutzvereins Würenlingen. «Umso wichtiger ist es, die Uferschwalben in Ruhe brüten zu lassen.»

Seit rund 60 Jahren baut die Aarvia Gruppe im Gebiet Unterfeld Kies ab. Die Grube wanderte dabei von Siggenthal Station in Richtung Döttingen bis zur heutigen Lage in der Nähe des Hauptstandortes der Aarvia. Für die Uferschwalbe ist die Grube als Brutplatz ideal: Auf den Feldern und bei der Aare als grosses Fliessgewässer hat es viele Insekten, die Anflugschneise zum Brutplatz ist grosszügig. Auch der Sand ist ideal, um ihre Höhlen zu bauen: locker genug, sodass die Uferschwalben mit ihren Schnäbeln graben können und fest genug, damit die Brutröhren nicht einstürzen.

Kiesgruben sind heute wichtige Brutplätze für Uferschwalben

Alois Bächli zeigt auf den Hang, wo sich die Vögel zeitweise in Schwärmen vor den rund 200 Brutröhren tummeln. «Früher brütete die Uferschwalben in Abbruchkanten am Flussufer. Heute sind aber viele Gewässer kanalisiert.» Kiesgruben seien deshalb wertvolle Alternativstandorte. Die kleinste europäische Schwalbenart brütet in Kolonien, die einzelne bis einige Hunderte Brutpaare umfassen können. Die Vögel beginnen normalerweise im April, ihre Bruthöhlen zu bauen.

Ein Küken schaut aus der Höhle raus.

Ein Küken schaut aus der Höhle raus.

zvg

Mit rund 300 Vögeln gehört die Kolonie in Würenlingen zu den grösseren in der Schweiz. Mit einem Schreiben macht der Natur- und Vogelschutzverein Würenlingen die Aarvia auf die Uferschwalben aufmerksam und bittet das Bauunternehmen, auf die Vögel Rücksicht zu nehmen.

Aarvia stellt für Uferschwalben die Abbaupläne um

Beim Bauunternehmen stossen die Naturschützer auf offene Ohren: «Wir lassen jeweils diese Wand in Ruhe, in der die Uferschwalben nisten», sagt Andreas Angehrn, der seit neun Jahren Geschäftsführer der Aarvia Gruppe ist. Der Abbauablauf werde so angepasst, dass die beiden Mitarbeiter an den anderen Wänden weiterarbeiten, bis die Vögel im August wieder in Richtung Süden ziehen.

Wer genau hinschaut, kann die zahlreichen Löchern am oberen Rand der Wand erkennen.

Wer genau hinschaut, kann die zahlreichen Löchern am oberen Rand der Wand erkennen.

Stefanie Garcia Lainez

Manchmal stellt die Aarvia auch Findlinge vor die betroffene Wand als Abschrankung. «Für uns ist das ein kleiner Aufwand.» Die Grube in Würenlingen sei gross genug. Wenn man es sich irgendwie einrichten könne, sei es Pflicht, auf die Vögel acht zu geben, ergänzt er.

Rückkehr hängt davon ab, wo gerade abgebaut wird

Ob die Uferschwalben nächstes Jahr wieder kommen, ist nicht sicher. «Bei jeder Etappe kommt aufgrund des unterschiedlichen Schichtaufbaus anderes Material zum Vorschein», sagt Andreas Angehrn. Nicht immer ist der passende Sand darunter. In den vergangenen zehn Jahren hätten die Schwalben aber fast jedes Jahr ihren Weg nach Würenlingen gefunden.

Nebst der Kiesgrube im Unterfeld betreibt die Aarvia noch Gruben in Döttingen und Mönthal sowie einen Recyclingplatz in Siggenthal Station. Das Bauunternehmen ging aus der Fusion der beiden Familienunternehmen Granella aus Würenlingen und Umbricht aus Turgi per April 2017 hervor. Mit rund 370 Mitarbeitern gehört die Aarvia Gruppe zu einem der grössten Strassen- und Tiefbauunternehmen im Kanton, das unterdessen in der dritten respektive vierten Generation geführt wird.

Zurzeit werden Vorbereitungsarbeiten für die sechste Abbauetappe im Unterfeld ausgeführt. «Im gesamten Gebiet hat es noch Kiesvorräte für rund 30 Jahre», sagt Andreas Angehrn. Wie schnell und wie lange hier die Aarvia noch abbaut, werde laufend überprüft und hange auch davon ab, wie sich die Nachfrage künftig entwickle.