Wie viele Wohnungen in Koblenz stehen wirklich leer?

Der Gemeinderat bezweifelt, dass der Ort wirklich den kantonsweit höchsten Leerbestand hat. Treuhänder befürchtet Erhebungsfehler.

David Rutschmann
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In Koblenz sollen 10,74 Prozent der Wohnungen leer stehen − Höchstwert im Aargau. So weist es die kantonale Erhebung der Leerwohnungsziffern von Statistik Aargau aus. Eine Zahl, die in der Gemeinde für grosse Augen sorgt. Zwar bewegt sich Koblenz seit Jahren im unteren Bereich dieser Statistik. Aber dass mehr als jede zehnte Wohnung frei ist, mag man dann doch nicht ganz glauben. Nachdem mehrere Medien, auch die AZ, über die Leerwohnungsziffer in Koblenz berichteten, will die Gemeinde nun gemäss einer Mitteilung im Infoblatt selbst über die Bücher gehen.

«Wenn im nationalen Fernsehen berichtet wird, dass in Koblenz jede zehnte Wohnung leer steht, finde ich das bedenklich. Denn die Zahlen können nicht stimmen», sagt Theo Zihlmann. Sein Treuhand-Unternehmen ist seit 40 Jahren in Koblenz angesiedelt. Er verwalte mehr als 100 Wohnungen im Ort − «davon steht genau eine einzige leer», sagt er.

Zihlmann wandte sich mit seinen Zweifeln an den Gemeinderat. Auch andere Immobilien-Eigentümer und Bewohner der Gemeinde hätten Bedenken zum Ausdruck gebracht, erzählt Ammann Andreas Wanzenried (parteilos). «Für uns ist nicht nachvollziehbar, wie die Leerstandsziffer so hoch sein kann. Wir sagen nicht, dass sie falsch ist. Aber wir wollen trotzdem ergebnisoffen überprüfen, wie die Zahl zu Stande kam», so der Ammann.

Statistik Aargau teilt auf Anfrage mit, dass Gemeinden sich häufig mit dem Anliegen melden, dass die Leerwohnungsziffer nicht stimmen könnte. Die Leerwohnungsziffer in Koblenz wird sich gemäss einem Sprecher allerdings auch in der neuen Erhebung, die am 16. No- vember publiziert wird, nicht wesentlich ändern. Bei einem Gesamtbestand von 809 Wohnungen (Stand: 31.12.2019) und 86 gemeldeten leerstehenden Wohnungen (Stand: 1.6.2020) ergebe sich auch in diesem Jahr eine Leerwohnungsziffer von 10,63.

Ruedi Steiner, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Statistik Aargau, weist darauf hin, dass die Leerstandswerte oft «in die Höhe schiessen», wenn Neubau-Siedlungen erschlossen werden. Tatsächlich entstanden in den vergangenen Jahren neue Überbauungen, denn die Bevölkerung in Koblenz wächst leicht. Gleichermassen stieg der Leerwohnungsbestand in der Erhebung von Statistik Aargau 2018 von 23 auf 82 an. Auch Theo Zihlmann berichtet, dass Neubau-Wohnungen aufgrund eines höheren Preissegments öfter einige Zeit leer stehen. Er ist trotzdem überzeugt, dass in Koblenz nicht so viele Wohnungen unbewohnt sind wie derzeit ausgewiesen. Sollte es einen Erhebungsfehler geben, könnte dieser eine andere Ursache haben. Denn die Zahlen, mit denen Statistik Aargau arbeitet, liefern die Gemeinden jährlich selbst.

Fehlbare Register von Liegenschaftsverwaltern

Dabei nutzen sie allerdings unterschiedliche Erhebungs- methoden. Manche greifen auf Zahlen der Elektrizitätsgesellschaften oder Netzanbieter zurück und schliessen durch den Strom- oder Internetverbrauch darauf, welche Wohnungen leer stehen und welche nicht. An- dere nutzen die Register von Liegenschaftsverwaltern als Grundlage − so auch die Einwohnerkontrolle Koblenz. Theo Zihlmann vermutet, dass dort der Fehler liegen könnte. Denn grosse Immobilienberater berufen sich auf ein Programm zur Ermittlung von Leerständen, dessen Ergebnisse seiner Erfahrung nach «schlicht nicht der Realität entsprechen».

Er schlägt ebenfalls vor, den Leerstand in der Gemeinde mittels Stromverbrauch zu schätzen. Und auch Ruedi Steiner von Statistik Aargau räumt ein: «Ich kann mir vorstellen, dass es bei den Erhebungen zu Diskrepanzen kommt, aber das ist schwierig zu ermitteln.» Der Gemeinderat will auf alle Fälle Klarheit schaffen, indem er Kontakt mit den Verwaltern und Besitzern von Wohnraum in Koblenz aufnimmt. Sobald man Genaue- res wisse, werde man dies der Bevölkerung im Infoblatt mit- teilen, sagt Ammann Andreas Wanzenried.