Namenswechsel
Wie viel wäre ein Bahnhof «Niederweningen-Schneisingen» wert?

Wenn Schneisingen den Bahnhof Niederweningen in Niederweningen-Schneisingen umbenennen will, würde das die Gemeinde einen zünftigen Batzen Geld kosten. Der Gemeinderat sieht davon ab. Doch der Zug ist noch nicht abgefahren.

Nadja Rohner
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Hier könnte bald «Niederweningen-Schneisingen» stehen.

Hier könnte bald «Niederweningen-Schneisingen» stehen.

Keystone

Eine halbe Million Pendler frequentieren den Hauptbahnhof Zürich jeden Tag. Die meisten von ihnen blicken auf die grosse blaue Anzeigetafel in der Bahnhofshalle. Dort sehen sie: Die S5 fährt um 16.07 nach Oerlikon–Oberglatt–Niederweningen.

Theoretisch könnte über den Pendlerköpfen künftig «Niederweningen-Schneisingen» stehen. Der Schneisinger Gemeinderat hat nämlich prüfen lassen, ob man den Bahnhof auf der Kantonsgrenze umbenennen könnte.

Damit läge der Bahnhof zwar keinen Millimeter näher am Dorfkern. Als offizielle S-Bahn-Haltestelle aufgeführt zu sein, ist aber ein wichtiger Standortfaktor und hat Einfluss auf alle möglichen Bereiche, bis hin zu den Immobilienpreisen.

Da es sich beim heutigen Bahnhof Niederweningen um einen Endbahnhof handelt, würde das Wort «Schneisingen» sogar in sämtlichen Fahrplänen aufgeführt – kein schlechtes Standortmarketing. Die Umbenennung würde Schneisingen aber eine Stange Geld kosten. Die Gemeinde verzichtet – weshalb?

Drei Prozent der Steuergelder

Auch der Gemeinderat würde es eigentlich gerne sehen, wenn Schneisingen dank der S-Bahn auch im Grossraum Zürich bekannter würde. «Deshalb haben wir ja auch Abklärungen getroffen, ob die Umbenennung möglich wäre», sagt Ammann Adrian Baumgartner.

Das Problem: Dafür braucht es eine Bewilligung von den SBB und vom Bund. «Die Chancen darauf stünden nicht schlecht, eine Garantie gibt es jedoch nicht», sagt Baumgartner.

Aber bevor das Bewilligungsverfahren überhaupt eingeleitet wird, verlangen die Behörden von Schneisingen die Zusage, dass die Gemeinde sämtliche Kosten einer Umbenennung tragen würde – etwa 80 000 bis 100 000 Franken.

Zwar besteht theoretisch die Möglichkeit, dass Bund oder Kanton einen Teil der Kosten übernehmen. Das hinge laut Baumgartner aber von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel darf der Bahnhof nicht zu weit vom Dorfzentrum entfernt liegen.

«Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass sich die öffentliche Hand an den Kosten beteiligen würde», erklärt der Ammann. «Natürlich hätten wir gerne offiziell eine S-Bahn-Haltestelle für Schneisingen. Aber die Kosten würden rund zwei bis drei Prozent der Steuereinnahmen ausmachen. Der Gemeinderat musste abwägen und hat entschieden, dass der Marketingnutzen dafür nicht hoch genug ist. Wir haben schliesslich noch andere Standortvorteile, wie zum Beispiel unsere wunderschöne Wohnlage, die Nähe zum öV, die Dorfinfrastruktur und die Nähe zu den Zentren Baden und Zürich.»

Hinzu komme, dass Schneisingen ohnehin in den letzten Jahren rote Zahlen geschrieben habe und dies wohl auch 2015 tun werde – obwohl die Wintergmeind 2014 den Steuerfuss um drei Prozentpunkte auf 115 Prozent angehoben hat.

Die erwartete Überbauung im Mitteldorf, die rund 200 neue Einwohner bringen soll, befindet sich noch im Baubewilligungsverfahren. Das Steuersubstrat liegt unter dem Kantonsdurchschnitt, die Finanzkommission ruft zum Sparen auf.

«Auch vor diesem Hintergrund denke ich, dass bei den Schneisingern nicht gut ankommen würde, wenn wir so viel Geld für eine Umbenennung des Bahnhofs ausgäben», sagt der Ammann.

Thema vom Tisch?

Hat Schneisingen hier eine Chance verpasst? Ganz so explizit will es Peter Andres nicht formulieren. Der Geschäftsführer des Wirtschaftsforums Zurzibiet, das für das Standortmarketing der Region zuständig ist, sagt jedoch: «Ich kann die Argumente des Gemeinderates Schneisingen verstehen. Es ist trotzdem schade, dass es offenbar aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, die Chance zu nutzen, Schneisingen einem breiten Publikum ins Bewusstsein zu bringen.»

Man habe 2006 in Zurzach mit viel Aufwand erreichen können, dass der Ortsname mit «Bad» ergänzt wird. «Wir sind überzeugt, dass sich dieser Schritt bezüglich Standortmarketing gelohnt hat. Vielleicht kommen die Schneisinger nochmals auf den Entscheid zurück. Das schöne Dorf hätte es verdient», so Andres weiter.

«Ausserdem ist Schneisingen eine Eintrittspforte ins Zurzibiet. Wäre das Dorf bekannter, würde dies der ganzen Region zu Gute kommen.»

Der Gemeinderat hat die Vorabklärungen für eine Namensänderung gemacht, ohne das Volk dazu zu befragen. Sollte ein Stimmbürger an der Gmeind einen entsprechenden Antrag stellen, würde man das Thema selbstverständlich noch einmal aufnehmen und allenfalls darüber abstimmen lassen, sagt Ammann Baumgartner.

Lesen Sie den Kommentar zum Thema hier.

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