Bad Zurzach
Weltumrunder Carlo Schmid: Heute weggeflogen, gestern angekommen

Nach einem mehrtägigen Zwangsaufenthalt in Anadyr in Russland hat der 22-jährige Carlo Schmid aus Bad Zurzach seinen Versuch fortgesetzt, die Welt als jüngster Pilot in 80 Tagen im Alleinflug zu umrunden. Nun fehlt ihm das Internet.

Angelo Zambelli
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Carlo Schmid wird am 29. September von seinem Weltrekordversuch in Dübendorf zurück erwartet

Carlo Schmid wird am 29. September von seinem Weltrekordversuch in Dübendorf zurück erwartet

Der letzte Eintrag auf seiner Homepage datiert vom Montag, 20. August. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich auf dem Flug von Vancouver an der kanadisch-amerikanischen Grenze nach Boise, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Idaho. Damit hat der junge Pilot aus dem Zurzibiet etwas mehr als die Hälfte der Strecke geschafft.

Kein Internet

In Anadyr am Polarkreis musste Schmid wegen der fehlenden Landeerlaubnis für Nome in Alaska/USA einen mehrtägigen Zwangshalt einschalten. Damit nicht genug: Es war auch keine Internet-Verbindung herzustellen. «Warum gerade hier in diesem kühlen, unbehaglichen russischen Hinterland?», fragt Carlo Schmid in seinem Internet-Tagebuch. «Warum nicht in der Metropole Osaka im bequemen Hyatt?»

Dass das russische Hinterland internetlos ist, aber von netten und interessanten Menschen bewohnt wird, erfuhr Schmid am zweiten Tag seiner Zwangspause: Auf einem Ausflug begegnete er Schneepanzerfahrer Igor, mit dem er sich per Handzeichen und mit Skizzen auf dem Kiesboden verständigte. Carlo fragte Igor, ob er einen Tag lang für ihn arbeiten könne, um sich das Essen zu verdienen. Am folgenden Tag fuhren die beiden zum Hafen, luden Metallteile auf und transportierten sie zu einem Sammellager. «Für ein paar Stunden gehörte ich zum Leben in dieser Stadt», bemerkt Schmid in seinem Tagebuch. Als Lohn für seine Arbeit erhielt er einen riesigen Teller Spaghetti mit Tomatensauce.

Dann endlich hatte die Warterei ein Ende: Schmid erhielt einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass die Landeerlaubnis für Nome erteilt sei.

«Ich kann es kaum erwarten»

Verständlich, dass der junge Schweizer Pilot glücklich war, wieder ins Cockpit sitzen zu dürfen. Erwartungsfroh notierte er im Tagebuch: «Ich kann es kaum erwarten. Heute fliege ich nach gestern. Zwischen Anadyr und Nome liegt die Zeitgrenze. Wenn ich in Anadyr um 11 Uhr morgens abfliege, komme ich am Donnerstag um 17.30 Uhr in Nome an.»

Der Überflug von Russland nach Alaska erwies sich als sehr anspruchsvoll. Das Nordpolarmeer, das Beringmeer und der Pazifische Ozean treffen aufeinander und entwickeln extreme Höhenwinde, die auch Linienpiloten zu schaffen machen. Die Folge: viel Eis an den Flügelkanten, die mit einem Gummi – sogenannten Boots – weggesprengt werden können.

Je mehr sich Schmid der Küste von Alaska näherte, desto mehr verbesserte sich das Wetter. In Nome wurde der Weltrekordflieger, wie praktisch überall, von Flugzeugbegeisterten bestürmt und über sein Projekt befragt – und auch das Internet funktionierte wieder einwandfrei.

Von Nome nach Anchorage

Auf dem Flughafen Anchorage erlebte Schmid eine Geschichte, die ihn auch im Nachhinein noch staunen lässt: «Beim Rollen von der Piste zum zugewiesenen Parkfeld musste ich eine befahrene Autostrasse überqueren. Eine Autostrasse mit einer Schranke! Und ich war der Zug! Ich rollte über eine Signallinie und diese bewirkte, dass sich die Schranken schlossen. Nun rollte ich an einem Track und an einem Familienauto vorbei. Ich weiss nicht, wer sich mehr wunderte: Ich, der noch nie mit einer Cessna eine normal befahrene Strasse überquert hat, oder die Insassen der Autos, die ein ungewöhnliches Flugzeug mit unzähligen Namen am Rumpf und schönen Aufklebern vorbeifahren sahen.»