Corona-Pandemie
Weltreise wird zum Albtraum: Aargauer Ammann erlebt eine wochenlange Odyssee auf Kreuzfahrtschiff

Es sollte die Erfüllung eines Lebenstraums werden. Stattdessen irrte die «MSC Magnifica» mit Reto Merkli aus Tegerfelden an Bord wegen der Coronapandemie wochenlang über die Weltmeere. Jetzt ist er zurück und gibt sein Polit-Comeback als Gemeindeammann.

Daniel Weissenbrunner
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Reto Merkli an Deck der MSC Magnifica
7 Bilder
Die MSC Magnifica vor Fremantle an der australischen Westküste unter polizeilichen Geleitschutz. Der Premierminister drohte sogar mit Militär.
Die MSC Magnifica in voller Grösse.
Die Zeit auf See schweisste die Reiseteilnehmer zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. In der Mitte Reto Merkli mit seiner Partnerin Helene Burger.
An Bord gab es keine positiven Coronafälle. Die gängigen Schutzmassnahmen wie Maskenpflicht wurden von den Passagieren dennoch befolgt.
Unerwünscht: In Fremantle demonstrierten die Menschen gegen einen Halt der «Magnifica». Die Bilder gingen um die Welt.
Die MSC Magnifica.

Reto Merkli an Deck der MSC Magnifica

zvg

So hat sich Reto Merkli seine Rückkehr in den politischen Alltag in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Am Montag nahm er erstmals an einer Sitzung mit seinen Gemeinderatskolleginnen und -kollegen teil. Nicht im Gemeindehaus, sondern zu Hause via Skype. «Social Distancing muss ich erst noch lernen», sagt Merkli. Aus gutem Grund: Der 68-Jährige erlebte die Coronapandemie bis vor wenigen Tagen nur aus der Ferne mit. Dort, wo er sich aufgehalten hatte, waren Restaurants, Bars und Theater noch in Betrieb.

Reto Merkli war im Februar bei den Ersatzwahlen in Abwesenheit zum neuen Gemeindeoberhaupt gewählt worden. Es ist nach 1988 bis 1998 seine zweite Amtszeit als Ammann in Tegerfelden. Zu diesem Zeitpunkt weilte er schon in Chile. Er befand sich an Bord des letzten Kreuzfahrtschiffs, das bis vergangene Woche weltweit noch unterwegs gewesen war.

Merkli erfüllte sich mit seiner Partnerin Helene Burger einen Traum. Mit über 1700 weiteren Passagieren stach er Anfang Januar in Genua an Bord des Kreuzfahrtschiffes «MSC Magnifica» in See. In knapp vier Monaten sollte der Luxusliner die Welt umrunden. Mit Traumdestinationen in Südamerika, der Südsee, Australien, Neuseeland und Asien. Doch je länger die Reise dauerte, desto mehr wurde sie zum Albtraum. «Es war am Schluss wirklich ein Odyssee», sagt Merkli.

Letzten Montag legte die «MSC Magnifica» endlich im Hafen von Marseille an – nach sechs Wochen ununterbrochen auf den Meeren. «The last cruise ship on earth is finally coming home», titelte die BBC in einem Beitrag die Ankunft.

Wochenlange Irrfahrt entlang der australischen Küste

Als die «Magnifica» am 5. Januar ablegte, war die Welt noch eine andere. Die unbekannte Lungenentzündung hatte noch nicht wirklich einen Namen. Niemand sei gestorben, erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO damals, und nur wenige Menschen seien infiziert – alle in Wuhan.

