Leuggern
«Wendy»: 120-jährig und noch gut auf den Beinen

Das wahrscheinlich älteste Pferd der Schweiz lebt im Dorfteil Hagenfirst. «Wendy», wie das Pony genannt wird, hat mit ihren 46 Jahren schon viel erlebt, einige Krankheiten durchgestanden und zahlreichen Kindern als Reitpferd gedient.

Selina Mosimann
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«Wendy» und ihre Besitzerin Corinne Kählin auf dem Valurhof im Leuggemer Ortsteil Hagenfirst.

«Wendy» und ihre Besitzerin Corinne Kählin auf dem Valurhof im Leuggemer Ortsteil Hagenfirst.

Angelo Zambelli

Es grenzt schon fast an ein Wunder: Auf dem Valurhof im Leuggemer Ortsteil Hagenfirst steht das vermutlich älteste Pferd der Schweiz. Warum dieses Pferd noch immer lebendig ist, kann sich niemand erklären.

Regelmässig stellt sich die alte Dame den Autos in den Weg, welche die Einfahrt zum Valurhof passieren möchten. Das Hupen quittiert sie mit einem müden Blick. In Zeitlupentempo räumt sie schliesslich das Feld. Aber nur gerade so weit, dass das Auto knapp vorbeikommt. Auf dem Valurhof haben alle Verständnis für «Wendys» Verhalten. Sie gehört zum Inventar und läuft frei herum. Sie ist so etwas wie eine Majestät auf dem Hof. Normalerweise werden Pferde zwischen 25 und 30 Jahre alt. Wendys 46 Jahre entsprechen umgerechnet mehr als 120 Menschenjahren.

Mit 51 Jahren eingeschläfert: das älteste Pferd der Welt

Am 22. Februar 2013 starb das damals älteste Pferd der Welt in Grossbritannien. Der Irish-Draught Horse-Vollblut-Mix «Shayne» musste mit 51 Jahren eingeschläfert werden, nachdem er nicht mehr aufstehen konnte. Der Fuchswallach hatte im britischen Ort Brentwood (Essex) auf einem Gnadenhof gelebt. Abgesehen von leichter Arthrose war er bis zu seinem Tod fit und gesund. Sein Futter bestand aus Zuckerrüben, mit Häcksel vermischten Luzernepellets und etwas Kohl. Luzernepellets sind heissluftgetrocknete, zu Ballen gepresste Futterpflanzen. Shaynes Körper wurde in einem Tierkrematorium eingeäschert, (AZ)

Als Therapiepferd im Kuhstall

«Wendys» grösster Fan ist ihre Besitzerin Corinne Kählin. Ihr gehört auch der Valurhof, auf dem 36 Ponys stehen – mehrheitlich Isländer. Die Ponys sorgen bei den Kindern für Abwechslung vom Schulalltag. Inmitten des allgemeinen Trubels steht «Wendy» und scheint in ihrer eigenen Welt zu leben. «Als ich noch klein war und in Fislisbach wohnte, habe ich auf ihr reiten gelernt. Sie gehörte einem Bauern in Fislisbach, der von allen nur «Juli Otti» genannt wurde», erzählt Corinne Kählin. Er hatte Wendy, die Seite an Seite mit den Kühen lebte, als Therapiepferd für seine körperlich und geistig behinderte Tochter gekauft. 1998 schenkte ihr «Juli Otti» das schon damals pensionierte Welsh-Pony.

Lunge wie ein Kettenraucher

«Wendys Lunge ist vergleichbar mit der eines Kettenrauchers», sagt Corinne Kählin. Deshalb sei es – abgesehen von ihrem Alter – höchst erstaunlich, dass sie praktisch keine Altersschwäche zeige. Selbst der Tierarzt staune jedes Mal, wenn er sieht, wie sich «Wendy» auf dem Hof bewegt. In Sachen Ernährung ist sie sehr anspruchsvoll. Wegen der alten Zähne und den schwachen Kiefermuskeln kann «Wendy» nur noch Brei fressen und selbst da ist sie sehr wählerisch. «Es war ein langes Probieren und Herausfinden, bis ich das richtige Rezept fand», sagt Corinne Kählin.

Am liebsten steht das kleine Welsh-Pony neben der doppelt so grossen Friesenlady «Amber». Offensichtlich hat die Grössere der beiden die Kleinere ins Herz geschlossen und ihr gegenüber einen Beschützerinstinkt entwickelt. Auf Spaziergängen wartet «Amber» geduldig auf «Wendy» und passt auf, dass sie nicht verloren geht. «Ich glaube, ‹Wendy› fühlt sich ein bisschen wie die Königin auf dem Hof», lacht Corinne Kählin und wirft ihrem Pony einen liebevollen Blick zu. «Für viele mag es unverständlich sein, dass ich ‹Wendy› noch immer hege und pflege. Aber Einschläfern kommt für mich nicht infrage. Ich hänge sehr an ihr.»