Ökostrom
Wie aus einem Dorf die grosse Energiestadt im Zurzibiet wird

Gut für das Image und auch für das Portemonnaie: Vier Gemeinden fördern zusammen Ökostrom und Energieeffizienz.

Stefanie Garcia Lainez
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Die Photovoltaikanlage auf dem Oberstufenzentrum gehört zu den Vorzeigeprojekten der Energiestadt Bad Zurzach.

Die Photovoltaikanlage auf dem Oberstufenzentrum gehört zu den Vorzeigeprojekten der Energiestadt Bad Zurzach.

zvg/Urs Ammann

Knapp ein Drittel der Zurzibieter leben in einer Stadt. Nicht in einer richtigen Stadt, sondern in einer Energiestadt. In einer Gemeinde also, die sich für eine effiziente Energiepolitik einsetzt, den öffentlichen Verkehr und erneuerbare Energien wie Solarwärme oder Wasserkraft fördert.

Die erste Gemeinde im Bezirk Zurzach, die 2004 offiziell mit dem Label ausgezeichnet wurde, war Lengnau. Unterdessen dürfen sich auch Bad Zurzach, Döttingen und Schneisingen Energiestadt nennen. Heute stellen diese Gemeinden gemeinsam am Zurzibieter «Energyday» vor, wie Wasserkraftwerke erneuerbaren Strom produzieren. Doch wie wird eine Gemeinde überhaupt zur Energiestadt?

In Lengnau war es der Wärmeverbund, der den Anstoss lieferte, wie Gemeinderat Marcel Elsässer erklärt. Seit 1996 werden Holzschnitzel in einer grossen Heizung im Schulhaus Rietwiese verbrannt. Über Warmwasserleitungen werden so bis zum Dorfzentrum über 20 Liegenschaften geheizt, darunter sämtliche Gemeindeliegenschaften.

Seither war für Lengnau klar: «Wir wollen noch nachhaltiger sein, mehr Energie und somit Kosten sparen», sagt Elsässer. Mit dem Label gehe dies viel einfacher und koordinierter. Dabei geben Leitlinien einen bestimmten Rahmen vor. «Dank des Labels müssen wir nicht alles mühsam selber erarbeiten.» Zudem unterstützt eine Energie-Beraterin die Gemeinde, erstellt einen Massnahmenkatalog und prüft, was überhaupt umsetzbar ist.

Tankstelle für Elektrofahrzeuge

Mit dem Label wollen die Gemeinden auch ihren Beitrag zur Energiestrategie 2050 des Bundes leisten, nach welcher der Atomstrom durch erneuerbare Energien ersetzt werden soll. Remo Böhler, der in Bad Zurzach mitverantwortlich ist für die Zertifizierung, erklärt: «Erst die effiziente Energie-Nutzung und Senkung des Energieverbrauchs macht es möglich, dass ein wesentlicher Anteil des schweizerischen Energieverbrauchs durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann.»

Zu den Vorzeigeprojekten des «Energiestadt»-Labels in Bad Zurzach, Lengnau und Schneisingen zählt der Wärmeverbund. Er liefert den Gemeindeliegenschaften nicht nur 100 Prozent nachhaltige Wärme, sondern schafft auch Arbeitsplätze im ortseigenen Wald, wo die Holzschnitzel herkommen.

Alle Gemeinden beziehen für ihre eigenen Liegenschaften 100 Prozent Ökostrom. Zudem setzen sie vermehrt auf Minergie: Alle öffentlichen Gebäude in Lengnau müssen mindestens den Minergiestandard erfüllen. Zudem müssen Privatpersonen, die von der Gemeinde Bauland kaufen, im Minergie-Standard bauen.

Auch die Erweiterung der Schulanlage Aemmert in Schneisingen wurde nach diesem Standard gebaut. Und auf dem Turnhallendach in Schneisingen und dem Oberstufenzentrum in Bad Zurzach wandeln Photovoltaikanlagen Sonnenlicht in Strom um. Zudem haben Bad Zurzach und Döttingen in ihrer Gemeinde Tempo 30 eingeführt. Dies erhöht nicht nur die Sicherheit, sondern senkt auch den CO2-Ausstoss.

Wie viel die Gemeinden effektiv einsparen, können sie nicht angeben. «Das energiepolitische Programm, das der Gemeinderat abgesegnet hat, beinhaltet viele verschiedene Aktivitäten und Massnahmen», sagt Remo Böhler. «Deshalb ist es schwierig, das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu beziffern.»

Mit den bereits umgesetzten Projekten ist es aber noch nicht getan: Bad Zurzach möchte bald eine Tankstelle für Elektrofahrzeuge bauen. Ein noch grösseres Projekt hat Lengnau im Visier: Die Gemeinde gibt das «Energiestadt»-Label wieder zurück – und soll dafür im Februar 2017 gemeinsam mit Endingen und Tegerfelden zur «Energiestadt Surbtal» werden. «Durch die Perspektive Surbtal arbeiten wir schon eng mit Endingen und Tegerfelden zusammen», sagt Gemeinderat Marcel Elsässer.

«So haben wir bereits die sozialen Dienste, die Bauverwaltung oder die Steuerverwaltung zusammengelegt.» Deshalb liege es nahe, auch im Energiebereich zusammenzuarbeiten. «So können wir die Synergien nutzen und uns die Kosten für den Mitgliederbeitrag und die Zertifizierung teilen», so Elsässer. «Zudem profitieren Endingen und Tegerfelden von unserer zwölfjährigen Erfahrung mit dem Label.»

Label «Energiestadt»: So funktioniert’s

Energie und Kosten sparen, Image aufpolieren, Selbstversorgung steigern oder Arbeitsplätze schaffen – mit dem Label Energiestadt kann eine Gemeinde auf verschiedene Weise profitieren.

Der Weg zum Label führt über einen Energieberater, der gemeinsam mit der Gemeinde zuerst eine Standortbestimmung erstellt: Wo fördert die Gemeinde bereits erneuerbare Energien und den öffentlichen Verkehr; wo nutzt die Gemeinde Energie effizient; und wo besteht noch Potenzial. Anschliessend legen sie fest, welche Massnahmen umgesetzt werden.

Dieser Plan wird auf die nächsten vier Jahre ausgelegt. Hat die Gemeinde über 50 Prozent dieser Massnahmen umgesetzt, kann sie eine Zertifizierung beantragen. Jedes Jahr trifft sich der Energieberater mit der Gemeinde. Alle vier Jahre wird entschieden, ob sich die Gemeinde weiterhin Energiestadt nennen darf. Rund 400 Gemeinden haben seit 1991 das Label Energiestadt erhalten.

4,5 Millionen Schweizer und Schweizerinnen leben in einer Energiestadt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Jedes Jahr sparen die Energiestädte gemeinsam zirka 120 000 Tonnen CO2 und 305 Gigawattstunden Strom. Im Vergleich: Das Kernkraftwerk Leibstadt produziert jährlich rund 9600 Gigawattstunden Strom.

Damit setzen die Energiestädte auf der Ebene der Gemeinden bereits um, was die Energiestrategie 2050 des Bundes vorsieht. Zudem sensibilisieren die Energiestädte ihre Bewohner und die Wirtschaft für eine effiziente Energienutzung. Energiestadt ist Teil des Bundesprogramms EnergieSchweiz. Inhaber des Labels ist der Trägerverein Energiestadt, dem über 600 Gemeinden und Regionen angehören. (sga)