Tegerfelden
Wegen Chris Walters Burnout wird getanzt und gelacht

Die jüngste Produktion der Freilichtbühne Surbtal ist ein köstliches Spektakel und eine Reise zurück in die stimmungsvollen 70er-Jahre.

Rosmarie Mehlin (Text und Bilder)
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Schlagerstar Chris Walter (Stefan Lang) im Lädeli von seiner Schwester.
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Protest-Rockermusiker aus Berlin fordern röhrend Nieder mit dem Mammon.
Im Seniorenturnen von Ruth Hauenstein (Sonja Binder).
Die Zürchers aus Zürich verirren sich in die Provinz.
Autor und Regisseur Gallus Ottiker im 70er-Look.
Die Stammgäste in der Beiz staunen über die neue Serviertochter
Surbtalbühne bietet köstliches Spektakel

Schlagerstar Chris Walter (Stefan Lang) im Lädeli von seiner Schwester.

Rosmarie Mehlin

Der Tegerfelder Forstwerkhof hat jetzt eine Küche, eine Beiz, eine Bar. Es ist aber nicht so, dass Revierförster Felix Binder und seine Mitarbeiter nun Gäste, statt Wälder bewirtschaften. Vielmehr stellen sie einen stattlichen Teil ihres Werkhofs vorübergehend der Muse Thalia zur Verfügung: Die Freilichtbühne Surbtal spielt hier Theater. Und wie!

Die vierte Produktion in fünf Jahren

Obwohl die Laienbühne erst fünf Jahre alt ist, so ist «Open Air 70» bereits ihre vierte Produktion. Und wiederum steckt Gallus Ottiker – Initiant, Autor und Regisseur in Personalunion – dahinter: Sein Ideenreichtum, seine Tatkraft und seine Theaterleidenschaft werden kein bisschen weniger: Allein vom technischen Aufwand her übertrifft «Open Air 70» die bisherigen Produktionen; Kostüme, Requisiten, Frisuren, Fahrzeuge – bis ins Detail machen sie dem Titel alle Ehre.

Die Zahl steht für die 70er Jahre und damit für Minirock und Flower-Power, Siegeszug des Fernsehens und Hero Büchsenbohnen, Schlagerschnulzen, beginnender Bauboom und Terror der Roten Armee Fraktion. Gattiker hat all dies verpackt in ein turbulentes Stück mit viel Musik. Zum Musical fehlen einzig die Tanzeinlagen – aber Seniorenturnen unter authentischer Leitung von Frau Hauenstein (Sonja Binder) ist auch nicht ohne.

Ein ausgebrannter Chris Walter

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist der «Deutsche» Schlagerstar Chris Walter (Chris Walter) – «Sonnenschein und Wind im Haar, schöne Frauen stehen an der Bar ...» – dem die Frauenherzen in Massen zufliegen. In Tat und Wahrheit ist Chris ein Tegerfelder, der müde und ausgebrannt in seine Heimat zurückkehrt. Dort prallen Bewahren und Aufbruch aufeinander. Die Jugend setzt sich durch und organisiert ein Open Air, an dem die heimische Nachwuchsband ihr Debüt gibt, unterstützt von zwei Protestrockern aus Berlin (herrlich Roman Beerli und Marcel Eberhard).

Bis es soweit ist, geschieht viel. Fast ein bisschen zu viel, was die Aufmerksamkeit der Zuschauer mitunter etwas strapaziert. Profi Christian Antonius Müller hat die Musik komponiert und spielt sie live, zusammen mit drei weiteren Musikern. Die Songs – die kürzer würziger wären – werden nicht nur von Stefan Lang, sondern ganz besonders auch von Maria Kempe als Serviertochter sowie Tanja Schmid als Tochter des Schlagerstars professionell gesungen. Dazu mit Herzblut und Engagement, genau so, wie sämtliche Darstellerinnen und Darsteller – vom Kind bis zum Senior – für ihre Rollen sicht- und spürbar ganz Feuer und Flamme sind.

Detailreich und hoch motiviert
Alle Mitwirkenden verdienen sich Bestnoten– egal ob sie im Scheinwerferlicht, am Schminktisch, hinter der Bar, in der Küche stehen oder monatelang dafür gesorgt haben, dass ein fantastisches Bühnenbild das Publikum auf der gedeckten Tribüne entzückt: Auf einer riesigen weissen Leinwand gibt es zu Beginn und zwischendurch TV-«Public Viewing» von «Aktenzeichen XY» und «Die Abendmelodie». Hinter der Leinwand – Sesam öffne dich – tauchen abwechselnd die verschiedensten Spielorte auf: Ob Coiffeursalon oder Bauernstube, Beiz oder Dorfladen – vom Gummibaum bis zum Stammtisch-Aschenbecher fehlt darin kein stimmiges Detail: Wundervoll!

Auf der Bühne agieren 28 Männer, Frauen und Kinder. Dazu gesellen sich Dutzende von Helferinnen und Helfern. Stellvertretend sei noch einmal Gallus Ottiker genannt: Ihm ist es einmal mehr gelungen, mit seiner grenzenlosen Begeisterung fürs Theater einen sein Ensemble zu motivieren und gemeinsam, begleitet von Fantasie und technischem Grossaufwand, ein köstliches und vergnügliches «Open Air 70» auf die Beine zu stellen.

«Open Air 70» Wird im Forstwerkhof Weijdal Tegerfelden von heute bis zum 19. September noch 11 Mal gespielt. Weitere Infos und Vorverkauf unter www.openair70.ch.

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