Marketing-Lehrstück
Wie aus dem heimatlosen Papa Moll ein Zurzacher wurde

Die Comic-Figur entstand in Baden. Dort zeigte man kein Interesse. Zum Glück für Bad Zurzach. Doch auch dort dauerte es seine Zeit,

Andreas Fretz
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Medial im Rampenlicht: Neben Papa Moll (Stefan Kurt) geniesst auch Bad Zurzach viel Publizität. Ennio Leanza/Keystone

Medial im Rampenlicht: Neben Papa Moll (Stefan Kurt) geniesst auch Bad Zurzach viel Publizität. Ennio Leanza/Keystone

Ennio Leanza/Keystone

Heidi wohnt ob Maienfeld, Schellen-Ursli kommt aus Guarda. Aber wo ist eigentlich Papa Moll zu Hause? Diese Woche weilten 19 Journalisten aus der halben Schweiz in Bad Zurzach. Sie waren zum Dreh des neuen Papa-Moll-Films eingeladen.

Für sie war klar: Papa Moll ist ein Aargauer und seine Heimat ist Bad Zurzach. Diese Botschaft wurde anschliessend im Blätterwald und den digitalen Medien verbreitet. Perfekte (Gratis-)Werbung für den Kurort, der sich zudem über 1600 Logiernächte der Filmcrew freuen darf.

Doch wo steht eigentlich geschrieben, dass der tollpatschige Familienvater aus Bad Zurzach kommt? In den bisherigen 28 Bändern der Comicfigur findet sich kein Wohnort. Und im Film, der im Dezember 2017 in die Kinos kommt, wohnen die Molls im fiktiven Murmlikon.

Einzig in Band 25, erschienen im Jahr 2012 (also satte 60 Jahre nach Molls Premiere), findet sich ein Bezug zum Bezirkshauptort. Die Geschichte spielt in und um Bad Zurzach. «Papa Moll geht baden», heisst das Buch. Auf dem Titelbild sieht man Familie Moll im Thermalbad, im Hintergrund das Turmhotel.

Doch ein Buch zuvor ist Papa Moll im Verkehrshaus in Luzern. Warum ist Moll kein Luzerner? Oder ein Badener? Seine Schöpferin, Edith Oppenheim-Jonas (1907–2001), lebte von 1914 bis zu ihrem Tod in Baden. Sie erhielt den Duttweiler-Orden der Stadt, war Mitgründerin des Tennisclubs, des Damen-Ski-Clubs und des örtlichen Verbands berufstätiger Frauen. Sie gestaltete die Badener Fasnachtszeitung, die Fasnachtsplakette und die Fasnachtsdekoration im Kursaal.

Edith Oppenheim-Jonas, die Erschafferin von Papa Moll

Edith Oppenheim-Jonas, die Erschafferin von Papa Moll

zvg

Zu ihrem 100. Geburtstag fand im Historischen Museum Baden eine Ausstellung über sie und Papa Moll statt. «Die bisher beste Ausstellung zu diesem Thema», sagt Roy Oppenheim, ihr Sohn und heutiger Rechteinhaber von Papa Moll. Also nochmal: Wieso ist Papa Moll kein Badener? «Das müssen sie die Badener fragen», antwortet Oppenheim, verweist darauf, dass es in der Stadt sogar ein Kindermuseum gibt und fügt an: «Irgendwie hat es sich nie ergeben.»

Edith Oppenheim-Jonas war eine Powerfrau mit zahlreichen Facetten.

Edith Oppenheim-Jonas war eine Powerfrau mit zahlreichen Facetten.

zvg

Also adoptierten die Bad Zurzacher den Heimatlosen. Es ist eine Geschichte, ja ein Lehrstück, über geschicktes Marketing. «Es war im Jahr 2006 oder 2007», erinnert sich Oppenheim. Damals kam der heutige Gemeindeammann und Gastronomiefachplaner Reto S. Fuchs auf ihn zu. «‹Es wäre super, Papa Moll für Bad Zurzach zu gewinnen›, sagte er», so Oppenheim. Doch die Mühlen mahlten langsam, auch wenn Fuchs das Thema immer wieder ansprach.

Zu sagen ist: Auch Oppenheim ist ein Zurzibieter. Der ehemalige Kulturchef von SF DRS wohnt in Lengnau, ist in der Region bestens vernetzt und sass und sitzt in zahlreichen Kommissionen.

