Der Blick ins Zurzibiet
Weniger Lebensraum für Zurzachs dunkle Riesen

Die gebürtige Bad Zurzacherin Ursula Hürzeler ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie moderierte das «Echo der Zeit» und «10 vor 10». Hürzeler lebt heute in Bern.

Ursula Hürzeler
Merken
Drucken
Teilen
Ursula Hürzeler

Ursula Hürzeler

Alex Spichale

Vor sechs Jahren haben meine Geschwister und ich unser Elternhaus in Bad Zurzach verkauft. Ein Vernunftsentscheid, denn mittlerweile wohnen wir fünf alle anderswo. Wieso also ein Haus behalten, das man dann doch nur zeitweilig nutzt? Eben. Nur: der Mensch ist halt keine reine Kopf-Geburt. Und so überkommt mich manchmal leise Wehmut. Dann klicke ich im fernen Bern auf irgendein Home- oder Immo-Portal und kucke nach Wohnungen. Lange war das ein kurzer Spass. Aber jetzt wird im Flecken plötzlich wie wild gebaut. Mit dem «Blick auf den Rhein» wird da für die Neubauprojekte geworben oder mit dem auf die «Salinen». Kommt mir ziemlich vertraut vor.

Denn mit den Bohrtürmen bin ich quasi aufgewachsen. Unsere Familie war weitgehend selbstversorgend mit etlichen «Pflanzblätzen», und so hatten wir auch einen Garten drunten in der Barz. Endlos lange schien mir als Kind jeweils der Weg vom Oberflecken her dorthin. Überhaupt war jenes Stück viel langweiliger als etwa der Garten oberhalb des damals noch kleinen Thermalbads, wo es Wassertonnen voller Kaulquappen gab und der Nachbar einen Teich mit Enten und Gänsen hielt. In der Barz waren Ablenkungen dagegen dünn gesät – viel Wiese und sonst nur Kartoffeln und Mais. Die dunklen Holzriesen dazwischen gehörten einfach dazu, sonderlich spannend fand ich sie nicht.

Sie hatten etwas mit der «Sodi» zu tun, klar, und dem Thermalwasser auch, aber dass die Bohrtürme damals noch in Betrieb waren und erst 1970 stillgelegt wurden, das bekam ich als Kind nicht mit. Das weiss ich erst, seit ich viel später im Museumsturm durch die Gucklöcher ins Innere geschaut und das auf den Infotafeln nachgelesen habe. Und natürlich konnte auch ich der Versuchung nicht widerstehen und habe per Knopfdruck die Pumpe in Bewegung gesetzt, die während Jahrzehnten Tag und Nacht jene Salzsole aus dem Boden geholt hat, die dann in der Sodafabrik weiterverarbeitet wurde.

Lang ist’s her. Heute sind die 17 Meter hohen Bohrtürme nur noch markante Zeugen der Zurzacher Industriegeschichte. Kurgäste machen sie neugierig, für die Einheimischen gehören sie einfach zum erweiterten Ortsbild. Dass sie etwas abgelegen im Feld stehen, ist mittlerweile ein Vorteil. In der Barz, im umgebauten Bohrturm des Turnvereins, lässt sich vorzüglich und vor allem auch laut feiern, ohne dass es gross stört. Bisher. Doch das könnte sich ändern, falls sich die Wohnblöcke in den nächsten Jahren immer näher zum Rhein hin und an die sechs verbliebenen Türme heranschieben.

Apropos gefährdet: Der Salzabbau sorgte im letzten Jahrhundert zwar für Arbeitsplätze, er hatte aber auch seinen Preis. Daran erinnern sich vor allem die Rietheimer. Sie mussten zusehen, wie sich wegen einer unterirdischen Höhle mancherorts der Boden metertief absenkte. Ein Albtraum. In der Folge wurden mehrere Häuser abgebrochen. Seit dem Stopp des Salzabbaus hat sich die Erde zwar beruhigt, ganz gebannt ist die Gefahr jedoch nicht.

Aber reden wir lieber vom Segen der Salzbohrung. Sie führte nämlich 1914 zur ersten Entdeckung des Zurzacher Thermalwassers. So gesehen macht es durchaus Sinn, dass heute eine Miniausgabe eines Bohrturms im Thermalbad steht und den Gästen als Sauna dient.

Bleibt eines nachzutragen: Noch immer gibt es Familiengärten in der Barz. Sie sind allerdings üppiger als zu meiner Kinderzeit. Kleine private Event-Oasen, oft mit Grillplätzen, überdacht und, nach dem Stimmengewirr zu schliessen, ziemlich international. Langweilig war es dort unten offenbar nur früher.