Böttstein
«Wieso tust du dir das an?» Schiedsrichter sein ist kein Zuckerschlecken

Schiedsrichter sorgen auf den Fussballplätzen für Recht und Ordnung. Einer von ihnen ist Praktikant beim Badener Tagblatt. Ein exklusiver Live-Bericht vom Spielfeld.

Joel Kälin
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Schiedsrichter Böttstein Fussball

Luis Hartl

Samstagnachmittag, Sportplatz Aarebrücke in Kleindöttingen. In der dritten Stärkeklasse der C-Junioren empfängt der Tabellenletzte FC Döttingen den Drittletzten FC Turgi. Ich wurde vom Aargauer Fussballverband aufgeboten, diese Partie als Schiedsrichter zu leiten. Vorfreude, aber auch Nervosität machen sich bemerkbar – wie vor jedem Spiel. Speziell: Mein Debüt als Schiedsrichter gab ich vor gut eineinhalb Jahren genau auf diesem Rasen, in einem heiss umkämpften Zurzibieter Derby Döttingen gegen Klingnau. Der heisse Tanz auf dem Rasen war für mich damals wortwörtlich der Sprung ins kalte Wasser.

Heute ist es bedeckt, die Temperaturen dennoch angenehm, ideale Voraussetzungen zum «Tschutten». In der Garderobe gehe ich nochmals mögliche Spielsituationen durch. Die jungen Kicker, die meisten um die vierzehn, sind bereits auf dem Spielfeld. Sie laufen sich warm und feilen noch an ihrer Schusstechnik, indem sie ihren Torwart warmschiessen. Ich begrüsse sie, stelle mich vor und kontrolliere ihre Spielausrüstung.

Beleidigungen sind Alltag

Alles in Ordnung. Noch kurz einlaufen, und dann bin ich bereit. Das Tenue sitzt, die Stoppuhr ist gerichtet, die Karten und die Schiedsrichterpfeife sind griffbereit. Ich führe die beiden Mannschaften aufs Spielfeld und pfeife die Partie an. Jetzt sind Konzentration und Ausdauer gefragt. Ich bemühe mich, stets auf der Höhe des Spielgeschehens zu sein, und lege dabei durchschnittlich über zehn Kilometer zurück.

Die Döttinger streben endlich den ersten Punktgewinn an. Und tatsächlich: Das erste Erfolgserlebnis für das Heimteam lässt nicht lange auf sich warten: Nach zwei Spielminuten fällt bereits das erste Tor. Döttingen behält die Oberhand und baut seine Führung schnell weiter aus. Das erste gröbere Foulspiel. Ich zitiere den Sünder zu mir. Es ist ein Signal. Es zeigt allen Spielern, solches Einsteigen dulde ich nicht. Ich belasse es vorerst bei einer Ermahnung.

Keine Probleme gibt es an diesem Nachmittag an der Seitenlinie. Die Zuschauer und Trainer verhalten sich während des ganzen Spiels fair. Dem ist nicht immer so: Schiedsrichterbeleidigungen gibt es auch an Junioren-Spielen immer wieder. Oft durch Eltern. Dann braucht es Durchsetzungsvermögen und eine gewisse Abgeklärtheit. Wenn ich im Freundes- und Bekanntenkreis von meinem Hobby erzähle, werde ich oft gefragt: Wieso tust du dir das an? Bestimmt nicht wegen den 80 Franken, die ich pro Spiel erhalte.

Nach einem Spiel wurde mir auch schon gedroht. In solchen Momenten habe ich mir die Frage zwar auch gestellt, doch die meisten Partien verlaufen ohne Probleme. In friedlicher Fussballstimmung auf dem Platz zu stehen und mit den Anwesenden zu interagieren bereitet mir Freude. Ich betrachte das Schiedsrichtern als eine Lebensschule.

Nach 40 Minuten Spielzeit pfeife ich die erste Halbzeit ab. Es steht 4:0. Zwar ist die Spannung vorerst draussen, doch kein Grund, in der Konzentration nachzulassen. Und tatsächlich. Den Turgemer gelingt der Anschlusstreffer. Nur wenige Minuten später ist Döttingen wieder im Vorwärtsgang. Dann ein Kontakt im Strafraum – ein Döttinger geht unsanft zu Boden. Ich pfeife energisch und zeige sofort zum Penaltypunkt. Ein klares Foulspiel. Während der Kicker aus Turgi die Hände verwirft, jubeln die Döttinger bereits. Dann nimmt der Elfmeterschütze anlauf – und scheitert. Solche Szenen – das ist Emotion, das ist Fussball.

Schiedsrichtern faszinierte mich schon immer. Fussball, besonders die englische Premier League, sind für mich eine grosse Leidenschaft. Als Unparteiischer ist man mitten drin im Geschehen und erlebt Kampf und Emotionen hautnah. Denn: ohne Schiedsrichter – keine Spiele, keine Tore und kein Jubel. Ich liess mich 2015 während der einwöchigen SSV Sportwoche in Arosa zum offiziellen Schiedsrichter für den FC Brugg ausbilden. Der Schweizer Schiedsrichterverband (SSV) führt diese Ausbildung jedes Jahr auch für Neuschiedsrichter durch. Zudem muss vor Saisonbeginn ein Regel- und ein Konditionstest absolviert werden. Nur wer die Tests besteht, ist berechtigt, Spiele zu leiten. Zurzeit pfeife ich die C-Junioren. Der nächste Schritt ist der Sprung in die Liga der B-Junioren. Ich bin erst 20-jährig. Es sind also keine Grenzen gesetzt. Wie weit mich das Schiedsrichtern bringt, steht daher in den Sternen.

Ab in die Winterpause

Die 80 Minuten, so lange dauert ein Spiel auf dieser Stufe, sind oft intensiv und nervenaufreibend. Fussball ist unvorhersehbar. Man muss stets voll konzentriert sein und gleichzeitig den Überblick behalten. Ich muss mich während und oft auch nach dem Spiel nicht nur mit Spielern und Trainern, sondern oft auch mit Zuschauern auseinandersetzen. Das darf nicht verunsichern. So wie Fehlpässe zum Spiel gehören, sind auch Fehlentscheide vonseiten des Schiedsrichters kaum vermeidbar. Bei einer Aktion muss in Sekundenschnelle ein Entscheid getroffen werden. «Foul oder nicht?» «War der Ball draussen? – wenn ja, wer hat Einwurf?»

Ein Eigentor in der letzten Minute setzt den Schlusspunkt. Das Spiel endet mit 10:2 Toren. Die Döttinger lassen sich feiern. Für beide Teams neigt sich die Saison dem Ende zu. Die Winterpause steht bevor und es wird langsam ruhig auf den Aargauer Fussballplätzen.