Als das Schiff am 19. Januar in Brasilien anlegte, hatte das Virus China inzwischen verlassen. «Wir haben die Entwicklung in den Nachrichten natürlich mitbekommen, aber beunruhigt waren wir deswegen nicht», sagt Reto Merkli. Das sollte sich bald ändern: Als sich die «Magnifica» am 14. März Tasmanien näherte, hatte das Coronavirus das Kreuzfahrtschiff eingeholt. «Nicht an Bord, hier hatte sich niemand angesteckt. Aber immer mehr Häfen schlossen ihre Tore.»

msc magnifica/chmedia; Grafik: lsi

Letztmals an Land gingen die Passagiere in Neuseelands Hauptstadt Wellington. Danach verschärfte sich die Lage zusehends. In Sydney erklärte Kapitän Roberto Leotta die Kreuzfahrt aufgrund der prekären Lage offiziell für beendet. Hunderte Passagiere gingen von Bord und flogen heim. Die anderen blieben, ohne zu wissen, was noch auf sie zukommen würde. Reto Merkli und seine Partnerin gehörten zu ihnen. «Für uns war es im Nachhinein der richtige Entscheid. Zu Hause wäre es uns nicht besser gegangen.» Merkli zählt mit seinen 68 Jahren zur Corona-Risikogruppe. Und: Die übrig gebliebenen Menschen auf der «Magnifica» seien zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen.

"Das letzte Kreuzfahrtschiff kehrt heim" – ein Youtuber und Passagier schildert seine Eindrücke auf Englisch:

Merkli ist ein weit gereister Kosmopolit. Ihn bringt nichts so schnell aus der Ruhe. Als Maître de Cabine bei der Swissair hat er manch ungeplante Zwischenfälle erlebt. «Diese Erfahrungen haben mir in den letzten Wochen sicher geholfen.» Was ihm in den letzten zwei Monaten widerfahren ist, war aber auch für ihn ein noch nie da gewesenes Erlebnis. «In solchen Zeiten schreibt das Leben halt aussergewöhnliche Geschichten.»

Premierminister drohte in Fremantle mit Militär

Wochenlang irrte das Schiff rund um Australien. In Fremantle, dem Hafen vor Perth, legte die «Magnifica» am 24.März zum Beladen von Proviant und Auffüllen von Treibstoff einen technischen Stopp ein. Das Schiff sei von der Polizei wie ein feindliches Kriegsschiff bewacht worden, sagt Reto Merkli. Als die Kreuzfahrer tags darauf ein zweites Mal Fremantle anlaufen mussten, weil in der Nacht der Abfahrt der Zielhafen Dubai geschlossen wurde, gerieten sie in einen politischen Sturm.

Der Gouverneur Westaustraliens, Mark McGowen, machte den Hafen für Kreuzfahrtschiffe einfach dicht und drohte sogar mit Militär. «Er heizte die Stimmung unnötig an. Seine Informationen waren nachweislich falsch», sagt Merkli. McGowen behauptete, es befänden sich 250 positive Coronafälle an Bord. Vor dem Schiff versammelte sich derweil eine Menschenschar und demonstrierte. «Leave and go away», stand auf Plakaten.

«Es ist alles noch recht surreal»

Anlaufziele hätten wie die Handtücher in der Kabine gewechselt. Die internationale Corona-Lage zwang Kapitän Leotta ständig dazu, seinen Kurs neu zu definieren, schildert Uwe Dulias, ehemaliges Mitglied der «Bild»-Chefredaktion und ebenfalls auf dem Schiff, die Situation. Zweifel seien dennoch nie aufgekommen, sagt Reto Merkli. «Uns fehlte es auf dem Schiff ja an nichts. Aber die Ungewissheit, wie es weitergehen würde, die war natürlich da.» Am Ende erreichte die «MSC Magnifica» nach 19'000 Kilometern nonstop auf See Marseille. Von dort gings für Merkli per Bus zurück in die Schweiz.

Den Weg zurück in den Alltag dürfte ihm seine zweite Amtszeit als Ammann in Tegerfelden erleichtern. Als erstes wird es er sich um das Personalreglement kümmern. Am Dienstag folgte dann eine Telefonkonferenz mit den übrigen Ammännern aus dem Surbtal. Es sei alles ein wenig surreal, beschreibt Reto Merkli die neue Realität. «Aber er ist schön, wieder zu Hause zu sein.»

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