Vertrag läuft bis 2021

Entscheidend ist das Jahr 2010. Damals wurde Peter Schläpfer neuer Geschäftsführer der Bad Zurzach Tourismus AG. Als Oppenheim Schläpfers Mitarbeiter schulte, kam man ins Gespräch. «Schläpfer war sofort Feuer und Flamme für die Idee», sagt Oppenheim. Schläpfer, der zuvor für Appenzellerland Sport gearbeitet hat, sagt: «Globi war schon vergeben, eine neue Figur aufbauen ist sehr schwierig. Papa Moll mit seinem Bekanntheitsgrad bei Jung und Alt war für uns ideal.» Schläpfer betont aber, dass es neben den Befürwortern auch Skeptiker gab.

Doch mit Dominik Keller fing eine weitere Person Feuer. Der Geschäftsführer des Thermalbads realisierte 2011 das Papa-Moll-Land, ein Kinderplanschbecken mit der Papa-Moll-Familie. «Das war der Durchbruch», sagt Roy Oppenheim, «ein Erfolg.» Papa Moll war definitiv in Bad Zurzach angekommen.

Damit das ging, wurde zwischen den Rechteinhabern, also Roy Oppenheim und seiner Frau Rachela, dem Verlag Orell Füssli und der Bad Zurzach Tourismus AG ein Rahmenvertrag ausgehandelt. Dieser dauert jeweils fünf Jahre mit Option auf Verlängerung. Der aktuelle Vertrag läuft bis 2021.

Er sichert Bad Zurzach eine gewisse Exklusivität bei der Vermarktung von Papa Moll, ist aber auch mit Pflichten verbunden. So müssen die Papa-Moll-Produkte – es folgten eine Museums-Ecke im Thermalbad, die Papa-Moll-Minigolf-Anlage oder die Papa-Moll-Hotelzimmer – gewisse Qualitätsstandards erfüllen. Quasi als Gegenleistung spielt Band 25 in Bad Zurzach. Auch grosse Teile des Kinofilms werden in Bad Zurzach gedreht: im Thermalbad, auf der Barz und in der Liegenschaft Gottfried Keller.

Cover von Band 25: "Papa Moll geht baden" - im Thermalbad Zurzach

Cover von Band 25: "Papa Moll geht baden" - im Thermalbad Zurzach

HO/Orell Füssli Verlag

Heidi und Schellen-Ursli sei Dank

Betrachtet man den gegenwärtigen Rummel um die Papa-Moll-Verfilmung, darf man attestieren: Die Bad Zurzacher haben marketingtechnisch ein gutes Näschen bewiesen. «Gewisses kann man beeinflussen, anderes nicht», sagt Peter Schläpfer. «Dass mit Heidi und Schellen-Ursli ein Hype um die Verfilmung alter Kinderbücher entstanden ist, konnte niemand vorhersehen.»

Die grösste Schweizer Filmproduktion des Jahres: Papa Moll. (23.08.2016)
18 Bilder
Die grösste Schweizer Filmproduktion des Jahres: Papa Moll.
Das Barz-Areal in Bad Zurzach: In der Heimat der Comicfigur Papa Moll wird der Kinofilm hauptsächlich gedreht.
Impressionen vom Dreh beim Zirkus in Bad Zurzach.
Impressionen vom Dreh beim Zirkus in Bad Zurzach.
Impressionen vom Dreh beim Zirkus in Bad Zurzach.
Impressionen vom Dreh beim Zirkus in Bad Zurzach.
Impressionen vom Dreh beim Zirkus in Bad Zurzach.
Impressionen vom Dreh beim Zirkus in Bad Zurzach.
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach
Papa Moll-Film: Impressionen vom Dreh in Bad Zurzach

Die grösste Schweizer Filmproduktion des Jahres: Papa Moll. (23.08.2016)

Pascal Mora

Auf dieser Welle reitet nun auch Bad Zurzach. Zwar ist das Engagement mit Investitionen verbunden: Die Gemeinde und die Tourismus AG unterstützen den 5,5-Millionen-Franken-Film finanziell mit einem namhaften Betrag. Doch die Randregion darf sich noch eine Weile über die neu gewonnene Publizität freuen. Bis zum Kinostart im Dezember 2017 werden viele Zeilen über Papa Moll geschrieben.

«Dann kommt der Film in die Kinos, sechs Monate später erscheint die DVD, zwei Jahre danach läuft der Film auf den Bezahlsendern und dann im öffentlichen TV», freut sich Reto Schläpfer. «Papa Moll ist ein Bad Zurzacher, zum Glück.»